Es klingelt am Tor, ein Mann, eine Frau und ihre Tochter betreten den Raum der Gedenkstätte für Zwangsarbeit (GfZL). Die drei hatten eine lange Anreise. Aus Italien kommen sie. Ein Großvater war Zwangsarbeiter in Sachsen, Material dazu fanden sie nach seinem Tod. Nun wollen sie mehr erfahren. Das Gespräch auf Englisch führt Josephine Ulbricht, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte. Mehr als 30 Familien kamen im vergangenen Jahr in die Gedenkstätte, die sich im Pförtnerhaus an der Permoserstraße befindet. Das Gelände hat die Hugo-Schneider AG seit 1899 in Besitz genommen und seit 1942 hier Panzerfäuste produzieren lassen. Seit den 1970er-Jahren erinnert ein Gedenkstein auf der gegenüberliegenden Straßenseite an die Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter. Nach 1945 siedeln sich Institute der Akademie der Wissenschaften der DDR an, seit Beginn der 1990er-Jahre der Wissenschaftspark – unter anderem mit dem Umweltforschungszentrum. Im ehemaligen Pförtnerhaus des Akademiegeländes eröffnet im Dezember 2001 die erste Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Deutschland.
Auf 50 Quadratmetern ist seit 2016 die Ausstellung »Im Provisorium. NS-Zwangsarbeit in Leipzig und beim Rüstungskonzern HASAG« zu sehen. An den Fenstern finden sich seit 2022 weitere Informationen zum Gelände und ausgewählte Biografien von Menschen, die in der Rüstungsproduktion arbeiten mussten. Im Sommer 2022 kam die Gedenktafel in der Kamenzer Straße, einem Außenlager des KZ Buchenwald, hinzu. Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz und verfügt noch über authentische Bauzeugnisse der Zeit vor 1945. Dass es im Besitz eines Reichsbürgers ist und in der Vergangenheit Raum für Rechte gewährte, zeigt die vielen Schwierigkeiten der Erinnerungskultur auf.
Orientierung in unsicheren Zeiten
Neben dem Besuch von Angehörigen erhielt die Gedenkstätte im vergangenen Jahr 130 Anfragen von Angehörigen, die auf der Suche nach Informationen waren. Neben den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern bei der HASAG gab es über 75.000 weitere in Leipzig. Seit 2024 verfügt die GfZL über vier halbe Stellen sowie eine temporäre Projektstelle zu dem am Jahresende auslaufenden Projekt »Was geht mich der Nationalsozialismus noch an? Azubis auf Spurensuche im eigenen Betrieb« verfügt. Institutionelle Förderung erhält sie vom Kulturamt Leipzig sowie der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.
Auf der Homepage verzeichnet eine Karte über 700 Orte von NS-Zwangsarbeit im Raum Leipzig mit zahlreichen Erklärungen, 360°-Rundgängen zu Orten wie dem Jahrtausendfeld, das die heutige Ansicht mit historischen Dokumenten und Fotografien ergänzt. Seit 2012 bietet die Gedenkstätte Stadtteilrundgänge an – heute sind es insgesamt neun zu den Orten von Zwangsarbeit sowie zwei Radtouren.
Befragt nach den Wünschen für die Zukunft steht für die GfZL finanzielle Sicherheit und die damit verbundene Planbarkeit der eigenen Arbeit an erster Stelle – vor allem da der Haushaltsentwurf des Freistaates für 2027/28 Kürzungen im Bereich der Erinnerungskultur (siehe kreuzer 8/2026) vorsieht. Bereits die Kämpfe für den aktuellen Haushalt forderten viel Arbeitszeit und Kraft. Eine Erhöhung der Personalstellen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wäre ebenso wichtig, um das Arbeitspensum von Forschung, Vermittlung, Sammlung und Bewahrung aufrecht erhalten zu können. Einen weiteren wichtigen Punkt stellt die Raumkapazität dar, um über genügend Platz für die Bildungsarbeit zu verfügen, die aktuell im Ausstellungsraum stattfindet, wie auch für Archiv, Depot und eine Vergrößerung der Ausstellungsfläche.
Zur Lösung des Raumproblems befand sich die Gedenkstätte in Gesprächen mit der Stadtverwaltung und der Leipziger Entwicklungs- und Vermarktungsgesellschaft (LEVG) für Räume im Kohlrabizirkus. »Die aufgerufenen Mietpreise sind jedoch so hoch, dass eine Finanzierung der Miete eine erhebliche Aufstockung unserer Fördermittel bedeuten würde«, so das Gedenkstättenteam gegenüber dem kreuzer. Was im Hinblick auf die aktuelle Haushaltslage eher unwahrscheinlich zu sein scheint. Daher geht die Suche weiter und die Gespräche mit Nutzerinnen und Nutzer des Wissenschaftsparks für die dringende Erweiterung der Fläche. Dies alles unter dem Focus einer langfristigen Finanzierbarkeit.
Bis es so weit ist, plant die GfZL als einen Zwischenschritt die Neukonzeption der zehn Jahre alten Dauerausstellung und deren angestrebte Eröffnung 2028. Zum 25-jährigen Jubiläum lädt die Gedenkstätte am 10. September zur Podiumsveranstaltung über die Erinnerungen in Familien und der Rolle der NS-Zwangsarbeit in der Gegenwart sowie zu Rundgängen und Führungen.
> www.zwangsarbeit-in-leipzig.de
> Anne Friebel und Josephine Ulbricht (Hrsg.): Zwangsarbeit beim Rüstungskonzern HASAG. Der Werksstandort Leipzig im Nationalsozialismus und seine Nachgeschichte, Leipzig 2023.
> 10.9., 19 Uhr, Galerie Kub: Gespräch »Was bleibt. Familien erinnern an NS-Zwangsarbeit«
> 12.9., 11 Uhr, Neustädter Markt – Stadtteilrundgang zur Zwangsarbeit in Volkmarsdorf; 14 Uhr Führung durch die Gedenkstätte
> 19.9. 11 Uhr, Augustusplatz – Stadtteilrundgang Innenstadt; 11 Uhr, Werk 2 Stadtteilrundgang Connewitz