
Stand: 09.09.2026 12:37 Uhr
Immer mehr Kinder und Jugendliche verunglücken in Hamburg mit E-Scootern. Eine Hamburger Stiftung fordert deshalb verpflichtenden Theorieunterricht und einen Befähigungsnachweis. Auch der ADAC unterstützt einen solchen Nachweis. Beschlossen ist ein „E-Scooter-Führerschein“ bislang aber nicht.
Die Hamburger Stiftung MittagsKinder fordert verpflichtenden Theorieunterricht und einen Prüf- beziehungsweise Befähigungsnachweis für junge E-Scooter-Fahrerinnen und -Fahrer. Hintergrund sind die steigenden Unfallzahlen in Hamburg.
Unfälle bei unter 14-Jährigen
Die Hamburger Polizei registrierte in diesem Jahr bis August insgesamt 664 Unfälle mit E-Scootern. 113 davon betrafen Kinder unter 14 Jahren. Im gesamten Jahr 2025 waren es in dieser Altersgruppe noch 72 Unfälle. Pikant: Unter 14-Jährige dürfen E-Scooter im öffentlichen Straßenverkehr grundsätzlich nicht fahren.
Auch eine gesonderte Auswertung der Polizei für das erste Halbjahr 2026 zeigt, wie häufig Minderjährige beteiligt sind: 97 unfallbeteiligte Kinder bis einschließlich 14 Jahre und 127 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren wurden erfasst. Damit waren allein von Januar bis Juni 224 Minderjährige an E-Scooter-Unfällen beteiligt. 52 von ihnen waren jünger als 14 Jahre und damit noch unterhalb der gesetzlichen Altersgrenze. Zum Vergleich: 2024 waren es in dieser Altersgruppe 19, im Jahr 2025 insgesamt 33.
Polizei: Falsche Straßennutzung häufige Unfallursache
Die Hamburger Polizei hat für das erste Halbjahr 2026 auch ausgewertet, welche Unfallursachen bei Kindern und Jugendlichen besonders häufig festgestellt wurden. An erster Stelle steht die verbotswidrige Benutzung der Fahrbahn oder anderer Straßenteile. Sie wurde bei den bis 14-Jährigen 22 mal und bei den 15- bis 17-Jährigen 20 mal als Ursache erfasst.
Weitere Ursachen waren die Missachtung von Ampeln, Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr oder nicht angepasste Geschwindigkeit. Bei den 15- bis 17-Jährigen wurde zudem in 14 Fällen Alkoholeinfluss als Unfallursache festgestellt. Einem Unfallbeteiligten können bis zu drei Ursachen zugeordnet werden, so die Polizei. Grundsätzlich zeigten sich bei Kindern und Jugendlichen bei den häufigsten Unfallursachen keine wesentlichen Abweichungen vom gesamten E-Scooter-Unfallgeschehen. Eine Ausnahme sei Alkoholeinfluss, der bei Jugendlichen im Verhältnis seltener festgestellt werde.
Hamburger Stiftung fordert Theorieunterricht

