Einen Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt trifft Sahra Wagenknecht vom BSW bei „Lanz“ auf AfD-Chef Tino Chrupalla. Wird hier schon eine künftige Koalition in Magdeburg verhandelt, oder beginnt für die AfD der Anfang vom Ende ihrer erhofften Regierungsverantwortung? Die ZDF-Sendung in der TV-Kritik.

Die Gäste

  • Sahra Wagenknecht, Gründerin des BSW
  • Tino Chrupalla, Co-Vorsitzender der AfD
  • Melanie Amann, Chefredakteurin Digital der Funke Zentralredaktion
  • Peter R. Neumann, Sicherheitsexperte

Einigkeit bei Russland

Wer „Lanz“ am Montagabend vorzeitig abgeschaltet hat, dessen Ohren werden es ihm danken. Vor lauter Geschrei ist von der Sendung bisweilen wenig zu verstehen. Auch inhaltlich bleiben viele Fragen offen, obwohl die Situation unübersichtlicher und politisch heikler kaum sein könnte.

Nach ihrem historischen Wahlsieg in Sachsen-Anhalt ringt die AfD mit der Frage, ob sie das Bundesland überhaupt regieren möchte – und wenn ja, wie. Fest steht: Das BSW könnte als Mehrheitsbeschafferin eine entscheidende Rolle spielen. Wie praktisch, dass Markus Lanz ausgerechnet den Parteichef der AfD und die Gründerin des BSW zu Gast hat. Mit Tino Chrupalla und Sahra Wagenknecht, so würde man meinen, gibt es an diesem Abend vor allem eines zu besprechen: Regiert ihr bald zusammen?

Stattdessen bricht der Moderator eine ausführliche Diskussion über den Ukraine-Krieg vom Zaun. Als Wagenknecht beklagt, dass „man aus purer Verzweiflung fast kollabiert bei jedem Besuch an der Tankstelle“, weil die Bundesregierung die Energiepreise derart in die Höhe treibe, wirft Lanz ein: „Diese deutsche Regierung hat nicht die Ukraine überfallen.“

Recht hat er. Fragt sich bloß, ob es an diesem Abend mit der BSW-Chefin nicht Wichtigeres zu besprechen gäbe. Denn statt das Verhältnis ihrer Partei zu einem möglichen AfD-Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund darlegen zu müssen, kann Wagenknecht nun erst einmal munter ihre Russland-Thesen zum Besten geben. Etwa die altbekannte Behauptung, es sei Putin mit seinem Krieg darum gegangen, Nato-Truppen an Russlands Grenze zu verhindern.

Und siehe da: In vielen Punkten pflichtet AfD-Chef Chrupalla Wagenknecht bei. „Weitere Waffenlieferungen können genauso gut weitere Flüchtlingsströme erzeugen“, sagt er etwa. Einig sind sich beide Politiker auch darin, dass Moskau vermeintlich mit deutschen Waffen angegriffen werde – was bei den anderen Gästen für lautstarken Protest sorgt. Nun wird offenkundig, warum Lanz den Ukraine-Krieg so intensiv thematisiert: Er möchte damit demonstrieren, wie nahe sich AfD und BSW (nicht nur) bei diesem Thema sind.

„Wer diese letzten fünf, sechs Minuten gesehen hat, der würde sagen: Das ist doch ein ‘perfect match’, das passt doch super zwischen Ihnen beiden“, fasst der Moderator seine Beobachtung zusammen. Ähnlich äußert sich die „Funke“-Journalistin Melanie Amann: „Der Fachbegriff dafür, was hier gerade passiert, ist entweder Hufeisen oder Querfront“, kommentiert sie.

Das perfekte Match?

Diesen Eindruck habe Lanz doch absichtlich erzeugen wollen, hält Chrupalla dem Moderator belustigt entgegen. „Nee, war so jetzt nicht geplant“, widerspricht der. Geplant oder nicht, Wagenknecht beeilt sich jedenfalls, Unterschiede zur AfD und deren Parteichef zu betonen.

Endlich ist die Zeit gekommen, da die wichtigste Frage des Abends gestellt wird: „Wollen Sie mit der AfD?“, möchte Lanz von Wagenknecht wissen. Da der AfD im Magdeburger Landtag drei Mandate zur absoluten Mehrheit fehlen, würde eine Koalition mit dem BSW es ihr ermöglichen, die Regierung zu stellen.

