Liebe Leserin, lieber Leser,
vorige
Woche saß ich in einem goldenen Ei. Genauer gesagt saß ich im
»Großen
Goldenen Ei« und um mich herum saßen etwa 120 Männer und Frauen.
Sie ahnen das schon: Das Ei war nicht echt. So heißt das Audimax der
Kühne Logistics University. Diese private Hochschule hat der
kürzlich verstorbene Milliardär Klaus-Michael Kühne einst
finanziert. Der Hörsaal der Uni ist außen vergoldet, die Wände
sind rund, und diese Optik ließ mich abschweifen. Ich stellte mir
vor, wie ein Urvogel sein Ei im Atrium abgelegt hatte und es nicht
wiederfand, weil jemand Farbe draufgegossen hatte.
Im
Goldenen Ei fand der Erste
Tag der Ehrbarkeit statt.
Wenn Sie das jetzt nicht gleich verstehen, macht das nichts. Habe ich
auch nicht. Gastgeber war »Die Versammlung Ehrbarer Kaufleute zu
Hamburg«. Sie entstand im Jahr 1517 und ist eine der ältesten
Wirtschaftsvereinigungen des Landes. Bis heute tritt sie für mehr
Respekt, Anstand und Haltung im Unternehmertum ein. Auch, damit die
Geschäfte besser laufen. Sie wissen schon, Hamburger Handschlag und
so.
Gut
500 Jahre nach Gründung hat sich die Versammlung nun etwas Neues
ausgedacht: eben diesen Tag der Ehrbarkeit. Was man ja nicht täte,
wenn es nicht nötig wäre. Kostet ja Geld, so ein Tag. Es scheint
also etwas verrutscht zu sein zwischen Hamburgs Unternehmern und
ihren Werten. Nur was? Auf der Suche nach Antworten lauschte ich
Rednern wie Bürgermeister Peter Tschentscher. »Der Begriff
Ehrbarkeit ist dringender denn je, obwohl er so altmodisch klingt«,
mahnte der SPD‑Politiker.
Mich ließ das weiter rätseln: Wobei ist Ehrbarkeit dringender denn
je?
© Pia Bublies für die ZEIT/DIE ZEIT
Newsletter
Elbvertiefung – Der tägliche Newsletter für Hamburg
Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.
Prüfen Sie Ihr Postfach und bestätigen Sie das Newsletter-Abonnement.
Klarer
war der Redner Michael Schleef, er leitet die Großbank HSBC. Nicht
alles, was legal sei, sei auch legitim, sagte der Banker.
Cum-Ex-Geschäfte etwa verstießen gegen die Ehrbarkeit, das hätten
Beteiligte bei aller Komplexität wissen können. Schleef sagte:
»Eine Steuergutschrift nicht zweifach auszuzahlen, ist eine relativ
einfache Entscheidung für einen Banker.«
Deutlich
war auch Maja Göpel. Wirtschaftswachstum als wichtigster Maßstab
für Wohlstand? Das lehnt die Nachhaltigkeitsexpertin ab. Weil das
Streben nach Wachstum allein blind macht für Umweltzerstörung. Wie
Truthähne, so Göpels Bild, verharrten Menschen mit diesem Maßstab
im »Tal der Verzweiflung«. Es gelte, den Blick zu heben, sagte sie.
Hübscher kann man einer Stadt mit dem größten Industriegebiet und
dem größten Hafen des Landes wohl kaum mitteilen, dass ehrgeizige
Klimaziele etwas höchst Anständiges sind.
Ich wünsche Ihnen einen
schönen Tag!
Ihre Kristina Läsker
Was heute wichtig ist
Bürgerschaftspräsidentin
Carola Veit ist offen für eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe
zu einer verfassungsrechtlichen Überprüfung der AfD.
Es sei »an der Zeit, konkreter zu werden«. Zuvor hatte auch
Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) einen
solchen Schritt gefordert. Die AfD wird bundesweit als Verdachtsfall
vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet.
