Stand: 09.09.2026 06:00 Uhr
Die Terrorangriffe in den USA am 11. September 2001 sind ein Schock. Die damalige US-Generalkonsulin Susan Elbow schildert, wie sie die ersten Tage und Wochen danach in Hamburg erlebt hat. Aus einer Welle der Sympathie wird mit dem Irak-Krieg 2003 bei vielen Norddeutschen Wut.
Susan Elbow ist im Herbst 2001 noch ganz neu in der Stadt. „Ich kam am 23. August 2001 an, also knapp drei Wochen vor dem 11. September“, erzählt die frühere US-Diplomatin im NDR Info Podcast „Pearl Harburg – Deutschland nach 9/11“. „Ich hatte wirklich keine Ahnung von nichts, wo was war in Hamburg.“ Sie hätte nicht einmal sagen können, wo das Rathaus steht.
In den ersten Wochen bleibt ihr auch keine Zeit, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden. „Ich habe das Konsulat geleitet. Wir waren damals ungefähr 40 bis 50 Mitarbeiter. Unsere Aufgabe war, die USA hier in Norddeutschland zu vertreten – und zwar in den fünf norddeutschen Bundesländern.“ Also neben Hamburg auch in Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.
„Wow, was für eine elegante Stadt“
Vor ihrer Hamburger Zeit hat Susan Elbow schon einmal in Deutschland gelebt. „Ich war in Frankfurt von 1987 bis 1990. Ich habe also den Fall der Mauer erlebt und auch die Wiedervereinigung.“ Danach verschlägt es sie nach El Salvador und Ungarn – schließlich arbeitet sie ein paar Jahre lang im US-Außenministerium in Washington. Hamburg kannte sie bis dahin nur von zwei Kurzbesuchen: „Wow, was für eine elegante Stadt“, habe sie gedacht.

Ein Recherche-Team von NDR Info klärt, welche Rolle Hamburg – als Wohnort der „Todespiloten“ – gespielt hat. Es kommen Menschen zu Wort, die dieser Tag bis heute prägt.
„Ich rannte zum Fernseher – wie alle anderen auch“
Sich in Ruhe in der Hansestadt einzuleben, ist der US-Amerikanerin nicht vergönnt. Die Geschehnisse am 11. September ändern schlagartig alles. „Ich war an dem Tag im Konsulat an der Alster“, erinnert sich Susan Elbow. „Es gab viel zu tun.“ Ihre Antrittsbesuche in den fünf Bundesländern mussten geplant werden.
„Ich war in meinem Büro, ein Kollege rannte herein und sagte, ein kleines Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen worden. Ich konnte das nicht glauben. Natürlich rannte ich zum Fernseher, wie alle anderen auch. Dann habe ich das zweite Flugzeug gesehen und ich wusste sofort, wo das genau war. Ich hatte tatsächlich mal im World Trade Center gearbeitet. Genauer gesagt: im 77. Stock von Turm 1.“ Sie habe sogleich geahnt, dass es kein Unfall sein kann – sondern ein Terroranschlag.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA erschütterten die ganze Welt. Einige der Attentäter lebten jahrelang in Hamburg.
„Es war so ein Schock, wie eine Kriegserklärung“
In den folgenden Stunden stellt sich heraus: Insgesamt 19 islamistische Attentäter haben gleich mehrere Passagier-Maschinen entführt. Zwei Flugzeuge fliegen in die Türme in New York, ein drittes ins US-Verteidigungsministerium: das Pentagon bei Washington. Und bei Pittsburgh stürzt ein viertes entführtes Flugzeug ab. „Es war beispiellos. Es war ein Angriff auf die USA. Es war wie eine Kriegserklärung“, sagt Elbow 25 Jahre nach den Anschlägen. „Es war so ein Schock. Man dachte, das kann nicht wahr sein. Und es war diese große Frage: Wann hört das auf, kommen noch mehr Anschläge?“
Und dann kam schnell die Polizei
Susan Elbow betrachtet die TV-Bilder aus den USA aus rund 6.000 Kilometern Entfernung. Als US-Generalkonsulin in Hamburg ist sie zunächst auf sich allein gestellt. „Ich habe keine Anweisungen bekommen.“ Weder aus Washington noch von der US-Botschaft in Berlin. „Ich musste alles selber erfinden“, sagt Elbow. „Und dann war ziemlich schnell die Polizei hier.“
Die Hamburger Polizei befürchtet, dass islamistische Terroristen womöglich auch ein Attentat auf das US-Generalkonsulat an der Außenalster planen. Zudem war bekannt, wo die Residenz der Generalkonsulin lag. „Deswegen dachten die Polizisten, es ist zu gefährlich für mich, nach Hause zu gehen. Also musste ich mich irgendwo verstecken.“
Tagelang dieselbe Kleidung getragen
Und so nimmt sie das Angebot einer Kollegin an, fürs Erste bei ihr unterzukommen. „Dort blieb ich zwei Tage, glaube ich. Ich habe nicht geschlafen, ich habe nur Fernsehen angeschaut. Das war die einzige wirkliche Quelle für Information.“ Und an noch etwas erinnere sie sich bis heute genau: „Mindestens zwei Tage lang, wenn nicht drei, habe ich dieselbe Kleidung getragen – einen dunkelgrünen Hosenanzug.“
Die Hamburger Polizei bewacht das Konsulat und die Residenz. Angst um ihr eigenes Leben habe Susan Elbow damals nicht gehabt. „Überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich habe mich von den Hamburgern geschützt gefühlt. Ich war sicher, wenn etwas passieren würde, würden alle Leute mich sofort schützen.“
Attentäter lebten unentdeckt in Hamburg

