Dieses Pferd ist die Ruhe selbst. Aus seinen großen dunklen Augen blickt der schwarze Hannoveraner vollkommen gelassen auf seine Bewunderer. Ein kräftiger, „großrahmiger“ Wallach, wie die Reiter sagen. Klein und zierlich wäre für den Job, den er zu tun hat, auch nicht passend, denn „Vince“ trägt schon mal drei Mädchen auf einmal, 150 Kilo kommen da durchaus zusammen. Er ist ein Voltigierpferd, aber nicht irgendeines, sondern ein Weltmeisterschaftspferd. Beim CHIO in Aachen brillierte der vierbeinige Ausnahmeathlet. Dass er in irgendeiner Pferdesportdisziplin mal in internationale Medaillenränge kommen würde, war allerdings vor einigen Jahren noch nicht abzusehen.
Denn gedacht war Da Vinci, wie er laut seinen Papieren heißt, als Reitpferd, Schwerpunkt Dressur. „Da ist er auch nicht schlecht, und ich reite ihn auch noch dressurmäßig. Aber Vince hat eine kleine Macke, er hatte sich als Jungpferd am Bein verletzt. Das ist zwar vollkommen ausgeheilt, aber es blieb eine Narbe. Und da ein Dressurpferd in der Prüfung keine Gamaschen oder Bandagen tragen darf, würde man sie womöglich sehen. Ein winziger Schönheitsfehler . . .“ Einer, der weder seine Besitzerin Helena Pyka, noch ihr „Team Vince“ stört. Und offenbar auch nicht die Fachleute, die bei der Reit-WM in Aachen die Voltigierer bewerteten oder bejubelten. Für Helena Pyka, die aus Kellen stammt und heute Gocherin ist, war es Liebe auf den ersten Blick, die sie und den Rappwallach zusammenbrachte. „Es hat zwischen uns sofort gefunkt.“
Liebe auf den ersten Blick in Hamm
Über die Plattform „E-Horses“ hatte sie nach einem geeigneten Voltigierpferd gesucht und war nach Hamm gefahren, um sich einen Kandidaten anzusehen. Er war es nicht – aber vor Ort wurde ihr noch ein zweites Pferd angeboten, und das war Da Vinci. „Ich habe mit fünf Jahren angefangen zu voltigieren, mit zwölf half ich schon beim Training. Lange Zeit in Kalkar, von dort sind wir dann aber als Team weggegangen. Ich wollte unsere Gruppe mit einem neuen Pferd weiterbringen.“
Parallel zur Suche nach dem perfekten Vierbeiner musste ein neuer Stall her – und wurde beim Club der Pferdefreunde in Goch gefunden. Dort gibt es auch schon lange eine Voltigierabteilung, „rund 70 Voltigierer in allen Leistungsklassen sind bei uns aktiv“, berichtet der Vorsitzende des Gocher Reitervereins, Reiner Kunz. „Reiter“ sind die „Voltis“ im engeren Sinne nicht, und sie nennen sich auch selbst nicht so. Sie sind Turnerinnen auf dem galoppierenden Pferd.
Das Testen von Vince wird Helena Pyka wohl nie vergessen. Obwohl er so etwas nicht kannte, ließ er gleich zu, dass zwei junge Frauen auf seinem Rücken standen. „Und er hat sich auch auf die weitere Ausbildung eingelassen. Vince ist immer absolut gelassen und Kopf-klar. Schon bald konnten wir ihn in den Trainingsbetrieb einbauen.“ Während „Navarro“ mit dem Nachwuchs arbeitet, ist Vince den Fortgeschrittenen vorbehalten. Und ab und zu verhilft er echten Cracks zu Medaillen.
Das „Team Vince“ war im L-Bereich schon Deutscher Meister und sahnte bei den Rheinischen Meisterschaften der Junioren in Klasse S ab. Wer in der höchsten Leistungsklasse erfolgreich unterwegs ist, zieht natürlich auch international das Interesse der Branche auf sich. So kam es, dass eine niederländische Einzelvoltigiererin, deren Pferd verletzt war, und ein männlicher (sehr selten!) Voltigierer aus Italien, dem zurzeit ein geeignetes Pferd fehlte, Kontakt zur Chefin des Team Vince aufnahm.
Von Goch aufs internationale Parkett
„Elle van Dijk trainierte ein paarmal hier in unserer Gocher Reithalle, Davide Zanella lernte Vince erst in Aachen kennen“, erzählt Helena Pyka. Sie selbst und die Freundinnen und Sportkameradinnen Laura Stofels und Birte Freericks wichen in Aachen natürlich kaum von Vinces Seite, ließen ihm zwischen den Prüfungen Wellness-Einheiten wie Kraulen, Abkühlen mit Wasser und Spaziergänge zukommen.
Als Einzelvoltigierer reichte es für van Dijk nicht für einen vorderen Platz, der Italiener verpasste aber Bronze nur ganz knapp: Longiert von seiner Besitzerin persönlich trug Vince den jungen Mann zum vierten Platz. In der Team-Wertung des Nationenpreises sprang für ihn, dessen Einzelbeitrag mit Da Vinci zählte, sogar Bronze heraus, im Pas de Deux (auf einem anderen Pferd) Silber. Nun steht im Stall des Clubs der Pferdefreunde also ein Weltmeisterschaftspferd.