Wer an diesem Montag auf der Berliner Oberbaumbrücke Richtung Arena am Ostbahnhof schlenderte, kam an den Farben nicht vorbei. Schwarz, Rot und Gelb dominierten auf Fahnen, in geschminkten Gesichtern und auf T-Shirts, ein klares Zeichen, dass an diesem Tag das deutsche Basketball-Nationalteam ein WM-Spiel absolvieren würde. Allein: Diese bestens gelaunten jungen Leute waren nicht aus Deutschland, sondern aus Belgien. Ihr Team hatte sich zur Mittagszeit an selber Stelle mit einem 80:68 gegen Australien als Gruppensieger fürs Viertelfinale qualifiziert. Belgische Basketballfans sind dieser Tage keine Seltenheit in der Hauptstadt.

An die 1000 sollen ihrer Mannschaft, immerhin amtierende Europameisterinnen, gefolgt sein, inklusive Fan-Walk zur Halle. Und so gab es abends beim letzten Gruppenspiel der DBB-Auswahl gegen Mali Entscheidendes zu klären: Kommt es bei diesem Turnier noch zum Treffen zwischen Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Rot-Gelb, den als Gegner feststehenden Belgierinnen? Müssen die Deutschen erst noch einen Umweg über die Zwischenrunde gegen Ungarn oder Südkorea nehmen? Oder ereilt sie gar ein undenkbares Aus: Niederlage gegen Mali, während im Parallelspiel in der Max-Schmeling-Halle Japan die Spanierinnen schlägt? Kompliziert, aber alles möglich. So ganz hatten es die DBB-Frauen eben selbst nicht in der Hand.

Deutschland bei der Basketball-WM

:Seid wie Wasser, Freundinnen

Nach dem Katastrophenstart gegen Spanien haben die deutschen Basketballerinnen nun doch Chancen aufs WM‑Viertelfinale. Das liegt an einem Sinneswandel – und vielleicht auch ein wenig an Bruce Lee.

SZ PlusVon Jonas Beckenkamp

Sie leisteten dann ihren Beitrag, dass es nicht die letzte Variante wurde, ein Scheitern noch vor dem Viertelfinale hätte diese Heim-WM aus deutscher Sicht in ganz andere Farben getrübt. Dieses Szenario bleibt dem Gastgeber nach dem 83:58 gegen die Malierinnen erspart – dank der nächsten Vorstellung mit Signalwirkung: Geht am Ende wirklich was Richtung Medaille, wie sie es beim DBB ja durchaus erhoffen? Abwarten, erst einmal folgt auf dem Weg in ein mögliches Viertelfinale am Dienstag ein Play-in-Duell mit Südkorea, da die Spanierinnen sich mit einem Erfolg gegen Japan den Gruppensieg holten.

Als die Partie gegen Mali ihren Lauf nahm, manifestierten sich erst einmal mehrere Gewissheiten. Einerseits scheint das Berliner Publikum wirklich Bock auf Frauenbasketball zu haben. Laut ging es zu, was gleich an doppeltem Getrommel lag: Es ertönte aus der deutschen Fankurve hinter dem Korb, aber auch von der Seite, wo malische Zuschauer ihrer Folklore frönten. Auf der anderen Seite feuerte die deutschen Frauen aus der ersten Reihe das halbe Männer-Nationalteam an: Dennis Schröder, die Alba-Profis Jonas Mattisseck (mit Partnerin Minerva Hase), Malte Delow und Jack Kayil – alle da. Promi-Auflauf beim Frauenbasketball? Vielleicht etwas banal, aber wer weiß, ob die vor ein paar Jahren auch gekommen wären.

Und der Sport im ersten Viertel? Es endete mit Vorteilen für die DBB-Equipe, die der Physis der Westafrikanerinnen schnelles Passspiel und ein engagiertes Trio entgegensetzte: Leonie Fiebich traf diesmal ihren ersten Dreier, Luisa Geiselsöder (letztlich 17 Punkte) wühlte am Korb, Nyara Sabally wirkte nach ihrer Wadenverletzung immer weniger gehemmt, 23:18 für Deutschland.

Und dann kam Alexis Peterson, die zuletzt erkrankte Spielmacherin, mit der Energie einer Ein-Frau-Kampfeinheit. Sie brachte einen Extrafunken, als sie ihrer Gegnerin den Ball einfach wegriss und punktete. Der Vorsprung wuchs langsam an, auch dank Treffern von Frieda Bühner (am Ende Topscorerin mit 21 Zählern), deren Abgezocktheit man wohl nur haben kann, wenn man mit 22 schon in der US-Profiliga WNBA spielt. Bundestrainer Olaf Lange fasste sich ungläubig an den Kopf, als ein Dreier von Alex Wilke (echte Berlinerin!) das 43:29 besorgte. Ein Auftritt voller Intensität war das, ganz anders als noch bei der Auftaktpleite gegen Spanien. 49:32 zur Pause.

Zur Lernkurve der DBB-Frauen bei diesem Turnier zählt auch, dass sie offenbar beschlossen haben, weniger Schwankungen in ihr Spiel zu lassen. Das Niveau blieb auch in der zweiten Halbzeit hoch, das Rebounding klappte dank meist gutem Timing an den Brettern. Fiebich machte wieder ein bisschen was von allem (außer Dreier, da sucht sie noch ihr Händchen), die Defensive stand den Malierinnen auf den Füßen, so ergab sich ein beruhigender Zwischenstand von 64:44 nach drei Vierteln. Entscheidender waren aber die Überzeugung und Ernsthaftigkeit, die das deutsche Spiel prägten. Verlieren war hier schlicht keine Option, das sprach aus beinahe jeder Aktion.

Der Bundestrainer nutzte den Vorsprung für ein wenig Rotation, er versorgte die Münchnerin Emily Bessoir mir mehr Minuten, nachdem sie bisher im Turnier wenig Parkettluft erlebt hatte. Und er genehmigte Sabally Pausen auf der Bank, damit die deutsche Centerin nach ihrer wochenlangen Verletzungsphase durchschnaufen konnte. Und Bühner? Die bewies weiter ihre Klasse, die sie bei den Portland Fire diese Saison auch schon angedeutet hatte. So ist also das Duell mit den Belgierinnen weiter möglich – und da gilt es noch etwas geradezurücken: Bei der vergangenen EM verlor Deutschland im Viertelfinale haushoch gegen die „Cats“ aus dem Nachbarland.