Gemeinsam einen Ort erkunden, zu schauen, zuzuhören, zu staunen, sich etwas vorzustellen, was nicht existiert – das kann sehr interessant sein. Davon ist der japanische Theatermacher Akira Takayama überzeugt. Und am Ende der S-Bahn-Tour sind es auch alle Teilnehmenden. Mit »What if Berlin« stellt Takayama ein Gedankenexperiment vor. Die Frage lautet: Was zeigt man, wenn die einstigen Visionen nicht umgesetzt wurden? Dazu zählen ein nie realisiertes Mahnmal für die ermordeten Juden und das Lili-Elbe-Archiv, das es nicht mehr gibt. Elbe war eine Malerin und Transgender-Pionierin, die sich im Ins­titut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld beraten ließ.

Pünktlich zum 75. Jubiläum der Berliner Festspiele geht man mit einer Reihe besonderer Stadtführungen der hypothetischen Frage nach, wie anders Berlin an einigen Orten heute aussehen könnte, wenn einige der kühnen Projektideen umgesetzt worden wären, die sich Visionäre einst für die Stadt ausgedacht haben. Anhand von sechs unterschiedlichen Touren entlang der insgesamt 27 Stationen, die von der Berliner Ringbahn angefahren werden, können Teilnehmer und Teilnehmerinnen nicht realisierte Projekte und Bauvorhaben kennenlernen, die in Vergessenheit geraten sind.

Jeweils zweistündige Performance-Touren

In jeweils zweistündigen Performance-Touren – von A wie »Dürfen Kommunisten träumen?« bis F wie »Zur Ringstadt – Die Entwürfe des Zentrums dekonstruieren und reenacten« – werden Aspekte der Berliner Stadt- und Architekturgeschichte thematisiert, die zum Teil kurz vor ihrer Realisierung standen oder die für eine Umsetzung nie infrage kamen. Im Mittelpunkt stehen fünf nicht verwirklichte Projektideen, die nun durch eine thematische Klammer in die Zukunft überführt werden.

Den Auftakt des ambitionierten Theaterprojekts bildet Tour E unter dem Titel »Peripherie als Zentrum – Auf der Ringbahn, über der Autobahn«. Pünktlich um 18 Uhr findet sich die 15-köpfige Besuchergruppe an einer der sogenannten Travel Agencies ein. Der lilafarbene Projektcontainer leuchtet schon von Weitem vor der Sandstein-Fassade des historischen S-Bahnhofs Halensee. Freundlich begrüßt die Kulturführerin »Zero P« die Eingetroffenen. Alle schauen neugierig in die Runde angesichts dessen, was sie an einem Freitagabend in den kommenden zwei Stunden wohl erwarten möge. Neben 14 Wahlberlinern befindet sich nur eine Touristin unter den Interessierten. Zunächst bekommen alle ein Audiogerät mit Kopfhörern ausgehändigt. »Falls wir uns gleich im Getümmel an den S-Bahn-Stationen aus den Augen verlieren, könnt ihr mich noch weiter hören«, erklärt Zero P.

»Wenn wir uns unterwegs verlieren, einfach auf die nächste S-Bahn warten, dann treffen wir uns an der kommenden Station, die auf eurem Plan steht«, sagt die aus São Paulo stammende Kulturschaffende, die sich für das rund zweiwöchige Projekt als Kulturführerin qualifiziert hat. »Als ich von dem Open Call gehört habe, Führungen für das Projekt anzubieten, war ich sofort von der Idee gepackt«, sagt die ausgebildete Schauspielerin.

Geschlossen bewegt sich die Gruppe nun in Richtung S-Bahn-Station Hohenzollerndamm. Kaum an den Gleisen angekommen, werden Verspätungen angekündigt, Ansagen über den Schienenersatzverkehr schallen aus den Lautsprechern. »Auch das ist Berlin«, sagt ein Teilnehmer. Zum Glück betreffen die Ansagen nicht den Abschnitt E der Tour. Los geht es.

Aussicht aus dem Fenster der S-Bahn

Von der S-Bahn-Station Halensee führt die Fahrt zum Westkreuz, dann zur Messe Nord/ICC, in den Wedding und schließlich zum Abschluss nach Gesundbrunnen. Unterwegs hat jeder die Möglichkeit, den grün-lila Flyer mit den einzelnen Stationen genauer zu studieren. Es ist überraschend, was man darin so alles über nicht realisierte Projekte der Stadt erfahren kann. Noch überraschender aber ist, was man im Vorbeifahren wahrnehmen kann, wenn man sich einmal bewusst der Aussicht aus dem Fenster der S-Bahn widmet.

David Lynch wollte eine Friedens-Universität auf den Ruinen des Teufelsbergs bauen.