Deswegen kann es nur einen Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund geben. Und davon werden wir auch nicht ablassen.

Tino Chrupalla, Co-Vorsitzender der AfD

Ob es eine Zusammenarbeit ihrer Partei mit der AfD geben werde, sei jeweils vom Thema abhängig, betont Wagenknecht. Zum Ministerpräsidenten wählen wolle das BSW Ulrich Siegmund aber nicht. „Das haben wir doch immer ausgeschlossen“, sagt Wagenknecht – die allerdings vor der Wahl angekündigt hatte, das BSW werde sich bei einem möglichen dritten Wahlgang enthalten.

An diesem Abend pocht Wagenknecht jedoch auf den BSW-Vorschlag, einen „überparteilichen“ Ministerpräsidenten zu wählen, „eine Persönlichkeit mit Statur“, wie sie sagt. „Welche Person sollte das sein?“, fragt Chrupalla irritiert. Wenn das BSW bei der Wahl 20 Prozent erreicht hätte, ließe sich über eine solche Lösung sprechen. „Aber ich meine, wir haben jetzt ein Votum von fast 44 Prozent“, sagt der AfD-Chef. „Deswegen kann es nur einen Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund geben. Und davon werden wir auch nicht ablassen.“ Seine Partei werde keiner „Knapp-Sechs-Prozent-Partei“ hinterherlaufen, stichelt er.

Es solle „keine Spielchen von Tolerierungen oder Minderheitsregierungen“ geben, sagt Chrupalla noch. Offen bleibt, wie seine Partei denn die gewünschte „stabile Mehrheit“ erreichen möchte. Lediglich von „Gesprächen“ ist bei ihm die Rede. Angesichts der zahlreichen Positionswechsel zur Frage der Regierungsbeteiligung bei der AfD prasselt Kritik auf den Parteichef ein.

„Herr Siegmund hat Schiss vor der Verantwortung“, kommentiert Melanie Amann, die sich von Chrupallas Forderung, „ganz kurz ruhig“ zu sein, nicht beirren lässt. Siegmund würde am liebsten „weiter Bratwürste verteilen“ und „auf der Simson rumknattern“, sprich: weiter Wahlkampf machen, so die Journalistin. „Und Sie müssen ihn dazu treiben, dass er sich jetzt doch wählen lässt“, hält Amann Chrupalla vor. „Sie quatschen ihn jetzt rein in eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit dem BSW“, ergänzt Lanz, der sich sichtlich amüsiert.

Immer länger, immer lauter

Je länger die Sendung andauert, desto lauter und heftiger werden die Auseinandersetzungen. Bisweilen steigern sie sich zu regelrechten Schreiduellen. Besonders giftig gehen Lanz und Wagenknecht einander an. Wie man es in Talkshows von ihr gewohnt ist, beklagt sich die BSW-Gründerin darüber, zu selten in Talkshows eingeladen zu werden („Vor der Wahl in keiner einzigen“).

„Frau Wagenknecht, bitte“, unterbricht sie Lanz. „Die Opferrolle steht Ihnen wirklich nicht.“ Frotzelnd fügt er hinzu: „Sie waren die Queen of Fernseh-Talkshow-Auftritte.“ Später erhebt der Moderator schwere Vorwürfe. „Sie wollen“, sagt er zu Wagenknecht, „dass Thüringen unregierbar wird.“ Wagenknecht sei doch früher Vorsitzende der Kommunistischen Plattform gewesen. „Jahrzehntelang haben Sie, auch hier auf diesem Stuhl sitzend, die große Antifaschistin gegeben.“ Heute dagegen mache sich Wagenknecht, so Lanz’ Vorwurf, „zum Steigbügelhalter für die AfD“.

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Ein wenig später geraten Amann und Wagenknecht aneinander. „Ich verzweifle an Ihrem Diskussionsstil, den ich einfach nur demagogisch finde“, sagt die Journalistin. „Das Kompliment gebe ich gerne zurück“, erwidert die BSW-Gründerin. „Erbarmen, Erbarmen“, ruft Amann kurz darauf, als sie von Chrupalla unterbrochen wird.

Bezeichnenderweise ist das letzte, was der Zuschauer noch sieht, während schon die Outro-Musik läuft, der wild mit seinem Zeigefinger gestikulierende Markus Lanz.