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Uns auf Google folgenvon links: Justin Hibbeler, Emilia Reichenbach, Annalena Haering, Nora Quest, Philipp Staschull, Günther Harder, Zazie Cayla, Foto © Admill Kuyler

Bühnenszene: Justin Hibbeler (von links) Emilia Reichenbach, Annalena Haering, Nora Quest, Philipp Staschull, Günther Harder und Zazie Cayla. © Admill Kuyler/Staatstheater

Sarah Franke feiert ihre Uraufführung „End of beginnings, ich fühls!“ am Kasseler Staatstheater. Das Publikum würdigte die Premiere teils im Stehen – doch eine Szene überfrachtet den Abend.

Kassel – „Skelett Klapperklapper, Zombiezombie Schreischrei!“ Mit Jahrmarkt-Anheizer-Stimme lockt Günther Harder als Moderator Vittorio Stellwerck das Publikum an. Lippen ganz nah am Mikro, mit an- und abschwellender Lautstärke, verführerisch wie ein halbseidener Magier. Charismatisch führt er durch den Abend auf einer Bühne, die mit Riffelblechplatten belegt ist wie eine Rummelplatzattraktion. Am Kasseler Staatstheater stellt sich Sarah Franke als neue Schauspieldirektorin mit ihrer Produktion „End of beginnings, ich fühls!“ vor. Die Premiere im nicht ganz gefüllten Schauspielhaus am Freitag wurde mit freundlichem Applaus, teils im Stehen, gewürdigt.

Der schamanische Moderator ist hier zugleich Gastgeber einer Radio-Show. Ghost FM, der Geisterbahnsender. Ann-Christine Müller hat auf die Bühne ein Fahrgeschäft gebaut. Unterhalb der tribünenartigen Sitzplätze dieses „Radio Dancer“ befinden sich Kabinette, in denen Geisterbahngeister wohnen. Staubsauger und Bügelbrett stehen herum, man sieht Hanteln fürs Training und eine Wäscheleine, auf der Monstermasken angeklammert sind.

Menschen hinterlassen Spuren – Gegenstände, Erinnerungen, Schuldgefühle

Zwischen Geisterbahn und Radioshow entwickelt sich langsam der Kerngedanke des Stücks: Wenn ein Mensch stirbt, bleiben Erinnerungen und Schuldgefühle, aber auch Wortschnipsel und Ungesagtes zurück. Sie schwirren – besser: geistern – weiter herum im Leben der Hinterbliebenen. Diese Ausgangsthese ist lohnendes Gedankenfutter. An viele der collagenhaften Dialoge und Monologe, die mit dem Ensemble entwickelt wurden, können die Zuschauer anknüpfen, sie mit eigenen Erfahrungen auffüllen.

Die Geisterbahn-Radio-Figuren zappeln immer wieder (und manchmal auch etwas zu ausgiebig und zu albern) als Zombies über die Bühnenkonstruktion. Dabei sprechen sie über diese kleinen, kaum merklichen Lücken vor einem Ende und nach einem Anfang. Sie sagen: Diese Lücken sind es, die bei uns Ungewissheit, wenn nicht sogar Angst, hervorrufen. Was machen wir damit? Wir tun heutzutage alles, um solche Ungewissheiten wegzufegen, sinniert Talk-Show-Host Vittorio Stellwerck. Das allwissende Internet macht’s möglich. Doch tut uns diese Illusion der Allwissenheit und der Komplettkontrolle gut? Brauchen wir fürs Menschsein nicht auch unser Zögern, unsere Ängste, unsere Momente des Nicht-Orientiertseins? „Skelett Klapperklapper Zombiezombie Schreischrei!“ Die Geisterbahngeister ziehen sich in ihre Katakomben zurück. Live-Musikerin Rahel Hutter sorgt für die Soundkulisse, es wird auch gesungen.

Im nächsten Step weitet sich der 140-Minuten-Abend ins Gesellschaftliche. Thomas Manns Radioansprache „Deutsche Hörer!“ aus den 1940er-Jahren kommt zu Gehör: Auch hier geht es um Verdrängung. Warum haben die Deutschen die Nazibarbarei nicht verhindert? Justin Hibbeler schlenkert seine Gliedmaßen als eine Art Marionetten-Schriftsteller zu den O-Tönen herum, er trägt dazu Hüftbeutel und Trekkingsandalen (Kostüme: Bettina Werner).

Beim Thema Emanzipation vermisst man den Kontext

Zum Thema Frauenemanzipation wird der Abend dann völlig überfrachtet. Die wie immer großartige Annalena Haering zelebriert eine Berühmte-Frauen-Szene mit Figuren von Elisabeth Selbert über Margaret Thatcher bis Angela Merkel. Kurze Momente zu Gleichberechtigung und Diskriminierung im Politbetrieb, die im kollektiven Gedächtnis geblieben sind. So schnell kann man im Zuschauerraum aber nicht einordnen, verstehen, folgen. Man wird vielmehr mit Zitaten und den zombieartigen Grotesk-Verkörperungen überfrachtet. Die in anderen Szenen liebevoll konstruierte Detailfülle geht hier nicht auf, auch, weil die Kontexte fehlen.

Es spielen außerdem Zazie Cayla, Emilia Reichenbach und Philipp Staschull. Und Nora Quest, die in der Geisterbahn als Horrorbraut kostümiert ist. Während Günther Harder vorn an der Bühne die Radioshow moderiert, sehen wir sie im Brautkleid in einer bühnenbreiten Videoprojektion am Steuer eines Autos. Nahaufnahme. Fahrt durch die Nacht. Auch einer dieser Zwischenräume. Vielleicht nach einem Ende? Im Kopf springt die Fantasie an. Und wird auf immer neue Fährten gelenkt. Ist die Braut froh? Befreit? Dann ihr Griff zur Bierflasche. Doch nicht froh? Dann ihr Griff zum Lippenstift. Sie überschmiert ihren Mund, malt sich schließlich das halbe Gesicht rot und erinnert damit fast an Joker, den Comic-Bösewicht. Und das Radio läuft. In diesen poetischen Momenten ist der Theaterabend ganz bei sich.