Ein Titelblatt der „Hamburger Morgenpost“ im September 2001: Neben Osama bin Laden ist auch Mohammed Atta (klein) abgebildet.
Einen Tag nach den Anschlägen sickert dann aus den USA die Information durch, dass einige der Terroristen jahrelang in Hamburg gelebt haben. Unter ihnen ist der mutmaßliche Anführer der „Todespiloten“ Mohammed Atta, der in Harburg studiert hat.
Für Susan Elbow beginnt eine atemlose Zeit: „Ich hatte wirklich keine Zeit nachzudenken. Ich musste nur Sachen machen. Und es war so viel zu tun, Leute zu beruhigen. Ich habe versucht, Informationen zu sammeln. Und natürlich wollten alle Kontakt mit mir. Alle Ministerpräsidenten in Norddeutschland, viele Institutionen. Es gab so viele Fragen und Anrufe.“
Große Kundgebung auf dem Rathausmarkt
Am 13. September finden sich rund 20.000 Menschen in der Hamburger Innenstadt ein. Sie wollen zeigen, wie bestürzt sie über die Ereignisse in den USA sind. Susan Elbow ist immer noch gerührt, wenn sie an die Szenen damals vor dem Rathaus denkt. „Es war brechend voll. Und ich stand da und ich konnte diese Welle von Sympathie spüren. Wir waren so geeinigt in unserer Trauer und Fassungslosigkeit. Einerseits war es ein tolles Gefühl, weil wir so geeint waren. Und andererseits war es einfach so traurig.“
Eine ungewohnte Situation für die US-Diplomatin

