Tobias Tiemann, 24, drückt einem jungen Mann zur Begrüßung selbst gebackenen Karottenkuchen in die Hand. Im Milla Café in der Fat Cat in München stehen rund ein Dutzend Tische, bestückt mit blau-weiß-karierten Schachbrettern. Auf manchen Tischen liegen zwei Bretter – insgesamt sind es 20. Trotz des kurzfristigen Ortswechsels sind an diesem Abend alle Bretter besetzt. Drinnen, vor dem Regen geschützt, begrüßt Tobias Tiemann alte Bekannte. Aber es sind auch Gäste zum ersten Mal da. Junge Menschen, die zuvor nie Schach gespielt haben.
Geduldig helfen Tobias Tiemann und seine Mitstreiter Daniel Ramos, 28, und Daksh Mishra, 22, allen, die Hilfe bei der Grundstellung benötigen: Turm auf A1, König auf E1. Sie ermöglichen einen leichten Einstieg in dieses Spiel – und darum geht es den drei jungen Männern aus München. „Uns hat die Idee gereizt, Schach stärker als sozialen Anlass zu denken“, sagt Tobias Tiemann. Daher haben sie einen sozialen Schachclub gegründet, „Knight Gambit“.
Daksh Mishra studiert Informatik. Tobias Tiemann absolviert ein praxisorientiertes Masterprogramm bei einem großen deutschen Technologiekonzern. Daniel Ramos hat sein Studium bereits abgeschlossen und arbeitet im Marketing. Alle drei sind sehr aufmerksam. Es kommt praktisch nie vor, dass ein Gast nicht persönlich begrüßt wird, auch wenn sie sich gerade im Gespräch befinden. Tobias Tiemann war während seiner Zeit in Dublin Präsident des Schachclubs der dortigen Business School. Daniel Ramos unterstützte lange Zeit ehrenamtlich Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Ihre positive Ausstrahlung färbt auf die Gäste ab. Kaum ein Verhalten wirkt unüberlegt. Die drei jungen Männer fühlen sich wohl unter Menschen.
Kennengelernt haben sie sich Anfang 2026 beim Schachspielen im Münchner Café Thali. „Dort fiel uns auf, dass wir oft die Jüngsten waren“, sagt Tobias Tiemann.
Schnell teilten sie eine gemeinsame Beobachtung: Schach sei verstaubt, zu alt, zu männlich und zu wenig sozial. Das wollen sie nun ändern.
Es ist 18.30 Uhr, ein Mittwoch Anfang August – und wieder einer dieser Abende, an denen die drei Freunde mit den gängigen Schachklischees brechen wollen. An diesem Abend ist das Café keine Männerdomäne. Und es fehlt nicht an Gesprächsbereitschaft. Bei den Abenden von „Knight Gambit“ gibt es keine übergroßen Egos, auch keine schweigeklosterähnliche Stille. Aus der Anlage wabert elektronische Musik im moderaten Tempo in den lichtdurchfluteten Raum.
Das ernste Vereinsspiel habe ihm nie so viel Spaß gemacht, erklärt Daksh Mishra. Bei ihren Schachabenden hingegen gebe es eine gechillte Atmosphäre, fügt er an. Stammgäste, die neben ihm stehen, nicken zustimmend. Allmählich füllen sich die Tische mit Weingläsern, Flaschen und Tellern mit Karottenkuchen.
Elektronische Musik läuft im Hintergrund – laut genug, um die Stille zu brechen, leise genug für Gespräche. An jedem zweiten Tisch wird Englisch gesprochen – die gemeinsame Sprache vieler internationaler Großstadtbekanntschaften.
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SZ PlusVon Sophie-Louise Gartmann
Das Niveau am Brett reicht vom Turnierspieler, der im Sekundentakt mit chirurgischer Präzision sowohl Läufer als auch Schachuhr bedient, bis zum Anfänger, der froh ist, fehlerfrei eine Rochade hinzubekommen.
Alle zwei Wochen organisieren die drei Freunde an wechselnden Orten Schachabende. Daniel Ramos erklärt, für ihn sei es wichtig, dass sich die Leute so wohlfühlen, dass sie wiederkommen. „Bisher funktioniert das gut“, sagt er. Ständig wechseln sie von Tisch zu Tisch. Sie fragen nach Beruf, Hobby und Lieblingseröffnung, geben Tipps und achten darauf, dass nicht immer dieselben Spieler gegeneinander antreten. Ihr Ziel: Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. „Ich habe hier schon viele unterschiedliche Menschen kennengelernt“, sagt ein junger Mann, der regelmäßig zu diesen Schachabenden kommt.
An ihrem erfolgreichsten Abend zählten sie 70 Teilnehmer. Das Publikum ist eher jung, international und bunt gemischt: Studenten, einige Berufstätige, Männer und Frauen. Dass solche Formate aktuell einen Nerv treffen, zeigen Erfolgsgeschichten aus anderen Großstädten – wie der „LA Chess Club“, der inzwischen sogar eine Dating-App betreibt.
Tobias Tiemann, Daniel Ramos und Daksh Mishra werben hauptsächlich in den sozialen Medien für ihre Abende. Die digitalen Plattformen dienen ihnen dabei als Mittel zum Zweck: Sie nutzen sie, um Menschen an einen Ort zu bringen, an dem persönliche Begegnungen möglich werden.
Der Anstoß dazu kam auch aus der Corona-Pandemie: Schach wurde online populär, und die drei Gründer fanden auf ganz unterschiedliche Weise zu dem Spiel zurück. Während Daksh Mishra in dieser Zeit Schach für sich entdeckte, fanden Tobias Tiemann und Daniel Ramos – die seit ihrer Jugend spielen – den Weg zurück ans Brett. Wie Millionen andere Menschen verbrachten sie viel Zeit auf Online-Schachportalen. „Ich habe mir während Covid ‚The Queen‘s Gambit‘ angesehen“, sagt Tobias Tiemann – die Serie wird häufig als ein Auslöser des neuen Schachbooms genannt.
Mit „Knight Gambit“ übersetzen die drei jungen Münchner diesen Hype – mit etwas Verzögerung – in die analoge Welt. Aktuell haben sie rund 20 Schachbretter, die sie den Teilnehmern zur Verfügung stellen. Wichtig für Tobias Tiemann: „Die Einstiegshürde soll weiterhin so niedrig wie möglich bleiben.“
Die am häufigsten gestellte Frage aus der Community betrifft genau dieses Thema. „Die Standardfrage lautet: Ich bin Anfänger, kann ich trotzdem kommen?“, sagt Daniel Ramos. „Die Antwort ist immer: Ja. Uns ist wichtig, dass eine junge, gemischte Runde zusammenkommt“, fügt er an.
Für sie spielt das Können keine Rolle. Jeder ist willkommen. Ihr Konzept laute „social first“, sagt Tobias Tiemann. Die einzige Hürde, sagt Tiemann, sei die eigene Überwindung, überhaupt hierherzukommen. Wer kommen will, muss nichts können. Er muss nur bereit sein, sich an ein Brett zu setzen.
Junge Leute
München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Hier werden diese Menschen vorgestellt – von jungen Autoren.
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