
Zwei Sätze wie eine Machtdemonstration und dann nervenstark: Alexander Zverev hat mit einem 6:2, 6:2, 7:6 (7:3) gegen Luciano Darderi problemlos das Viertelfinale der US Open erreicht. Dort trifft er mit Botic van de Zandschulp auf den nächsten Underdog.
„Ich war sehr beständig, nur im dritten Satz war es sehr schwer. Ich habe selten jemanden gesehen, der über einen Satz so hart schlägt, aber ich habe es geschafft“, sagte Zverev, der bei den diesjährigen US Open nie so früh mit einem Match durch war und deswegen scherzte: „Es ist vor Mitternacht, ich weiß gar nicht, ob ich jetzt trainieren oder an die Bar gehen soll … Das mache ich natürlich nicht, keine Sorge.“
Man hätte schon vor der Partie vermuten können, dass der Italiener für Zverev kein allzu großer Prüfstein werden würde, wenn er seine Normalform zeigt. Darderi hatte im Vorfeld keinen Top-100-Spieler bezwingen müssen, um es so weit zu schaffen, aber trotz der fehlenden gegnerischen Qualität schon über zehn Stunden in den Beinen. Zwar war auch Zverev schon länger auf dem Court als ihm lieb war, bei ihm war aber eine klare Steigerung zu sehen.
Zverev-Blitzstart dank starker Vorhand
Und die setzte sich auch in der zweiten Woche der US Open fort, vom ersten Ballwechsel an dominierte und begeisterte er mit einem neuen Prunkstück. Von der Mitte des Platzes aus diktierte Zverev mit seiner Vorhand Richtung und Tempo – wobei Letzteres stets auf höchstem Niveau war. Darderi eilte von einer Ecke in die andere, aber hatte keine Chance. Das Resultat: Es stand in Windeseile bereits 4:0 für den Favoriten.
Der musste beim Stand von 5:2 zwar tatsächlich sogar einen Breakball abwehren, doch nach 36 Minuten war der ersten Durchgang schon vorbei. Darderi hatte sich offenbar vorgenommen, viel über die Vorhand von Rückhand-Spezialist Zverev zu gehen – doch damit kam der Weltranglistenzweite hervorragend klar. Die Kräfteverhältnisse waren sehr eindeutig, aber: So war es auch im Mai in Rom, als Zverev im direkten Duell mit einem 6:1 gestartet war und die Partie noch verlor.
Die Vorhand war im ersten Satz die große Stärke von Alexander Zverev
Der erste läuft wie der zweite Satz
Der 29-Jährige wusste also um die Comeback-Qualitäten seines Gegners und blieb entsprechend auf dem Gaspedal. Zwar war Darderi im Gegensatz zum ersten Durchgang beim Start zäher und wehrte zwei Breakbälle ab, beim dritten unterlief ihm allerdings ein Doppelfehler und er geriet wieder sofort ins Hintertreffen. Und dann lief es wie zu Beginn des Spiels, Zverev legte nach, ging wieder mit 4:0 in Führung und Darderi warf vor Wut seinen Schläger zu Boden.
Das half immerhin insoweit, dass der Italiener seine nächsten beiden Aufschlagspiele gewann und sich Mut für den dritten Durchgang holte – weil er auch erkannte, dass er mit Stoppbällen erfolgreich sein kann. Nur kam er bei Zverevs Service gar nicht dazu, diese anzusetzen, da der Deutsche dort nach wie vor zu dominant agierte. So war nach nur 1:18 Stunden bereits der zweite Satz beendet.
Darderi musste mehr laufen, machte mehr Fehler, dafür schlug Zverev mehr Winner – praktisch alle Statistiken waren auf der Seite das French-Open-Siegers. Am eklatantesten war aber, dass Darderi in den ersten beiden Sätzen nur 42 Prozent seiner ersten Aufschläge ins Feld brachte und beim zweiten Service nur zu 30 Prozent den Punkt machte – so hat man auch gegen schwächere Gegner als den an diesem Tag so starken Zverev keine Chance.
Darderi macht es im dritten Durchgang spannend
Klar war aber auch, dass Darderi das Match nicht vorschnell abschenken würde. Und im Gegensatz zu den beiden ersten Durchgängen gelang es ihm auch, den dritten Satz mit einem erfolgreichen Aufschlagspiel zu eröffnen und zum ersten Mal im gesamten Spielverlauf in Führung zu gehen. Beim Stand von 2:2 musste er Zverevs erste Breakchance abwehren und hielt sein Service, erstmals ging er positiv emotional aus sich heraus und schien an die Wende zu glauben.
Zverev hatte dann bei 0:30 die erste wirklich enge Situation des Matches zu bewältigen, und er meisterte auch die souverän. Doch er hatte ein anderes Problem, das war der erste Aufschlag von Darderi, der nun zu über 60 Prozent kam und in 94 Prozent der Fälle auch den Punkt brachte. Als es 5:5 stand, änderte sich das, doch Zverev ließ vier Breakbälle ungenutzt und musste so in den Tie Break. Dort zeigte er seine Nervenstärke und nutzte nach 2:31 Stunden seinen ersten Matchball zum 7:3.
In den ersten beiden Partien hatte Zverev 9:26 Stunden auf dem Platz verbracht, in den folgenden Spielen waren es nur 4:57 Stunden – nach den Kraftakten ist er nun also deutlich ernergiesparender im Eiltempo unterwegs. Geschafft hat er das, weil er seinen Rhythmus in New York gefunden hat und sein Spiel nach wie vor mit jedem Auftritt besser wird. Botic van de Zandschulp ist sein nächster Gegner, wieder einer, der auf dem Papier kein Problem sein könnte. Zverev selbst hat das in der Hand, sonst keiner.
