Auf einer längeren Reise im vergangenen Jahr machte Alexander Steffen eine Beobachtung. Beim Abendessen mit einem Bekannten in Dubai bemerkte er, dass um ihn herum viele junge Deutsche saßen. „Um mich herum saßen gefühlt sehr viele junge Deutsche, und ich dachte: Meine Güte. In Deutschland herrschte gerade eine depressive Stimmung, und hier läuft es noch“, sagt er.
Sein Interesse war geweckt, und er beschäftigte sich intensiver mit dem Thema Auswandern aus Deutschland. Daraus entstand sein Buch „Goodbye Deutschland“, in dem er sich mit der zunehmenden Abwanderung aus Deutschland beschäftigt. Die Zahl derjenigen, die dauerhaft und langfristig ins Ausland gingen, steige immer weiter. „Es gehen mehr Deutsche als diejenigen, die zurückkommen“, sagt Steffen. Demnach seien es vor allem Akademiker, die diesen Schritt wagten. „Wir verlieren im wahrsten Sinne des Wortes diejenigen, die das Land tragen“, sagt Steffen.
Geld ist nicht der einzige Grund
Als Grund für eine Auswanderung werde häufig zuerst das Gehalt genannt. „Aber ich halte das für zu einfach“, sagt Steffen. Bei den rund 20 Interviews für sein Buch habe er weitere Gründe festgestellt, die die Wanderlust junger Menschen verstärken könnten. Im Gespräch mit den Betroffenen werde schnell deutlich, dass Geld zwar eine Rolle spiele, es aber auch andere Argumente für einen Wegzug aus Deutschland gebe. „Es ist auch eine kulturelle Entscheidung“, sagt er.
Viele Menschen, insbesondere aus dem unternehmerischen Bereich, hätten von einer ausgeprägten Neiddebatte in Deutschland berichtet. „Sobald jemand Erfolg hat, ist das direkt etwas, das verdächtig wirkt. Irgendjemand müsse schließlich ausgebeutet worden sein. Das politische Signal lautet dann: Diese Menschen müssen wir noch stärker besteuern. Ich glaube, dass dies ein nicht zu unterschätzender Faktor ist. Viele haben irgendwann keine Lust mehr, in einem Land erfolgreich zu sein, in dem Erfolg häufig als etwas Negatives wahrgenommen wird“, sagt Steffen.
Schweiz, Österreich und Spanien besonders beliebt
Deutsche Auswanderer zögen unter anderem in die Schweiz, nach Österreich und nach Spanien. Steffen habe außerdem mit Menschen gesprochen, die in die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate oder nach Katar gegangen seien.
„Ich habe zum Beispiel mit jemandem gesprochen, der nach Panama gegangen ist. Für ihn kamen aufgrund seines Produkts und seiner Vision die Vereinigten Arabischen Emirate oder Panama infrage. Er hat sich ganz bewusst für Panama entschieden, weil er in einem christlich geprägten Land leben wollte“, sagt Steffen. Das Zielland sei letztlich eine individuelle Entscheidung.
Es sei ein zunehmender Trend, dass Menschen langfristig ins Ausland gingen – nicht nur wegen eines beruflichen Wechsels, sondern auch zur Familiengründung. Auch solchen Fällen sei Steffen bei seinen Recherchen begegnet. Für diese Entwicklung gebe es mehrere Gründe. „Grund Nummer eins ist immer die Perspektive“, sagt er. Viele Menschen fragten sich, ob sie Deutschland auch in mehreren Jahrzehnten noch vertrauten. Hinzu komme das persönliche Sicherheitsgefühl. „Ob dieses Gefühl berechtigt ist oder nicht, möchte ich einmal dahingestellt lassen. Aber es ist zumindest in den Köpfen vieler Menschen vorhanden“, sagt Steffen.
Forderung nach einem politischen Kurswechsel
In seinem Buch beschäftigt sich Steffen auch mit möglichen Lösungsansätzen. „Wir brauchen einen dramatischen Politikwechsel – angefangen bei der Steuerpolitik“, sagt er. Junge Singles, die in Deutschland Karriere machen wollten, zahlten zu viele Steuern. „Das ist für Menschen, die sich besonders anstrengen, dramatisch unattraktiv“, sagt Steffen.
Auch das Rentensystem sei ein Problem. „Jeder, der gut verdient, zahlt sehr viel in dieses Rentensystem ein und wird am Ende möglicherweise nur wenig davon zurückbekommen“, sagt er. „In diesem Bereich ist der Staat einfach unattraktiv“, sagt Steffen.
Auch das deutsche Bildungssystem sei von den Befragten als Grund für eine Auswanderung genannt worden. Viele hätten das Gefühl, dass die Schulen nicht mehr auf der Höhe der Zeit seien. „Viele haben das Gefühl, dass die deutschen Schulen nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen“, sagt Steffen.
Eine Frage des gesellschaftlichen Mindsets
Steffen wünsche sich vor allem mehr Verständnis für Menschen, die Deutschland verlassen. Friedrich Merz habe sich vor Kurzem in einem Sommerinterview über auswanderungswillige Menschen lustig gemacht, sagt Steffen. „Diejenigen, die gehen, darf man nicht als Verräter bezeichnen. Zunächst einmal sollte man Verständnis dafür haben, dass jemand zu dem Schluss kommt, Deutschland verlassen zu wollen“, sagt er. Die Botschaft meines Buches lautet nicht: Packt die Koffer. Deutschland hat nach wie vor großes Potenzial. Deshalb lautet meine Botschaft: Lasst uns bleiben“, sagt Steffen.
Deutschland müsse den notwendigen Wandel schaffen und daran arbeiten, ausgewanderte Deutsche zurückzugewinnen. Es müsse im gemeinsamen Interesse liegen, Deutschland für die eigenen Staatsbürger attraktiv zu machen. „Das ist kein rechtes und kein linkes Thema. Es muss im Interesse Deutschlands liegen, ein Land zu sein, das für seine eigenen Bürger attraktiv ist, damit sie nicht auf die Idee kommen, ihre Zukunft anderswo zu suchen“, sagt Steffen.