Der Boden am Hauseingang von Julia Hösch ist pink eingefärbt vom Ameisengift. „Die schwarzen Haufen da, das sind die angesammelten Leichen“, erzählt sie. Bei gutem Wetter verbraucht sie zwei bis drei Dosen Gift die Woche. Nicht nur im Eingang ihres Hauses in Nürnberg, sondern im ganzen Garten streut sie das Insektizid. Trotzdem krabbeln noch immer zahlreiche Ameisen über den Gartenweg und in den Blumentöpfen. „Es ist ein Albtraum“, sagt sie.

Die ersten Tiere der invasiven Art seien im Mai aufgetaucht. Seitdem kämpfen Hösch und und ihre Nachbarn zusammen gegen den Befall der sogenannten Großen Drüsenameise, lateinisch Tapinoma magnum. „Ich hab die ohne Ende in der Wohnung gehabt“, erzählt ein Nachbar, „beim Fernsehschauen sind sie mir über die Füße gekrabbelt.“ Irgendwann wurde es Hösch zu viel und sie wandte sich an den Oberbürgermeister und das Landesamt für Umwelt. „‚Hilfe!‘ habe ich in den Betreff fett reingeschrieben“, erzählt sie, „‚Hilferufe aus Hasenbuck‘.“

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Ein Mitarbeiter des Umweltamtes sei dann mal mit dem Fahrrad vorbeigefahren, ihm seien die Ameisen die Beine hochgelaufen. „Der hat gesagt: ‚Ist ja ganz schön doll‘“, erinnert sich Hösch, „ein paar Tage später kam aber die Nachricht: Wir machen nichts, dafür sind wir nicht zuständig.“ Auch die Stadt habe mit einer Antwort auf sich warten lassen. Julia Hösch fühlte sich mit dem Problem alleingelassen, sie holte sich Rat bei Hans Blendinger vom Bürgerverein in Hasenbuck.

Hans Blendinger und Julia Hösch stehen wegen der Ameisen seit Monaten in engem Kontakt.

Hans Blendinger und Julia Hösch stehen wegen der Ameisen seit Monaten in engem Kontakt.

Foto: Luisa Brünger

Am 14. Juni schreibt Blendinger einen Eilbrief an den Oberbürgermeister. Betreff: „Massiver gefährlicher Ameisenbefall im Bereich der Ingolstädter Straße“. Der Oberbürgermeister sei aber nie gekommen, erzählt er: „Wir haben jetzt auch an den Ministerpräsidenten geschrieben.“ Er erhofft sich vor allem mehr Geld für die Bekämpfung der Ameisen.

Für die Bekämpfung stehen Anwohner und die Stadt in Kontakt mit Heike Feldhaar aus Bayreuth. Die Populationsökologin arbeitet mit Kammerjägern an Lösungen für den Befall. „Es gibt nicht die eine Silver-Bullet gegen die Ameise“, sagt Feldhaar. Experimentieren sei das Credo, denn eine Lösung müsse immer auch zu dem Befallgebiet passen. Spreche man über Beton-Flächen, sei Heißwasser oder ein Hochdruckreiniger sinnvoll. Gehe es hingegen um einen Befall im Garten, töte man mit Heißwasser nicht nur die invasive Art, sondern auch heimische Ameisen, Hummeln, Regenwürmer und Mäuse. Da brauche es andere Methoden.

Ein Problem sei, dass die Nester der Ameise nur schwer zu finden seien. „In Kabelschächten und unter Pflastersteinen bleiben die Insekten oft unbemerkt“, erklärt Feldhaar. Teils lägen Nester auch tiefer als einen Meter unter der Erde. Anwohnerin Hösch wusste sich damit allein nicht zu helfen und rief einen Schädlingsbekämpfer. Das löste das Problem aber nur für ein paar Tage. „Die sind aus allen Poren immer wieder nachgekommen“, erinnert sie sich.

Der Gehweg zum Haus von Julia Hösch ist noch immer heimgesucht von der invasiven Art.

Der Gehweg zum Haus von Julia Hösch ist noch immer heimgesucht von der invasiven Art.

Foto: Luisa Brünger

Das liegt an der Koloniestruktur der invasiven Art, erklärt Feldhaar. Die Ameisen würden sogenannte Superkolonien bilden. Das heißt: Eine Kolonie umfasst zahlreiche Nester mit mehreren Königinnen. Alle Nester einer Kolonie zu finden, sei ab einer gewissen Größe nahezu unmöglich. Die größte Superkolonie, die Feldhaar aus der Forschung kennt, sei von der Argentinischen Ameise: „Die Superkolonie geht einmal komplett ums Mittelmeer herum: französische Küste, spanische Küste, portugiesische Küste. Bis nach Nordspanien.“ Ihr Gebiet erstrecke sich über Tausende Quadratkilometer. So weit ist es bei der Großen Drüsenameise in Nürnberg noch nicht gekommen.

