Für die Schauspielsparte in Nürnberg heißt das für die Saison 2026/27 konkret: 14 Premiere in den drei Spielstätten, dem Schauspielhaus, den Kammerspielen und der digitalen Bühne XRT. Schauspieldirektorin Lene Grösch holt vier große Titel ins Programm – Kafkas „Der Prozess“, Shakespeares „Das Wintermärchen“, Gogols „Der Revisor“ und Büchners „Woyzeck“ –, der Rest ist eine mutige Entscheidung für Gegenwartsliteratur. Und die muss nicht als Drama daherkommen, Lene Grösch hat schon in der vorhergehenden Spielzeit bewiesen, dass es ihr um die Stoffe geht, die durchaus auch als Experiment auf die Bühne kommen können.

Maximal dürfte in Nürnberg jedenfalls die Dichte der Uraufführungen sein. Mit sieben Stücken stellen sie die Hälfte des Schauspielprogramms. Noch im Oktober gibt es zwei davon: „Deutşland“, ein Liederabend, der als Dankesgeste an die Generation der sogenannten Gastarbeiter gedacht ist, und „Die Erfindung der Schuhe“, eine „Sportkomödie“ des in Nürnberg gut bekannten Autors Philipp Löhle über die beiden Gründer von Adidas und Puma.

Thematisch ist das Schauspielprogramm also hier schon weit gefasst und öffnet sich immer mehr, etwa mit einer „Schaueroper“ von Hausautorin Raphaela Bardutzky über „Miet-Horror“ mit „Geistergrusel“. Die scharfzüngige, schottische Autorin A. L. Kennedy schrieb das Auftragswerk „Jenny mit den Eisenzähnen“, eine Gesellschaftsanalyse als Horrorgeschichte mit Humor. Und ebenfalls im Nürnberger Auftrag hat das Duo aus Wilke Weermann und Nils Corte mit „Parasocial Activity“ ein Stück über den digitalen Wandel, persönliche Roboter-Assistenten und schwindende Sozialbeziehungen geschrieben. „Maximale Programmvielfalt“ scheint also nicht zu viel versprochen.

Staatstheater Augsburg„Die Dreigroschenoper“ in der Inszenierung von Sapir Heller wird im Staatstheater Augsburg weiterhin im Spielplan stehen.

„Die Dreigroschenoper“ in der Inszenierung von Sapir Heller wird im Staatstheater Augsburg weiterhin im Spielplan stehen.

Foto: Jan-Pieter Fuhr

Immer noch muss das Publikum des Augsburger Staatsschauspiels in die Ersatzspielstätten fahren, um Oper, Schauspiel, Tanz, Konzerte zu erleben. Die Sanierung des Großen Hauses wird sich voraussichtlich noch über die kommenden drei Spielzeiten ziehen. Der Theaterliebe in Augsburg hat das bislang keinen Abbruch getan, Staatsintendant André Bücker hat die Spielpläne geschickt ausbalanciert, Klassiker, Romanadaptionen, Gegenwartstexte einbezogen. Die solide Mischung funktioniert.

Auch für die kommende Spielzeit ist das der Plan in der Schauspielsparte. Zu den zehn Wiederaufnahmen kommen neun Premieren dazu. Zum Auftakt hat sich das Haus für Gegenwartsdramatik entschieden, nämlich für Dea Lohers Drama „Frau Yamamoto ist noch da“, ein sanftes Gewebe aus Alltagsbegegnungen, das im Kern die großen Themen wie Liebe, Tod, Einsamkeit verhandelt. Danach folgt Heinrich Bölls berühmtes Stück „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ über eine Pressehetzjagd, die Regisseur Tom Kühnel für die Bühne adaptiert.

Fest verankert in den Augsburger Spielzeiten ist ein Beitrag des Theaters zum alljährlichen Brechtfestival. Einige der Werke des in Augsburg geborenen Schriftstellers sind nun endlich gemeinfrei. Das Staatstheater probiert deshalb aus, ein Lehrstück nach Bertolt Brecht zu entwickeln. Ebenfalls ein Ankerpunkt in Augsburg sind die Inszenierungen von Nicole Schneiderbauer, die sich oft für andere Kunstformen öffnen und den Blick auf die Gegenwart, teils auch auf Augsburger Themen lenken. Diesmal liefert Sarah Kilter mit „Clean“ den Uraufführungstext, der sich mit Drogenkonsum und auch der Debatte um einen Raum dafür in Augsburg-Oberhausen auseinandersetzt.

Eine weitere Uraufführung wird „Halli Gall (eine Show ohne Hans Rosenthal)“ sein, die sich mit dem Leben des Showmasters befasst, Felix Krakau schrieb das Auftragswerk. Schließlich kommen mit „Der Zauberer von Oz“ als Familienstück zur Weihnachtszeit und der Shakespeare-Tragödie „Macbeth“ auch zwei Blockbuster ins Programm.

Staatstheater RegensburgIm großen Haus am Bismarckplatz in Regensburg wird im März „Kleiner Mann – was nun?“ zu sehen sein.

Im großen Haus am Bismarckplatz in Regensburg wird im März „Kleiner Mann – was nun?“ zu sehen sein.

