Zum 80. Geburtstag von Freddie Mercury veröffentlicht Mary Austin, seine einstige Verlobte und engste Freundin bis zu seinem Tod, das Buch „Ein Leben in Songs“. Und zeigt ein intimes Porträt des Ausnahmesängers.

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Freddie Mercury trägt auf einem der vielen bislang unveröffentlichten Fotos im neuen Buch von Mary Austin eine Katze auf dem Rücken wie ein Baby. Auf einem anderen drückt er ihr einen Kuss auf den Kopf, auf einem dritten wiegt er sie behutsam im Arm. Es sind Bilder, die man vom größten Paradiesvogel der Rockmusik nicht kennt – einem Künstler, den man sich eher in seinen ikonischen Posen vorstellt, schweißnass, die Faust gen Himmel gereckt, vor hunderttausend Menschen. „Er liebte ihre Unabhängigkeit, diesen Hauch von etwas Wildem“, erzählt Mary im Interview mit WELT über Mercurys Katzen Tom, Jerry, Goliath und Delilah. „Katzen faszinierten ihn, weil sie etwas in ihm selbst widerspiegelten. In gewissem Sinne waren sie seine Musen. Ich glaube, für Freddie war das ganze Leben eine Muse.“

Das ganze Leben eine Muse: ein Satz, der auch die Essenz ihres Buches „Ein Leben in Songs“ (C. H. Beck) treffend zusammenfasst, jene überbordende Hommage mit privaten, bisher nie gesehenen Fotos sowie zahlreichen Notizzetteln mit gekritzelten Texten zu den großen Queen-Hits. Am 5. September wäre der 1991 verstorbene Freddie Mercury 80 Jahre alt geworden. Wer verstehen will, warum die heute 75-jährige Mary Austin, die Frau, der Mercury an Weihnachten 1973 einen Heiratsantrag machte, bevor er ihr Jahre später seine Bisexualität offenbarte, noch immer so warmherzig über ihn spricht, muss begreifen, was diese beiden verband: eine Liebe, die sich wandelte, aber nie aufhörte. Er vermachte ihr nach seinem Tod die Hälfte seines Besitzes, darunter sein Haus in Kensington, die Garden Lodge. Das Buch wirkt zuweilen wie ein Hochzeitsalbum zweier Menschen, die nur nie im traditionellen Sinne verheiratet waren. „Wir haben uns einfach geliebt“, sagt sie. „Die Bezeichnung für diese Liebe hat sich im Laufe der Jahre verändert und wurde irgendwann überflüssig. Sie war – und ist bis heute – bedingungslos.“

Es gibt Dutzende Bücher, Dokus und Filme über Queen. Doch „Ein Leben in Songs“ zeigt einen Mercury, wie man ihn noch nicht gesehen hat: privat, schüchtern, verspielt, verletzlich. Seit 2022 durchforstete Austin in der Garden Lodge Truhen, Schubladen und die Klavierbank und stieß auf Fotos und Notizblöcke mit Songtexten. Das Buch beginnt mit einer Anekdote im Pub „The Swan“, als Freddie, Gitarrist Brian May, Schlagzeuger Roger Taylor und Austin über einen Bandnamen debattierten. May schlug „Build Your Own Boat“ vor, was auch Austin gefiel, Mercury „Queen“ – und fragte ausgerechnet Austin nach ihrer Meinung. „Freddie wusste bereits, was er wollte, und nichts, was ich – oder sonst irgendjemand – gesagt hätte, hätte ihn umgestimmt“, sagt sie, und fügt hinzu, sie glaube nicht, dass er sie in jenem Moment ernsthaft auf die Probe stellen wollte. „Er war eher neugierig und verspielt.“

Neugierig und verspielt – das trifft auch auf Mercurys überbordende Kreativität zu. So entstanden Teile von „Bohemian Rhapsody“ und vieler anderer Songs auf Notizblöcken der Fluggesellschaft British Midland Airways, bei der Mercurys Vater arbeitete. „Inspiration meldete sich bei ihm nicht höflich an, er griff auf sie zu, wo immer sie ihn traf“, erklärt Austin. Nachdem ihre Liebesbeziehung 1976 zerbrochen war, blieben die beiden engste Freunde – und, wie Austin es nennt, Familie. Offen schreibt sie über den schwersten Konflikt ihrer Freundschaft: die Tage vor dem Konzertereignis Live Aid 1985, als sie Mercury zu dem Auftritt drängte, er das anfangs nicht wollte und später tagelang nicht mit ihr sprach. „Wir waren immer ehrlich zueinander“, sagt sie. „Aber Ehrlichkeit ist nicht immer einfach.“ Erst später sei ihr bewusst geworden, wie sehr gerade dieser Auftritt ihm sein Selbstvertrauen zurückgab.

Auch von Mercurys Kampfeswillen erzählt das Buch: Die Zusammenarbeit mit der Opernsängerin Montserrat Caballé an „Barcelona“ begann 1987, als er bereits an den Folgen seiner Aids-Erkrankung litt, Kraft und Sehvermögen verlor. „Selbst unter Schmerzen wollte er weiterschreiben“, sagt Austin. Am 23. November 1991 gab Mercury öffentlich bekannt, an Aids erkrankt zu sein – einen Tag später starb er in der Garden Lodge.

Dieses Buch ist nicht nur eine Schatztruhe für seine Fans – es ist zugleich sein Vermächtnis, das ihn in all seiner schillernden Vielseitigkeit zeigt, die auch den Sound von Queens ausgemacht hat. Dieses Spiel ohne Grenzen: mit seiner Mischung aus Prog- und Stadionrock, mit Anleihen bei Swing und sogar Rap – anything goes. Songs wie „We Will Rock You“, „We Are The Champions“, „Crazy Little Thing Called Love“ oder „Who Wants To Live Forever“ wurden zu Welthits und Hymnen, die noch heute jeder kennt. Auf Spotify verzeichnet Queen monatlich 48,5 Millionen Hörerinnen und Hörer – mehr als Beatles (36,6 Millionen) und Rolling Stones (29,7 Millionen). Der Kinofilm „Bohemian Rhapsody“ (2018), für den Rami Malek einen Oscar erhielt, brachte Queen einem jungen Publikum nahe.

Zu seinem 80. Geburtstag folgen zwei weitere Hommagen: Am 24. Oktober eröffnet das Londoner V&A Museum die Ausstellung „Freddie Mercury. Splendid Things“ mit Bühnenoutfits – an deren Auswahl Austin mitwirkte. Am 7. Oktober kommt der Konzertfilm „Queen Budapest“ in die Kinos, ein Mitschnitt des ersten Auftritts der Band hinter dem Eisernen Vorhang im Jahr 1986.

Am Ende des Buches von Mary Austin steht die Frage nach „These Are The Days Of Our Lives“, dem letzten Video von 1991, in dem Mercury flüstert: „I still love you.“ An wen hat er diese Botschaft gerichtet – an seine Fans, das Leben an sich oder vielleicht doch seine ehemalige Verlobte und lebenslange Vertraute? Austins Antwort: „Ich habe immer geglaubt, dass er diesen Satz im weitesten Sinne meinte: an seine Fans, an jene von uns, die ihm nahestanden, und, ja, an das Leben, das er gelebt hat.“ Er selbst hatte es 1978 mal so formuliert: „Ich liebe es, mich mit prunkvollen Dingen zu umgeben. Ich möchte ein viktorianisches Leben führen, umgeben von exquisitem Krimskrams.“ Ein Leben, randvoll mit Songs, Katzen, Freunden – und einer Liebe, die nie wirklich endete.