Die Rheinland-Oper bringt Richard Wagners „Siegfried“ mit viel Musik, Humor und Schwalmtaler Lokalkolorit auf die Bühne der Achim-Besgen-Halle in Waldniel. Auf die Antwort dieser Fragen dürfen sich die Besucherinnen und Besucher freuen: Was passiert, wenn ein Wagner-Held plötzlich am Niederrhein auftaucht? Wenn Mime seine Schmiede nicht irgendwo im mythischen Wald, sondern in der Schomm betreibt? Fafner seinen Goldschatz hinter dem Waldnieler Sportplatz bewacht und Brünnhilde am Hariksee auf ihren Helden wartet?

Mit ihrer neuen Produktion lädt die Rheinland-Oper zu einem ungewöhnlichen Opernerlebnis ein, das Richard Wagners monumentale Welt kurzerhand nach Schwalmtal verpflanzt. Nach den Erfolgen von „Carmen im Kuhstall“ und „Tosca an der Tankstelle“ bleibt die Idee dieselbe: Die Oper soll nicht nur die Menschen erreichen, sondern zu den Menschen kommen.

Dabei ist „Siegfried an der Schwalm“ weit mehr als eine humorvolle Verlegung des Schauplatzes. Die eigens für Schwalmtal entwickelte Bühnenfassung möchte die Schönheit und Kraft von Wagners Musik bewahren und gleichzeitig einen unkomplizierten Zugang zu einer Geschichte schaffen, die vielen zunächst gewaltig und schwer zugänglich erscheinen mag. Denn wer Wagner hört, muss nicht zwangsläufig Wagner-Experte sein.

Die Geschichte ist schnell erzählt – zumindest in der Schwalmtaler Kurzfassung: Siegfried wächst beim Schmied Mime auf, der verzweifelt versucht, das berühmte Schwert Nothung zu schmieden. Siegfried übernimmt die Sache schließlich selbst. Es folgen ein Drache, ein Schatz, ein Ring, ein Waldvogel, ein etwas hinterlistiger Zwerg, ein geheimnisvoller Wanderer und schließlich eine Begegnung, auf die Siegfried alles andere als vorbereitet ist: Brünnhilde.

Aus dem Heldenmythos wird dabei eine musikalische Reise durch Schwalmtal. Die Schomm wird zur Schmiede Mimes, die Gegend am Waldnieler Sportplatz zur Heimat des Drachen Fafner, Burg Neel zu Walhall und der Hariksee zum Schauplatz des Brünnhildenfelsens. Dilkrath bekommt eine ganz besondere Rolle: Denn dort, so erzählt die Produktion augenzwinkernd, entstehen die geheimnisvollen Nebel der Nibelungen.

Und natürlich dürfen auch die Rheintöchter nicht fehlen. Stina, Liesbett und Mariechen führen mit viel Humor durch das Geschehen, kommentieren, erklären und helfen dem Publikum – und gelegentlich auch Siegfried – durch die Wirren der Handlung. Unterstützt werden sie vom Obergeist Tünnes, der als eine Art niederrheinischer Dauerbeobachter über das Treiben von Menschen, Göttern, Zwergen und Drachen wacht.

Musikalisch bleibt die Produktion eng mit Wagner verbunden. Im Mittelpunkt steht die anspruchsvolle Titelpartie des Siegfried, gesungen vom gebürtigen Waldnieler Thomas Heyer. Der Heldentenor bringt dabei nicht nur seine langjährige internationale Bühnenerfahrung ein, sondern kehrt für diese Produktion in seine Heimat zurück.

Als Brünnhilde ist Marina Unruh zu erleben. Tim-Lukas Reuter übernimmt die Partie des Wotan, Nathan Fischer gibt sein Debüt als Mime bei der Rheinland-Oper. Rumen Marinov verkörpert Fafner, während Madelaine Schwer als Waldvogel dafür sorgt, dass Siegfried wenigstens gelegentlich erfährt, wo es langgeht.

Ergänzt wird das Ensemble durch die drei Rheintöchter Sandra Forche, Alexandra Vahlhaus und Kordelia Fliegen sowie Lothar Lange als Tünnes. Am Klavier begleitet Christoph Schnackertz, Pianist, Liedbegleiter, Kammermusiker und Dozent für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.

Auch der Opernchor der Rheinland-Oper spielt eine wichtige Rolle. Als „Geister der Nibelungen“ begleiten die Vereinigten Kirchenchöre St. Matthias Schwalmtal unter der Leitung von Stefan Lenders das Geschehen. Mit dem Volkslied „In einem kühlen Grunde“ soll dabei das Publikum zum Mitsingen eingeladen werden.

Dass bei all dem Humor die Musik nicht zu kurz kommt, ist den Machern besonders wichtig. Wagner bleibt Wagner: Es wird geschmiedet, gestritten, philosophiert, geliebt und selbstverständlich auch mit großer Leidenschaft gesungen. Gleichzeitig darf das Publikum ausdrücklich lachen.

Die vollständige Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ bringt es auf rund 15 Stunden. In Schwalmtal hat man sich erlaubt, etwas Zeit zu sparen. Dabei ist die Produktion auch eine Einladung, die eigene Heimat mit anderen Augen zu betrachten. Plötzlich werden Waldwege zu Heldenpfaden, ein Sportplatz zur Drachenhöhle und der Hariksee zum Ort einer der berühmtesten Begegnungen der Opernliteratur. Aus vertrauten Orten wird eine fantastische Welt. Und wer nach der Vorstellung noch nicht genug von Siegfried, Nothung und den Nibelungen hat, kann die Reise fortsetzen: Mit der Eintrittskarte zu „Siegfried an der Schwalm“ ist der Eintritt ins Siegfried-Museum Xanten kostenlos. Dort kann die Geschichte des berühmten Drachentöters und ihre Wirkung über die Jahrhunderte weiter verfolgt werden.