Foto: Pawel Sosnowski

Seit Mai ist das Theater in Regensburg nun auch Staatstheater, das sechste in Bayern. Nach München, Nürnberg und Augsburg gibt es nun also auch ein Haus in der Oberpfalz, das diesen prestigeträchtigen Titel trägt und sich auf finanzielle Förderung von Stadt und Freistaat zu gleichen Teilen stützen kann. 24 Premieren in Oper, Schauspiel und Tanz sowie 24 Konzerte soll es in der kommenden Spielzeit geben, die unter dem Motto „Freiheiten“ steht.

Erstmals ist dabei Barbara Bily für die Leitung der Schauspielsparte verantwortlich. Sie sieht die thematische Verbindung der Premieren darin, dass es stets um Krisen und Umbrüche, und „auch um das Übernehmen von Verantwortung, um den Umgang mit Machtstrukturen und um Haltung – für die Figuren und für uns“ geht. Ihr Premierenplan umfasst neun Produktionen.

Als eine Art Gegenüberstellung von Freiheitsperspektiven in der deutsch-deutschen Geschichte ist dabei der Einstieg in die Saison gedacht: Rainer Werner Fassbinder blickt in seinem Film „Die Ehe der Maria Braun“ auf den Wiederaufbau der Nachkriegs-BRD, Christa Wolf in ihrem Roman „Der geteilte Himmel“ auf die Teilung Deutschlands in West und Ost. Beide Stoffe, die zudem Geschichten einer sukzessiv scheiternden Beziehung sind, werden für die Regensburger Bühne adaptiert.

Kontrapunktisch, wenn man so will, funktionieren auch die beiden berühmten Texte „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada und „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht sowie Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ in Gegenüberstellung zu zwei Uraufführungen: Svenja Viola Bungarten hat mit „Bad Women with Long Hair“ einen „queer-feministischen Horrorabend über drei monströse Frauenfiguren“ geschrieben. Und Annika Henrich thematisiert mit „Am Sonnenweg. Wenn Liebe dich findet in der Gerontopsychiatrie“ das deutsche Pflegesystem.

E.T.A.-Hoffmann-Theater BambergSusanne Wolff (rechts) ist zusammen mit Felix Kramer in der Netflix-Serie „Unfamiliar“ zu sehen. Anfang der Saison steht sie in Bamberg auf der Bühne in einem Ibsen-Stück.

Susanne Wolff (rechts) ist zusammen mit Felix Kramer in der Netflix-Serie „Unfamiliar“ zu sehen. Anfang der Saison steht sie in Bamberg auf der Bühne in einem Ibsen-Stück.

Foto: Sasha Ostrov/Courtesy of Netflix

Es ist eine unglaublich schöne Geste, die am Ende jeder Premiere im E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg zu sehen ist. Zum Schlussapplaus kommen nicht nur das Ensemble und das Regieteam auf die Bühne, sondern auch all jene, die sonst nie gesehen werden: die Menschen hinter der Bühne, die das Licht und den Ton fahren, die Umbauten übernehmen, die Inspizienz. John von Düffel, seit Herbst 2025 Intendant in Bamberg, begreift ganz offensichtlich sein Theater als ein großes Wir.

Etwas Warmherziges, den Menschen Zugewandtes geht auch von den Inszenierungen aus, die das Bamberger Publikum offensichtlich zu goutieren weiß. Auf der Homepage des Theaters ist ein großer Dank ans Publikum gerichtet „für diese rauschende erste Spielzeit, den überwältigenden Zuspruch und die offenen Herzen! Alle Beteiligten auf, vor und hinter der Bühne möchten sich auf diesem Weg bedanken bei den zusätzlichen 21 500 Zuschauer*innen, die uns in der Saison 25/26 mehr besucht haben.“ Was für ein Erfolg.

An diesen gilt es nun in der kommenden Spielzeit anzuknüpfen. Mit zwölf Premieren geht das Theater an den Start – und gleich mit viel Aufgebot. John von Düffel hat Henrik Ibsens „John Gabriel Borkmann“ überarbeitet. „Borkmann“ heißt es jetzt und erzählt weniger von dem Bankdirektor, der nach einem Finanzskandal ruiniert ist, sondern vielmehr von den Frauen in dem Stück. Das sind Borkmanns Gattin Gerhild und ihre Schwester Ella. Für „Borkmann“ hat Düffel Susanne Wolff als Gast-Star gewinnen können. Sie war unter anderem die Elisabeth in Frauke Finsterwalders Film „Sisi & ich“, spielte die Hauptrolle in der Netflix-Serie „Unfamiliar“ und wird im Oktober in Volker Schlöndorffs Film „Heimsuchung“ zu sehen sein. Ein Coup also für Bamberg.