Nach
der Wahl in Sachsen-Anhalt ist am Samstag
ab 14 Uhr eine Demonstration gegen Rechtsextremismus
und für demokratischen Zusammenhalt in der Innenstadt geplant. Es
sei wichtig, »nicht zu resignieren, sondern endlich politisch zu
handeln und als Zivilbevölkerung zusammenzustehen«, sagte Annika
Rittmann von Zusammen gegen Rechts Hamburg.
Noch
nie
haben deutsche Schüler bei Pisa so schlecht abgeschnitten,
wie in
der gestern veröffentlichten neuen Ausgabe der Studie. Zu möglichen Gründen äußerte sich Hamburgs früherer Schulsenator
Ties Rabe (SPD): Es werde in Familien zu wenig gelesen, Kinder seien
zu viel am Handy und auch die Schulschließungen während der
Corona-Pandemie hätten negative Folgen. Rabe empfahl Maßnahmen, die
in Hamburg seit seiner Amtszeit üblich sind, etwa täglich 20
Minuten Lesetraining an der Grundschule sowie eine vor der
Einschulung ansetzende Sprachförderung für Kinder mit Defiziten
(siehe auch: Schon
Gelesen).
© Philipp Szyza/pa
Die Kühne Holding hat offenbar einen Teil ihrer Anteile am HSV an die Hanse & Raute GmbH verkauft, die nun etwa sechs Prozent am Fußball-Club hält. Das meldet das Hamburger Abendblatt. Mit 9,4 Prozent sei die Kühne Holding weiterhin der größte Gesellschafter. Der Anteilsverkauf hatte bereits vor mehreren Wochen stattgefunden und damit deutlich bevor der Unternehmer und HSV-Fan Klaus-Michael Kühne vor gut zwei Wochen im Alter von 89 Jahren verstorben war. Gestern hatte der HSV mitgeteilt, dass nun die Genehmigungen vorliegen, um das Volksparkstadion von 57.000 auf mehr als 60.000 Plätze zu erweitern.
Die
Hamburger Polizei
kontrolliert in dieser Woche Autofahrer verstärkt auf Drogenkonsum.
Es gebe an drei Tagen feste Kontrollstellen, an den übrigen Tagen
seien mobile Teams unterwegs, sagte der Leiter der Verkehrsdirektion,
Thomas Model. Im ersten Halbjahr 2026 gab es fast 100
Verkehrsunfälle, bei denen Drogeneinfluss eine Rolle spielte.
Nachricht des Tages
© Telluride Architektur GmbH/sander.hofrichter architekten GmbH
Die
Asklepios-Klinik Altona wird durch einen Neubau ersetzt. Acht
Jahre nach Ankündigung durch Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD)
geht es jetzt voran: Die Stadt und Asklepios haben offene Fragen zur
Finanzierung, zum Grundstück und zum Vergabeverfahren geklärt.
Geplant
ist ein bis zu elfgeschossiger Neubau (rechts im Bild) mit 600
Betten, davon 60 Intensivbetten, plus 46 Betten in der
Neugeborenenstation. Hinzu kommen zwölf OP-Säle und fünf
Fast-Track-OPs für ambulante Eingriffe. Im
Oktober startet das europaweite Vergabeverfahren. Gesucht wird ein
Unternehmen, das Planung und Bau übernimmt. Vorbereitende Arbeiten
sollen bereits im Herbst beginnen. Bis 2030 könnte der erste
Spatenstich erfolgen, 2035 soll das neue Krankenhaus in Betrieb
gehen.
Das
alte Gebäude, ein denkmalgeschütztes Hochhaus aus den Siebzigern
(links im Bild), entspricht laut Asklepios nicht mehr den
Anforderungen moderner Medizin. Diagnostik, OP und Intensivstation
seien über lange Wege verbunden, Patienten und Material müssten
häufig per Aufzug transportiert werden. Im Neubau sollen die
medizinischen Bereiche enger zusammenrücken.
Wie
teuer das Projekt werden könnte, sagte Sozialsenatorin Melanie
Schlotzhauer (SPD) bei der Vorstellung der Pläne nicht – wohl
auch, um die Angebote im Vergabeverfahren nicht zu beeinflussen.
