Am Sonntagnachmittag geschah Außergewöhnliches beim FC Sion: Winsley Boteli traf nicht. Das 20 Jahre alte Sturmtalent, das von Sion zunächst leihweise von Borussia Mönchengladbach und dann in diesem Sommer für 3,5 Millionen Euro fest verpflichtet wurde, ging ausnahmsweise ohne persönliches Erfolgserlebnis in der 67. Minute des Spiels gegen den FC Thun vom Feld. Doch war ein Spiel ohne Boteli-Tor zu verschmerzen, da der Tabellendritte dank eines Treffers in der Nachspielzeit 3:2 gewann.
Dass es eine Ausnahme ist, dass der Angreifer nicht trifft, verdeutlichen die Zahlen der laufenden Saison. Fünfmal traf Boteli bislang in sechs Spielen der Super League – er ist damit Zweiter in der Torschützenliste der Schweizer Liga. Sieben Treffer gelangen dem Ex-Borussen in der Qualifikation zur Conference League, darunter drei bei Ajax Amsterdam. Insgesamt macht das zwölf Tore in zwölf Partien.
Die jüngsten beiden markierte Boteli am vergangenen Donnerstag beim 2:1 beim FC Basel, als der U21-Nationalspieler mit seinem Doppelpack den Halbzeitrückstand in einen Sieg drehte. Vor allem das zweite Tor, als er in der Rückwärtsbewegung den Ball unter die Latte knallte, löste Bewunderung aus. Dabei war gerade erst klar geworden, dass Boteli den FC Sion trotz interessanter Offerten im Sommer-Transferfenster nicht mehr verlässt. Unter anderem Galatasaray Istanbul soll stark interessiert gewesen sein.
Der „Blick“ titelt „Boteli-Mania in der Super League“
Doch Sion-Präsident Christian Constantin begegnete den Gerüchten mit einem Machtwort: „Es gibt keinen Wechsel, ultimativ. So wie ich es bereits zuvor mehrmals gesagt habe.“ Hinzu kam, dass die Demokratische Republik Kongo versucht haben soll, Doppelbürger Boteli von einem Verbandswechsel zu überzeugen, ehe er womöglich bald für die A-Mannschaft der Schweizer „Nati“ debütiert.
Boteli zeigte sich von all den Schlagzeilen um seine Person scheinbar komplett unbeeindruckt, wie sein Doppelpack in Basel verdeutlichte. „Boteli-Mania in der Super League“ titelte danach der Schweizer „Blick“ und rechnete vor, dass das Toptalent für Sion alle 66 Minuten ins Tor treffe.
„Ich bin sehr froh, dass er noch da ist. Dieser Junge ist verrückt. Er ist ein Killer vor dem Tor“, sagte sein Mannschaftskollege Numa Lavanchy nach dem Sieg in Basel. „Er denkt nicht zu viel nach und macht einfach sein Ding. Das ist manchmal das Wichtigste für einen Stürmer“, fügte Lavanchy hinzu.
Den Sion-Fans geht es ebenso, sie feiern den Stürmer in den sozialen Netzwerken – während so mancher Borussia-Anhänger bei so vielen Tor-Meldungen aus der Schweiz einem einstigen Talent aus dem Fohlen-Stall nachtrauert.
Dass Boteli ein echter Torjäger ist, stellte er auch in der U17 und U19 der Gladbacher unter Beweis, nachdem er von Servette Genf an den Niederrhein gewechselt war. Für die U23 gelangen ihm sieben Tore in 36-Regionalligaspielen – wobei er über die Rolle des Jokers noch nicht dauerhaft hinauskam.
Gladbach: Womöglich wären Botelis Chancen dieses Jahr größer gewesen
Womöglich verlief Boteli der Aufbau in Gladbach nicht schnell genug, war ihm die Aussicht auf Trainings- und Spielzeit bei den Profis noch zu weit weg. Womöglich wären seine Chancen nun, da Gladbach wieder verstärkter auf die Jugend setzt und nach Wael Mohya in diesem Sommer gleich drei Talente hochgezogen hat, unter anderem Stürmer Iaia Manco Danfa, größer gewesen.
Doch bleibt hypothetisch, ob sich Boteli auch in Gladbach so rasant in den Vordergrund hätte schießen können – die Bundesliga ist dann doch noch ein etwas anderes Pflaster als die Schweizer Super League. Botelis Zahlen dort sind aber zumindest der Beleg für eine starke Entwicklung – von der die Borussia künftig auch noch profitieren kann.
Denn der Klub hat eine Weiterverkaufsbeteiligung in Höhe von zehn Prozent. Geht die „Boteli-Mania“ in Sion weiter, dürfte der Preis für den Stürmer in den kommenden Monaten noch steigen – und bei Galatasaray war bereits von 20 Millionen die Rede. Der letzte geschätzte Marktwert Botelis von fünf Millionen Euro darf auf jeden Fall längst als überholt gelten. Ein wenig mitverdienen wird also Borussia, richtig Kasse macht jedoch der FC Sion.