Der Spielplan bleibt aber unabhängig von Stars spannend. Etwa mit der gleich darauf folgenden Mensch-Roboter-KI-Komödie „Sophia“ von Moritz Rinke. Oder damit, dass Walter Jens’ „Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ auf die Bühne kommt. Die großen Titel kommen mit Dickens’ „Der Weihnachtsgeschichte“, Orwells „1984“, Büchners „Woyzeck“ und Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ dazu. Gegenpol ist die einzige Uraufführung, in der sich Lea Mantel Ulrike von Kleist, der Halbschwester von Heinrich von Kleist, widmet. Und das Ensemble darf sich in diesem großen Bamberger Wir selbstverständlich auch einbringen: Schauspieler Daniel Seniuk konzipiert und inszeniert die „ETA Show: Große Geister.“

Schauspiel Erlangen„Brauner Schnee Schauspiel Erlangen“ über den antisemitisch motivierten Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke hatte überwältigende Resonanz. Es wird wohl erst in einem Jahr auf den Spielplan kommen.

„Brauner Schnee Schauspiel Erlangen“ über den antisemitisch motivierten Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke hatte überwältigende Resonanz. Es wird wohl erst in einem Jahr auf den Spielplan kommen.

Foto: Martin Kaufhold

Für das Schauspiel Erlangen bedeutet die kommende Spielzeit ein Jonglieren. Die Stadt muss Sparen, Geld für die Kultur wird immer weniger. Die Verwaltung des Theaters ist schon in andere Räume umgezogen, es gibt neue Kooperationen mit freien Künstlern, die Anzahl der Premieren nimmt ab, der neue Spielplan 2026/27 steht unter Vorbehalt. „Wir haben angesichts der städtischen Haushaltssituation keine Sicherheit, alle Produktionen wie angekündigt durchführen zu können“, lässt Intendant Jonas Knecht in der Pressemitteilung zur neuen Saison mitteilen. Stückentwicklungen wie das thematisch wichtige „Brauner Schnee über Franken“ aus der vergangenen Spielzeit sind schwierig oder gar nicht zu bewerkstelligen.

Trotzdem gibt es sie natürlich, die Pläne für 2026/27. Zeitgenössisches mischt sich mit berühmten Werken der Literatur. In eines fällt das gleich zu Beginn ineinander, wenn Tomas Schweigen „Open Call: Oklahoma“ nach dem Naturtheater-Kapitel aus Kafkas „Amerika“-Roman bearbeitet. Gegenwartsdramatik kommt mit Texten von Branden Jacobs-Jenkins, Caren Jeß sowie Yael Ronen und Itai Reicher auf die Bühne, eine „Faust“-Bearbeitung, eine Überschreibung von „Salome“ von Oscar Wilde und Richard Strauss und Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ integrieren die Bühnenklassiker. Und Theater für Kinder bleibt Erlangen (hoffentlich) auch erhalten mit den gut gelaunten Titeln „Disco!“, „Peter Pan“ und „Buddeln“.

Stadttheater IngolstadtIm Januar wurde der 60. Geburtstag des Hämer-Buro-Baus gefeiert. Kurz danach war Schluss mit Theater in diesem Gebäude.

Im Januar wurde der 60. Geburtstag des Hämer-Buro-Baus gefeiert. Kurz danach war Schluss mit Theater in diesem Gebäude.

Foto: pop

Ingolstadt ist die fünftgrößte Kommune in Bayern – und gleichzeitig die Stadt, die keine große Bühne mehr hat. Der Hämer-Buro-Bau steht für Theateraufführungen seit dem 1. Juni nicht mehr zur Verfügung, jetzt gibt es nur noch das Holzbau-Interim „Theater am Glacis“, das Studio im Herzogskasten und die Spielstätte am Turm Bauer. Damit muss Intendant Oliver Brunner umgehen, auch mit Blick auf ein schrumpfendes Budget. Denn bei den Ausgaben entscheidet für Ingolstadt mittlerweile die Regierung von Oberbayern, gerade die Mittel für die Kultur sind stark gesunken.

Blickt man auf die Saisonplanung 2026/27 schaut das im Theater nach einem sehr beherzten Umgang mit der Situation aus: Zehn Premieren im Schauspiel, sechs Premieren im Jungen Theater – hier wird mit Energie und Erfindungsgeist daran gearbeitet, dem Publikum weiterhin einiges zu bieten, wenn auch auf beschränkterem Raum und mit schwierigeren Abläufen.

Vertraut machen können sich die Ingolstädter Zuschauer mit der Spielstätte am Glacis mit namhaften Stücken und Romanadaptionen wie „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller, „Der Diener zweier Herren“ von Carlo Goldoni, Isabel Allendes „Geisterhaus“ oder auch Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“. Marieluise Fleißer bekommt mit „Der Tiefseefisch“ einen Platz, Oberspielleiterin Mirja Biel adaptiert T.C. Boyles Roman „Blue Skies“, ebenso wie die dänische Politserie „Borgen – Gefährliche Seilschaften“, die auf Netflix lief. Und Fragen nach Identität und Zugehörigkeit stellt „Kanak Kids“ nach dem Roman von Anna Dimitrova.

Zum Programm gehört auch ein Ensemble-Liederabend und Jane Austens „Sinn und Sinnlichkeit“ als Sommertheater am Turm Bauer. Der Spielzeitplanung für Ingolstadt merkt man den Druck, unter dem das Theater steht, nicht an. Und das allein ist schon eine Kunst.