TV-Bilder vom „Hamburg Journal“ zeigen, wie US-Generalkonsulin Susan Elbow am 13.09.2001 ihre Rede auf dem Rathausmarkt hält.
Als US-Generalkonsulin wird sie gebeten, vor der Menschenmenge eine Rede zu halten. TV-Bilder von damals zeigen, wie sie auf einer kleinen Bühne steht. „Das war total neu für mich“, sagt Elbow. Anders als Politiker sei sie eine solche Situation nicht gewohnt gewesen. „Ich habe sogar im Auto auf dem Weg dorthin den letzten Teil meiner Rede geschrieben. Mit einem Kollegen habe ich noch ein bisschen die Aussprache geübt. Ich weiß ganz genau: Ich bin über ein paar Worte gestolpert, die sehr lang und kompliziert waren.“
Zum Beispiel über das Wort „verabscheuungswürdig“. Im Skript der Rede steht der Satz: Es war ein verabscheuungswürdiger und grausamer Akt. „Ich habe gedacht: Das ist so wichtig. Ich muss mein Land vertreten und ich muss das richtig machen.“ Sie sagt heute, es sei ihr schwer gefallen, ihre Gefühle auf der Bühne zu kontrollieren. „Ich habe versucht, die Emotionen auszuschalten. Gott sei Dank, war meine Rede kurz. Hinterher habe ich dann, glaube ich, geweint.“
„Unsere Werte sind stärker als die von den Islamisten“
In dieser Rede auf dem Rathausmarkt formuliert Susan Elbow zum ersten Mal, was sie danach immer wieder über die deutsch-amerikanische Beziehung sagen wird. „Wir müssen zusammenhalten. Wir müssen unsere Werte verteidigen. Unsere Werte sind stärker als die von den Islamisten. Unsere Freundschaft ist wichtig. Und zusammen müssen wir gegen Terrorismus kämpfen.“
Hamburg fürchtet um seinen guten Ruf
In Hamburg machen sich viele Sorgen um den internationalen Ruf der Hansestadt. Ein islamistisches Terror-Netzwerk in der eigenen Stadt, das an den Anschlägen vom 11. September maßgeblich beteiligt war, ist keine gute Image-Kampagne.
Susan Elbow beschreibt die damalige Stimmung so: „Hamburg hatte natürlich Angst um seinen Ruf. Die Wirtschaft ist mächtig hier und wichtig. Und die wollten nicht, dass die Wirtschaft zurückgeht.“ Und so initiiert die Hamburger Handelskammer eine ganzseitige Anzeige in der „New York Times“. In großen Buchstaben ist da zu lesen: „America, Hamburg stands by you.“
„In der ‚New York Times‘, in der allergrößten Zeitung der Stadt eine ganze Seite, das hat einen Haufen Geld gekostet“, weiß die frühere US-Generalkonsulin. „Aber das zeigt dann, wie wichtig diese Beziehung für Hamburg ist.“
Im „Hamburger Abendblatt“ ist schon einige Tage vorher eine ähnliche, ganzseitige Anzeige erschienen: „Amerikaner, wir sind bei euch“. Und diese Zeitungsseite hängen sich viele Hamburgerinnen und Hamburger in ihr Wohnzimmer-Fenster. Auch im Schauspielhaus, in Unternehmen, in Geschäften und Autoscheiben ist sie zu finden.
Vor dem Konsulat stapeln sich Stofftiere und Briefe
Das weiße Gebäude des US-Generalkonsulats wird für die Hamburgerinnen und Hamburger zu einer Art Gedenkstätte. „Die Leute strömten vor das Konsulat. Die kamen hier mit Blumen, Stofftieren, Briefen, unglaublich vielen Sachen, um ihr Beileid auszudrücken. Es war so ein Schock für die ganze Welt, weil es so böse war, so unvorstellbar.“ Susan Elbow sieht das Treiben von ihrem Arbeitsplatz aus. Sie ist tief bewegt von der Anteilnahme. Viele Menschen schreiben in Kondolenzbücher, die beispielsweise im Rathaus ausliegen und dann dem Konsulat überreicht werden. „Also, es war eine unglaubliche Sympathie!“
Und dann gab es dieses panische Angst, dass noch etwas hier in Hamburg passieren könnte.
Die frühere US-Generalkonsulin Susan Elbow über die Zeit kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001
Anwohner ärgern sich anfangs über Straßen-Sperrung

Kurz vor dem Irak-Krieg 2003 verstärkt die Polizei die Sicherheitsmaßnahmen vor dem US-Generalkonsulat an der Alster.
Um einen möglichen Anschlag auf das Generalkonsulat zu verhindern, riegelt die Polizei die Gegend um das Gebäude ab. „Die Straße war total gesperrt. Das hat die Leute hier in der Nachbarschaft lange geärgert, aber später haben sie gesagt: ‚Oh, es ist sehr ruhig hier, wir fühlen uns sehr sicher.'“
Susan Elbow selbst wird anfangs rund um die Uhr von Leibwächtern beschützt. Mal eben zum Mittag eine Pizza in der Nachbarschaft zu essen, ist nicht mehr möglich. „Es gab plötzlich keine Spontanität mehr. Man musste alles die Polizei fragen, die mussten zuerst hingehen und sehen, ob dieser Ort in Ordnung ist.“ Auch jede einzelne Veranstaltung habe mit den Personenschützern abgestimmt werden müssen.
„Nur am Sonntagabend war ich mal zu Hause“
„Ich hatte wirklich keine Freiheit“, sagt Susan Elbow rückblickend im Jahr 2026. „Und natürlich, nach dem 11. September, ich hatte sogar keine Anonymität mehr. Und es war interessant: In den drei Jahren, die ich in Hamburg als Generalkonsulin war, war ich kein einziges Mal im Lebensmittelgeschäft.

Im September 2021 ist Susan Elbow dabei, als vor dem US-Konsulat eine Gedenktafel für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 enthüllt wird.
Zu Hause hatte ich Personal. Die haben für mich eingekauft und gekocht. Und ich bin kein einziges Mal mit der U-Bahn gefahren. Ich war immer im Auto, habe sehr viel gearbeitet. Fast jeden Abend eine Veranstaltung, auch in Hannover, Rostock oder Greifswald. Nur Sonntagabend war ich normalerweise zu Hause.“
Mit dem Irak-Krieg kippt die Stimmung