Hamburg übernimmt 77 Prozent der Investitionen, Asklepios 23
Prozent. Wegen des schwierigen Baugrunds trägt die Stadt einen etwas
höheren Anteil als bei Klinikneubauten üblich. Auch die
Grundstücksfrage ist geklärt: Nach dem Umzug fällt das bisherige
Klinikgrundstück samt Gebäuden an die Stadt zurück. Was aus dem
alten Krankenhaus wird, ist offen.
Von
Annika Lasarzik
Aus Hamburg
© Paul Dittmann für DIE ZEIT
Meine einsame Insel
Mitten
in Hamburg liegt ein Ort, an dem man im Schatten alter Bäume sitzen
und der Realität entfliehen kann. ZEIT-Redakteur Frank Drieschner
schwärmt von der Verkehrsinsel im Klosterstern. Lesen
Sie hier einen Auszug aus seinem Artikel.
Was
für ein Ort! Es ist, als hätte sich der liebe Gott des
Straßenverkehrs bedient, um wie mit einer Lochsäge einen Kreis von
70 Metern Durchmesser aus der Hamburger Wirklichkeit zu schneiden.
Eben noch stand man zwischen denkmalgeschützten Prachtbauten am Rand
des Klostersterns, jenes riesigen Kreisverkehrs in Harvestehude. Aber
dann: Ab auf die Verkehrsinsel! Eine Lücke im Fahrzeugstrom
abpassen, ein paar schnelle Schritte – schon ist man da.
Wobei
der Begriff der »Verkehrsinsel« vielleicht falsche Assoziationen
weckt. Eher ist das, was hier vom Kreisverkehr umschlossen wird, ein
rundes Wäldchen aus alten Linden, Eichen und Kastanien. Am Boden
führt ein Trampelpfad quer durch einen strukturlosen und dezent
verwahrlosten Bewuchs aus Halmen, Wildblumen, Brennnesseln und
Baumschösslingen.
An
einer Stelle hat jemand eine Wand gezogen, vielleicht 15 Meter lang
und an die drei Meter hoch. Sie besteht aus einem mit groben Steinen
gefüllten Gitterkäfig, ist stellenweise von Efeu überwuchert und
wurde im Übrigen so lustlos mit Farbe besprüht, als hätten die
Täter mangels Publikum
den Spaß verloren. Vor der Wand wurde eine Art Platz angelegt, zwölf
Bänke aus Beton stehen dort.
Was
dieser Ort mit einem macht, lesen
Sie weiter in der ungekürzten Fassung. →
Zum
Artikel (Z+)
Schon gelesen?
© BFC/ Ascent Xmedia/Getty Images
»Der Lernverlust ist dramatisch«
Die
Leistungen deutscher Schüler erreichen einen historischen Tiefpunkt.
Bildungswissenschaftler Samuel Greiff erklärt im Gespräch mit dem
ZEIT-Redakteur Martin Spiewak die Gründe und sagt, warum Geld allein
nicht hilft. →
Zum Artikel (Z+)
Darauf können Sie sich freuen
Dieses
Jahr findet zum zwölften Mal das International Mendelssohn Festival vom 16. bis 27. September 2026 statt. Der programmatische Auftakt
ist eine »Aufforderung zum Tanz« mit Werken von Felix Mendelssohn
Bartholdy und seinem Vorbild Carl Maria von Weber. Wir
verlosen fünfmal zwei Karten für das
Eröffnungskonzert am Mittwoch, 16. September 2026 um 19.30 Uhr, im Kleinen Saal der
Laeiszhalle.
Schreiben Sie uns bis Freitag, 12 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff
»Aufforderung« an hamburg@zeit.de.
Die Gewinner werden von uns direkt benachrichtigt. Viel Glück!
Meine Stadt
Strategie der Deutschen Bahn für eine bessere Pünktlichkeitsquote? © Volker Simon
Hamburger Schnack
Neulich
im Wildpark Klövensteen. Eine zweite Klasse betrachtet
einen
Damhirsch,
der regungslos nahe am Zaun steht. Fragt ein Junge: »Ist das KI?«
Gehört
von Ursula
Pieloth
Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.