Um sich privat gegen die Ameise zu schützen, sei die stärkere Bepflanzung des eigenen Gartens eine Lösung. „Die Schwarze Wegameise, die häufigste Ameise in Bayern, ist ein natürlicher Gegenspieler der Großen Drüsenameise“, erklärt Feldhaar. In einem gesunden Garten könne die invasive Art so in Schach gehalten werden. Die Große Drüsenameise erkenne man ironischerweise nämlich daran, dass sie deutlich kleiner als ihre heimischen Verwandten ist: „100 heimische Ameisen können 300 von der Großen Drüsenameise einfach in Flucht schlagen oder sogar töten.“

An Gartenarbeit war für Hösch die letzten Monate aber nicht mehr zu denken. Die Ameisen auf ihrem Gelände sind aggressiv und ihre Bisse schmerzhaft. „Früher haben wir mit Julia auch oft im Garten gegrillt“, erinnert sich ein Nachbar, „diesen Sommer ging das nicht, wir haben nur drinnen gehockt.“

Julia Hösch am Rande ihres Grundstücks.

Julia Hösch am Rande ihres Grundstücks.

Foto: Luisa Brünger

Auch die nächsten Sommer könnte das Grillen ausfallen. „Wir werden diese Art nicht wieder loswerden“, sagt Feldhaar. Um sie ganz zu bekämpfen, sei die Entwicklung mittlerweile zu fortgeschritten – allein in Nürnberg geht Feldhaar von Tausenden Nestern aus. Aber auch im Oberrheingraben, in Hessen und in Südwest-Bayern wurden schon Kolonien gefunden. „Sie wird sich fast in ganz Deutschland wohlfühlen“, prognostiziert Feldhaar.

Ein Treiber der Ausbreitungsgeschwindigkeit: Hitze und Trockenheit. „Die lange Hitzewelle diesen Sommer hat unseren heimischen Ameisen massiv zugesetzt“, erzählt die Ameisenexpertin. Die Große Drüsenameise hingegen stamme aus dem mediterranen Raum. Trockene, sandige Flächen seien ihr ideales Habitat.

Blendinger vermutet, dass die Ameisen in Hasenbeck aus einer benachbarten Großbaustelle kommen. Er fährt in seinem Wagen an der Baustelle vorbei: „Sehen sie, das ist alles Sand. Da fühlen die sich natürlich wohl.“ Durch Erdbewegungen in der Baustelle sollen die Nester ausgegraben und vertrieben worden sein – unter anderem zu Julia Hösch und ihren Nachbarn.

In dieser Baustelle sollen die Nester der Großen Drüsenameise ausgebuddelt worden sein.

In dieser Baustelle sollen die Nester der Großen Drüsenameise ausgebuddelt worden sein.

Foto: Luisa Brünger

Das weitere Vorgehen scheint bei der Stadt noch ungeklärt zu sein. Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung erklärt die Stadt Nürnberg, dass schon Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden seien. So werde beispielsweise der Erdaushub der anliegenden Baustelle nicht weiterverwendet. Stattdessen werden die Ameisennester darin durch Verdichtung zerstört. Trotzdem bleibt die Bekämpfung schwer, so die Stadt. Laut Fachleuten sei noch kein Köder gefunden, auf den die Ameisen dauerhaft anspringen. Kosten seien für die Beseitigung bisher nicht angefallen.

Anders sieht es bei den Betroffenen in Hasenbuck aus. „Ich hab mittlerweile fast 300 Euro für Schädlingsbekämpfung ausgegeben“, erzählt ein Anwohner, „irgendwann ist auch mal genug.“ Zudem fallen auch Schäden durch die Ameisen an: Im Treppeneingang von Hösch ist die Verkleidung des Treppenaufgangs abgefallen, die Ameisen haben die Türklingel zerfressen und auch für das Fundament des Hauses könnten sie zu einem Problem werden.

Am 5. Oktober soll nun ein Infoabend von der Stadt zu dem Befall stattfinden. Zu diesem sind die Bewohner des Stadtteils Hasenbuck eingeladen. Loslassen wird sie das Thema in nächster Zeit also voraussichtlich nicht.