Der Stuttgarter Fernsehturm.

Stand: 08.09.2026 • 19:00 Uhr

Der Digitalverband Bitkom hat die Digitalisierung in 83 deutschen Großstädten unter die Lupe genommen. Stuttgart liegt nun auf Platz eins – und hat damit nach Jahren München und Hamburg von der Spitze verdrängt.


Fabian Siegel

Damit hätte Sandra Baumholz nicht gerechnet. „Ich habe es vor einer Minute erfahren. Ich kann es gar nicht glauben, dass wir Platz 1 sind“, sagt die Leiterin der Stabsstelle „Strategische Planung, digitale Transformation und Innovation“ der Stadt Stuttgart.

Sie kämpft dabei mit Tränen. In keinem städtischen Bereich ist der Druck so hoch wie bei der Digitalisierung. Auch in Stuttgart kämpfen sie mit veralteten Systemen und Fachkräftemangel. Die Folge: oft lange Schlangen vor den Ämtern.

Lange schienen vor allem die deutschen Millionenstädte vorbildlich – zumindest nach dem Branchenverband Bitkom. Der fertigt einmal im Jahr seinen Smart City Index an, vergleicht 83 deutsche Großstädte in verschiedenen Digitalisierungs-Kategorien wie Verwaltung, Mobilität, Bildung oder Gesellschaft.

In den vergangenen drei Jahren war es immer dasselbe: München Erster, Hamburg Zweiter. „Lange hieß es, die beiden Städte spielen ihre eigene Liga, was Digitalisierung angeht“, sagt Sven Wagner, Bereichsleiter Smart City bei Bitkom. „Aber Stuttgart hat bewiesen, man kann sich durch konsequentes Digitalisieren auch an die Spitze heben.“

Gewerbeanmeldung per Videotermin

Ein Beispiel: Die Verwaltung wird zunehmend digitaler. Ausgewählte Behördengänge können inzwischen auch per Videotermin erledigt werden – etwa die Anmeldung eines Gewerbes.

„Die Kunden sind entspannter, weil sie sich direkt von zu Hause verbinden können“, erzählt Amtsmitarbeiterin Marzena Dolata-Kosiol, die mit Headset und Webcam direkt an ihrem Schreibtisch mit den Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt kommt. „Sie brauchen nicht in ein Auto einzusteigen, stehen also auch nicht im Stau oder warten dann noch in der Schlange auf dem Amt.“ Nach einer Pilotphase ist das digitale Angebot seit Anfang 2026 dauerhaft im Einsatz.

Stabstellenleiterin Sandra Baumholz sieht das ähnlich: „Also ich denke, es ist eine Win-win-Situation für beide Seiten.“ Denn durch neue Techniken, zum Beispiel auch KI-Chatbots, die gerade in ausgewählten Bereichen für den Erstkontakt mit Bürgern ausprobiert werden, könne auch das ohnehin knappe Personal entlastet werden.

Doch nicht nur die Verwaltung profitiert: Stuttgart misst die Wasserqualität in Seen mittlerweile über digital vernetzte Sensoren. Digitale Wegweiser leiten die Menschen durch die Fußgängerzone und können auch tagesaktuelle Veranstaltungen anzeigen. Ein „digitaler Zwilling“ der Stadt bündelt Daten aus zahlreichen Ämtern und kann damit etwa Verkehrsentwicklungen in Echtzeit abbilden und verschiedene Szenarien simulieren.

„Ausschlaggebend für den ersten Platz ist, dass die Digitalisierung in Stuttgart wirklich in der Breite angegangen wird“, sagt Sven Wagner von Bitkom. In allen fünf Kategorien gehöre Stuttgart zu den Top Ten – das schaffe keine andere Stadt.

„Rad lässt sich nicht zurückdrehen“

Auch in der Unterkategorie Bildung – hier steht Stuttgart auf Platz sieben. „Für uns natürlich eine Bestätigung, dass das, was wir tun als Stadt auch ankommt und andererseits wir damit die Grundlage legen für eine digitale Gesellschaft“, sagt Dennis Richter, der das „IT-Kompetenzcenter Schulen“ in der Stadtverwaltung leitet.

Er erfährt vom Spitzenplatz in einem Gymnasium im Stadtteil Möhringen. Noch sind hier Ferien – aber im Computerraum laufen schon die Vorbereitungen auf den Schulstart kommende Woche. Schüler-Tablets laden, eine Videoecke ist eingerichtet, in der Schülerinnen und Schüler eigene Aufnahmen für Video-Podcasts machen können.

Ein weiterer großer Schwerpunkt: Der richtige Umgang mit Künstlicher Intelligenz in der Schule. „Der richtige Umgang mit KI steht beim Kultusministerium ab Klasse fünf auf der Agenda. Konkret heißt das: Schülerinnen und Schüler sollen den richtigen Umgang mit Chatbots lernen – ohne blind auf sie zu vertrauen. Denn, so Dennis Richter – zurückdrehen könne man das Rad nicht mehr, aber den jungen Menschen den richtigen Umgang beibringen.

Alles rosig also in Sachen Digitalisierung in der baden-württembergischen Landeshauptstadt? Luft nach oben gebe es immer, sagt der Branchenverband Bitkom. „Digitalisierung ist sicherlich ein Prozess und kein Zustand“, sagt Sven Wagner. So selbstkritisch sind sie auch in der Stadtverwaltung.

Bei vielen Behördengängen müsse man allerdings weiterhin persönlich erscheinen. Gerade bei wichtigen Dokumenten wie dem Personalausweis seien die Möglichkeiten für vollständig digitale Verfahren noch begrenzt. Dafür brauche es teilweise auch Änderungen auf Bundesebene. „Aber auch da hat man, glaube ich, erkannt, dass etwas passieren muss“, sagt Sandra Baumholz.