Sie haben sich ins Gedächtnis von Generationen gespielt: das Urmel aus dem Eis und seine Schweine-Mama Wutz. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Kater Mikesch und auch die Katze mit Hut. Aber als sie Stars der Augsburger Puppenkiste über die Leinwand zappelten, lag hinter dem Gründer des Marionetten-Theaters schon ein halbes Leben. 46 Jahre alt war Walter Oehmichen, als er 1948 seine Puppenkiste eröffnete, Bilder zeigen ihn als Marionettenvater, mit Kalle Wirsch auf dem Arm. Aber schon zur Zeit der Nazi-Diktatur war Oehmichen Künstler, damals am Stadttheater Augsburg. Hier begann sein Aufstieg – und sein Einstieg: Der Regisseur trat der NSDAP bei.
Oehmichen wurde Oberspielleiter, bald hoher Amtsträger im Kulturbetrieb. Unter vielen anderen inszenierte er auch Werke, die den Nazis als Werbung und Lehrstücke dienten. Als Propaganda ihrer Ideologie des Hasses. Welche Rolle spielte Oehmichen also in der Diktatur? Darüber wird jetzt diskutiert, fast 50 Jahre nach seinem Tod. Ein Literaturwissenschaftler und ein Historiker suchen nach einer Einordnung hinter Oehmichens Rollen, Figuren, Stücken. Und sie sind sich uneins, wie stark die Schuld sein Erbe belastet.
In Augsburg heuerte „das wohl unheilvollste Gespann“ an
Schon früh waren nationalsozialistischen Mächte in Augsburg spürbar. In dieser Zeit heuerten zwei Männer aus Osnabrück am Stadttheater an – ein Duo, das Literaturwissenschaftler Jürgen Hillesheim so beschreibt: „Das wohl unheilvollste Gespann aus Intendant und Oberspielleiter, das das Haus in seiner Geschichte gesehen hat: Erich Pabst und Walter Oehmichen“. Hillesheim listet auf: Gleich nach Amtsantritt, 1931, feuert Pabst den jüdischen Kapellmeister Paul Frankenburger. Stücke von Bertolt Brecht, dem Revoluzzer und Kind der Stadt, werden verboten. Die Freilichtbühne am Roten Tor wird Schauplatz der Nazi-Propaganda. Die „Weihespiele“, die dort über die Bühne gehen, tragen den Titel „reichswichtige Spiele“. In dieser Zeit wirkt Walter Oehmichen.
Der Literaturwissenschaftler Jürgen Hillesheim ist Professor an der Universität Augsburg. Über seine Recherchen zu Oehmichens Leben hat er auch schon in unserer Zeitung geschrieben. Jetzt legt er mit einem Beitrag im Magazin Orpheus nach: Oehmichen sei als Regisseur und Schauspieler „an mehr als 20 eindeutig nationalsozialistischen, ideologisch motivierten Inszenierungen beteiligt“ gewesen. Viele dieser Werke gehörten „zu den unheilvollsten, die das sogenannte NS-Schrifttum hervorgebracht hat“. Ein Beispiel: Mit „Opferstunde“ von Hellmuth Unger inszenierte Oehmichen 1935 ein „Zwangssterilisations- und Euthanasiedrama“. Der Inhalt des Stücks baut auf die menschenverachtende Idee der „Rassenhygiene“: Eine Paar verzichtet darauf, Kinder zu bekommen, weil es erblich „belastet“ sei.