Drei Jugendliche stehen gemeinsam auf einem E-Roller.
Susann Grünwald, Vorsitzende des Stiftungsvorstands der Stiftung, bezeichnet die Entwicklung als „haarsträubend“. Die Stiftung betrachte die Unfallbilanz „mit ganz großer Sorge“. Viele dieser Unfälle seien aus ihrer Sicht vermeidbar. Immer wieder seien Kinder und Jugendliche zu zweit oder sogar zu dritt auf einem E-Scooter unterwegs, teils zusätzlich mit Schulranzen, Rucksäcken oder Sportgeräten.
Die Stiftung fordert deshalb verpflichtenden Theorieunterricht für Jugendliche, bevor sie mit einem E-Scooter am Straßenverkehr teilnehmen dürfen. Vorgesehen sind sechs Doppelstunden von jeweils 90 Minuten – angelehnt an die Mofa-Prüfbescheinigung. Anschließend sollen Jugendliche nach Vorstellung der Stiftung mit einem Prüf- oder Befähigungsnachweis zeigen, dass sie die wichtigsten Verkehrsregeln kennen.
Dabei gehe es nicht um einen klassischen Führerschein, betont Grünwald. Entscheidend sei, dass Jugendliche vor der Nutzung grundlegende Regeln lernen und dieses Wissen nachweisen. Die bestehende Altersgrenze von 14 Jahren hält sie grundsätzlich für ausreichend, wenn eine solche Vorbereitung verpflichtend wäre.
ADAC unterstützt Befähigungsnachweis
Auch der ADAC sieht bei Kindern und Jugendlichen besondere Risiken. Nach Angaben des Verkehrsclubs ist bei den 10- bis 18-Jährigen ein besonders starker Anstieg der Unfälle mit Personenschaden zu beobachten. Als Gründe nennt der ADAC unter anderem mangelnde Verkehrserfahrung und eine oft noch geringe Gefahrenwahrnehmung. Hinzu kämen typische Fehlverhaltensweisen wie falsche Straßenbenutzung, unangepasste Geschwindigkeit oder Ablenkung durch das Smartphone. Auch die Mitnahme weiterer Personen und der unsichere Transport von Gegenständen spielten eine Rolle.
Der ADAC spricht sich ebenfalls für einen Befähigungsnachweis aus. Denkbar sei etwa eine digitale Prüfbescheinigung, mit der grundlegende Verkehrs- und Verhaltensregeln nachgewiesen werden.
Mindestalter von 15 Jahren sinnvoll?
Der ADAC hält zusätzlich eine Anhebung des Mindestalters von derzeit 14 auf 15 Jahre für gerechtfertigt. Damit würde die Altersgrenze an die Regelungen für Mofas beziehungsweise die Fahrerlaubnisklasse AM angeglichen.
Aus Sicht des Verkehrsclubs sollte die Verkehrssicherheit allerdings nicht nur über eine einzelne Maßnahme verbessert werden. Entscheidend sei ein Zusammenspiel aus Verkehrserziehung, verantwortungsvollem Nutzungsverhalten, sicherer Fahrzeugtechnik und besserer Verkehrsinfrastruktur.
MittagsKinder hatte sich mit ihrer Forderung bereits im Juni an Hamburger Politikerinnen und Politiker gewandt. Zu den Adressaten gehörten Hamburger Bundestagsabgeordnete von SPD, Grünen, CDU und Linken sowie die Bürgerschaftspräsidentin und die Fraktionsspitzen in der Hamburgischen Bürgerschaft.
In den Schreiben forderte die Stiftung verpflichtenden Theorieunterricht nach dem Vorbild der Mofa-Prüfbescheinigung. Weil die Regeln für E-Scooter bundesweit festgelegt werden, kann Hamburg einen solchen Befähigungsnachweis nicht allein einführen. Die Stiftung bittet deshalb um einen Antrag in der Hamburgischen Bürgerschaft. Ziel sei es, die Forderung anschließend über die Verkehrsministerkonferenz und den Bundesrat auf Bundesebene voranzubringen.
Nach Angaben von Grünwald blieb die Briefaktion bislang weitgehend ohne Resonanz. Konstruktive Rückmeldungen habe man nicht erhalten. Einige Angeschriebene hätten lediglich mitgeteilt, das Anliegen an zuständige Parteikolleginnen oder Parteikollegen weiterzuleiten.
Neue Regeln, aber kein verpflichtender Nachweis

Ein E-Roller, der bereits mit einem Blinker ausgestattet ist.
Unabhängig davon sind bereits strengere Regeln und technische Anforderungen für E-Scooter beschlossen. Der ADAC begrüßt unter anderem die künftig vorgeschriebenen Blinker an neu zugelassenen Fahrzeugen. So könnten Fahrerinnen und Fahrer dadurch beim Abbiegen beide Hände am Lenker behalten. Grünwald geht das nicht weit genug. Aus ihrer Sicht setzen die Neuerungen vor allem bei der Technik an, nicht bei der Befähigung der Fahrerinnen und Fahrer.
Ob tatsächlich ein verpflichtender Befähigungsnachweis oder eine Art „E-Scooter-Führerschein“ kommt, ist bislang offen. Das Bundesverkehrsministerium hat auf eine Anfrage des NDR zu einem verpflichtenden Theorieunterricht und möglichen weiteren Verschärfungen für junge E-Scooter-Fahrerinnen und -Fahrer bislang nicht geantwortet.

In diesem Jahr gab es auf Hamburgs Straßen bereits 113 Unfälle von unter 14-Jährigen auf E-Scootern. Die Polizei warnt und gibt Tipps.

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Wird das Fahrzeug verbotenerweise direkt vor Zugangstreppen von U-, S- und Bushaltestellen abgestellt, läuft die Bezahluhr weiter.