Das US-Generalkonsulat ist 2022 aus dem Gebäude an der Außenalster ausgezogen – die Straße ist nun für Radfahrer wieder frei.
Die große Sympathie-Welle, mit der die Norddeutschen auf die Anschläge vom 11. September reagieren, ebbt nach und nach ab. Schon der militärische Einsatz gegen Afghanistan ab Oktober 2001 stößt auf Kritik. Und mit dem Irak-Krieg, der im März 2003 beginnt, werden die USA für viele endgültig zum Buh-Mann. Das spürt auch Susan Elbow damals. „Mit dem Irak-Krieg ist die Stimmung total gekippt – weg von dieser uneingeschränkten Solidarität. Das war nun ein Konflikt. Ich könnte sogar sagen: Es war Feindseligkeit.“

Ein Feature über die Folgen von 9/11 für die Bundeswehr und die deutsche Sicherheitspolitik – von Christoph Heinzle und Sugárka Sielaff.
Schweren Herzens Hamburg verlassen
Immer wieder muss die US-Generalkonsulin den Krieg gegen Iraks Diktator Saddam Hussein erklären. Schließlich ist sie das Gesicht der USA in Norddeutschland. Im Sommer 2004 endet dann ihre Zeit in Hamburg. Nach drei Jahren steht – wie im US-Außenministerium üblich – die nächste Station an: Für sie geht es nach Belgrad.
Der Abschied aus der Hansestadt fällt ihr schwer. „Ich wollte nicht weggehen. Ich hatte so viele Freunde hier gewonnen. Und diese Beziehungen waren sehr intensiv. Und Freunde haben für mich als Überraschung eine Abschiedsparty in St. Peter-Ording direkt am Wasser organisiert. Viele Leute kamen aus Hamburg dorthin, es war eine fabelhafte Party. Es war wirklich schwierig, Tschüs zu sagen.“
9/11 war bestimmt eine schlechte Wende in der Geschichte der Welt.
Susan Elbow, frühere US-Generalkonsulin in Hamburg
Kein gutes Wort über Donald Trump
Inzwischen lebt Susan Elbow wieder in Hamburg – seit 2022. Als Rentnerin. Ihre Zeit als US-Diplomatin ist seit knapp sieben Jahren vorbei. Könnte sie heute noch – unter einem US-Präsidenten Donald Trump – für die USA als Diplomatin arbeiten? „Nein, das könnte ich nicht“, antwortet die heute 69-Jährige. Ernüchtert blickt sie auf die Entwicklung seit den Anschlägen vom 11. September 2001.
„In den ersten elf Jahren meiner Karriere ist die Welt nur in eine positive Richtung gegangen: mit dem Fall der Mauer, der Wiedervereinigung, den vielen neuen, unabhängigen Demokratie-Ländern in Osteuropa. Es war super. Und dann kam 9/11. Ich hatte gehofft, dass wir vielleicht nach zehn Jahren wieder in eine positive Richtung gehen werden.

Das markante Gebäude am Alsterufer wird inzwischen zu einem Luxus-Hotel umgebaut.
Und stattdessen ist es alles instabiler geworden: die erfolglosen Kriege im Irak und Afghanistan, dann diese wirtschaftliche Finanzkrise, dann kam Covid, dann haben wir Krieg in der Ukraine und im Iran. Also, ein neues Gleichgewicht scheinen wir nicht zu finden. Und ich glaube, all diese Dinge waren wie Nahrung für die Populisten. Und das ist der große Trend jetzt auf der Welt. Natürlich ist Trump ein riesiger Populist, wenn nicht etwas Schlimmeres. Und das finde ich sehr traurig. Und das hat alles, denke ich, mit 9/11 begonnen.“
Immer noch viel unterwegs
Susan Elbow engagiert sich heute viel im Rotary Club und im traditionsreichen Übersee-Club in Hamburg. Und sonst so? „Zum Spaß lerne ich jetzt Türkisch. Ich mag Sprachen sehr gerne. Und ich unterstütze ein paar andere Organisationen, die ich sehr wichtig finde. Ich gehe natürlich ins Theater und ins Konzert. Und ich reise sehr viel.“
An Hamburg schätzt sie die Mischung aus Alt und Neu. „Teilweise ist es sehr modern, aber dann gibt es diese alten Villenviertel, das Rathaus. Und dann gibt es Wasser überall: mit Alster und Elbe. Es ist auch sehr grün, es gibt Parks überall. Es ist nicht riesengroß wie in Rom und Paris, aber Hamburg bietet alles, was eine Großstadt zu bieten hat.“
Die fünf Folgen des NDR Info Podcasts „Pearl Harburg – Deutschland nach 9/11“ sind auch bei ARD Sounds zu finden.

Das Hotel entsteht in dem ehemaligen US-Generalkonsulat. Am Dienstag wurden die aktuellen Pläne vorgestellt.

Wie blicken wir heute auf öffentliche Sicherheit und islamistisch motivierte Anschläge? Was hat sich seit dem 11. September 2001 verändert?