Äußerlich NS-konform – und innerlich? Historiker kommt zu anderem Fazit über Oehmichen
Walter Oehmichens Karriere nimmt Fahrt auf: 1937 tritt er der NSDAP bei. Später ernennt ihn die Reichstheaterkammer zum Landesleiter – ein hohes Amt im Kulturleben der Region. Aber was dachte und fühlte Oehmichen? Das fragt sich Matthias Böttger. Der Historiker hat die Puppenkisten-Geschichte erforscht und zuletzt im Stadtarchiv Augsburg einen Vortrag über Oehmichens Leben gehalten – und kommt zu einem ganz anderen Schluss als Hillesheim: „In dieser Atmosphäre hat Oehmichen versucht, möglichst gutes Theater zu machen.“ Zuhause, im Kreis seiner Familie, habe der Künstler immer wieder über das System geklagt. „Aber er hat die Hand tatsächlich nur in der Tasche zur Faust geballt“, der Widerstand gelang ihm „nie mit offenen Worten“, sagt Böttger. Trotzdem sieht der Historiker auch den Widerspruch in Oehmichens Arbeit: Nazi-Stücke, die ihm nicht gefielen, habe er „bewusst so schlecht inszeniert, dass sie beim Publikum durchgefallen sind“.

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Treuer NS-Anhänger oder heimlicher Widerspenstiger? Über die Rolle von Puppenkisten-Erfinder Walter Oehmichen wird gestritten.
Foto: Archiv Augsburger Allgemeine
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Treuer NS-Anhänger oder heimlicher Widerspenstiger? Über die Rolle von Puppenkisten-Erfinder Walter Oehmichen wird gestritten.
Foto: Archiv Augsburger Allgemeine
Und sein Aufstieg bis zum Landesleiter? Matthias Böttgers Theorie: Oehmichen versuchte zu verhindern, „dass ein linientreuer Nazi diesen Posten kriegt“. Er wollte sich die Freiheit bewahren, seinen Spielplan selbst zu bestimmen – neben dem Pflichtanteil an NS-Propaganda-Werken. Dass der Regisseur zum Beispiel noch zur Zeit des Kriegs mit England ein Stück von Shakespeare inszeniert habe, sich auf die Bühne gestellt und seine Stückwahl dem Publikum erklärt habe, das rechnet ihm Böttger an. Außerdem sei es ihm „ein Gräuel“ gewesen, dass viele jüdische Künstler-Kollegen vom Augsburger Theater verbannt wurden. Als er NS-Werke inszenieren sollte, da hätte Oehmichen „gerne mit der Faust auf den Tisch gehauen“, sagt Böttger. „Aber er war zu feige.“
Im Entnazifizierungsverfahren wird Oehmichen offenbar entlastet
Doch dann: Kriegsende, Neubeginn. Im Sommer 1947 musste Walter Oehmichen vor die Spruchkammer treten, sein Entnazifizierungsverfahren durch die amerikanische Besatzungsmacht begann. In diesem Dokument finden sich entlastende Sätze: Zeugen sagten, dass sie in Oehmichens Nähe ohne Angst ganz offen sprechen konnten, auch gegen das Regime. Doch Jürgen Hillesheim spricht von „nachweislichen Falschaussagen“ im Verfahren. Welchen Wert hat also so ein Stück Papier? Am Ende wurde Oehmichen als „Mitläufer“ eingestuft. Oehmichens Puppenkiste stand nichts mehr im Weg.
Fest steht: Die Puppenkiste ist aus dem Krieg heraus geboren. Im Fronteinsatz in Calais hatte der Soldat Oehmichen in einer französischen Schule, die deutsche Soldaten als Kaserne besetzten, ein altes Puppentheater gefunden. Er liebte das Spiel: „Da merkte ich, dass Puppentheater eventuell noch mehr Theater ist als Menschentheater“, schrieb er in einem Brief, den Böttger zitiert. „Und als alles so trostlos war, da sagte ich mir, je stärker ich die Menschen entrücken kann, desto mehr helfe ich ihnen.“
1960 trat Oehmichen dann in Brechts „Dreigroschenoper“ auf
Dass Oehmichen dann Jahre später, 1960, in Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ auftrat, bewertet Jürgen Hillesheim nur als „einen postnationalsozialistischen Selbstreinigungsprozess“. Der Literaturprofessor will weiter recherchieren, sich in Oehmichens Geschichte vertiefen.
Zwei Lesarten eines Lebens. Was bleibt, ist das Erbe der Puppenkiste. Geschichten von sprechenden Katern, Rittern in Blechdosen, einer Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Lokomotivführer. Und eine Vorgeschichte, über die jetzt gestritten wird.