Die Zwischenstopps, an denen die Gruppe geschlossen aussteigt, werden mit Informationen und Geschichten unterlegt: Historische, architektonische, kulturelle und gesellschaftspolitische Entwicklungen der Stadt werden mit jenen nicht realisierten Vorhaben und deren Schöpfern zu einem gedanklichen Experiment verwoben. Dabei handelt es sich um Orte, die sich allesamt entlang der Ringbahn erstrecken. Für einen kurzen Augenblick werden die Stationen der Ringbahn zur Bühne, durch die Fensterfronten der Bahnhöfe fällt der Blick auf Panoramen, die man im Alltag allzu häufig übersieht. »Ich habe noch nie wahrgenommen, wie gigantisch das Messezentrum, das ICC in seinen Ausmaßen von der Seite aus gesehen ist«, wundert sich jemand.

Projekte, die nie verwirklicht wurden

Zero P, die 2018 nach Berlin gezogen ist, erläutert anhand von Beispielen Projekte, die nie verwirklicht wurden und zum Teil recht kühn, zum Teil utopisch oder grotesk wirken. So sollte eine Friedens-Universität auf den Ruinen des Teufelsbergs entstehen, die sich der berühmte Regisseur und Universalkünstler David Lynch gemeinsam mit der Maharishi Weltfriedens-Stiftung ausgedacht hatte. »Herr Lynch kann gern in Berlin bauen, aber nicht auf dem Teufelsberg«, lautete die Schlagzeile einer Boulevardzeitung aus dem Jahr 2007, die sich nun als Folie über das Bahnhofsfenster erstreckt und an die gewagte Idee erinnert.

Nahe des ICC wird den Teilnehmenden vorgestellt, wie eine Stadt innerhalb der Stadt womöglich hätte aussehen können, die sich über zehn Kilometer entlang der Avus erstrecken sollte. Aus modularen Plastiksteinen sollte sie konstruiert werden. Ein Schelm, wer da an Legosteine denkt. Angesichts der drückenden Sommerhitze klingt es nicht nach einer guten Idee, in einer Behausung aus Kunststoff zu leben.

Dem Thema Judentum widmet sich Station 22 Messe Nord/ICC. Die Textzeile »Mahnmal für die ermordeten Juden Europas« steht auf einem Plakat, das sich über einen Teil der Brücke über die Avus erstreckt. Im Rahmen einer zweiten Runde des Berliner Wettbewerbs zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas hatten Rudolf Herz und Reinhard Matz 1997 einen Entwurf eingereicht, der sich in seiner Schlichtheit von den anderen Projektentwürfen deutlich unterscheidet.

Anstelle eines repräsentativen und kostspieligen Denkmals in der Hauptstadt sah ihr Entwurf lediglich vor, den Autobahnkilometer 334 der A7 südlich von Kassel auf einer Länge von insgesamt einem Kilometer mit Kopfsteinpflaster und einer Geschwindigkeitsbegrenzung von maximal 30 km/h zu versehen. Damit wäre gewährleistet gewesen, so die Argumentation, dass rund 40 Millionen Menschen jährlich auf diese Weise das Mahnmal nicht nur wahrgenommen, sondern es notgedrungen auch genutzt hätten, was einer bewussten Intervention des gesellschaftlichen Funktionsablaufs im Zeichen einer lebendigen Erinnerung gleichgekommen wäre.

Die Autobahn, stolzes Symbol des deutschen Wirtschaftswunders

Die Autobahn, stolzes Symbol des deutschen Wirtschaftswunders, Inbegriff nationaler Identität und bis heute unweigerlich auch mit dem Erbe des Dritten Reichs verknüpft, sollte auf diese Weise – auf begrenzter Strecke – zu einem Ort des Innehaltens und Gedenkens werden. So weit der Plan, der vermutlich auch aufgrund von Protesten nie realisiert wurde.

»Es gab eine größere Diskussion über ein angemessenes Mahnmal«, sagt Zero P. »Wie findet ihr denn die Idee?«, will die Kulturführerin wissen. »Ich mag sie«, antwortet Anja. »Wir haben so viele Autobahnkilometer, und so wären die Menschen einmal gezwungen, daran zu denken, dass es die Schoa gab.« Gegenstimmen habe es auch gegeben, berichtet die Reiseführerin. Manche befürchteten, dass das Vorhaben zu einer Verärgerung der Autofahrer führen könnte und bewirke, dass sich der Ärger gegen Jüdinnen und Juden richten könnte. »Später hat jeder von euch die Möglichkeit, ein Projekt zum Favoriten zu küren«, sagt Zero P. Und wer weiß, vielleicht wird es doch noch eines Tages realisiert.