Es kommt immer wieder vor, dass hochrangige Vertreter des russischen Staats unangenehme Wahrheiten unverblümt äußern. Und solange sie nur die Wirtschaft betreffen, geht das im Land auch meist durch. So geschehen dieser Tage auf dem East Economic Forum in der Pazifikstadt Wladiwostok, wo auch Wladimir Putin selbst zugegen war.

Ebendort wurde zum Thema, dass kaum noch jemand in Russland investiert. „Wie denn auch, wenn das Kapital buchstäblich stimuliert wird, aus der Wirtschaft abzufließen?“, fragte einer von Putins Beratern, Anton Kobjakov. Und machte die Sanktionen und den hohen Leitzins dafür verantwortlich.

Dass nicht investiert wird, ist das eine. Dass Geld zudem außer Landes geschafft wird, ist nochmal etwas anderes. Nun zeigen Zahlen der Zentralbank, dass das Ausmaß der Kapitalflucht drastisch angewachsen ist – und zwar die sogenannten „grauen“ Exportaktivitäten. Wie die „Moscow Times“ unter Verweis auf die Daten der Zentralbank schreibt, betrug diese Kapitalflucht im zweiten Quartal 12,2 Milliarden Dollar. Das ist nicht nur ein Sprung um 770 Prozent gegenüber dem ersten Quartal und der höchste Quartalswert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1994 überhaupt. Es bedeutet, dass jeder zehnte Dollar der Exporteinnahmen (125,7 Mrd. Dollar im zweiten Quartal) bzw. ein Drittel des Handelsbilanzüberschusses (38,3 Mrd. Dollar) abgeflossen ist.

Die Zentralbank führt diesen Betrag als „statistische Abweichung“ und weist ihn als „reine Fehler und Lücken“ aus. Wie der Moskauer Ökonom Dmitrij Polevoj gegenüber „Moscow Times“ erklärt, werden unter diesem Posten auch nicht erfasste Operationen und ein verdeckter Kapitalabfluss subsumiert. Dazu gehören laut Experten Abflüsse, die keine geschäftliche Funktion wie Investitionen im Ausland oder Zahlungen für den Import darstellen. Und Exporteinnahmen, die erst gar nicht nach Russland fließen und im Ausland versickern.

Vasily Astrov, Russland-Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) sieht die Kapitalflucht auch durch den jüngsten Ausverkauf bei russischen Aktien und Anleihen bestätigt, wie er zur „Presse“ sagt. Die Kapitalflucht ist eine „Folge der allgemeinen Nervosität und Sorge, was die nähere Zukunft betrifft“, erklärte Oleg Vjugin, Ex-Zentralbankvize, in einem Gespräch für ein russisches Radio: So seien etwa die kursierenden Gerüchte, dass Bankeinlagen eingefroren und eine neue Mobilmachung verordnet werden könnten, Teil dieser Nervosität. „Die Menschen wollen eine bestimmte Geldmenge irgendwie in Sicherheit bringen“, so Vjugin.

Auch reiche und Putin-nahe Russen. Dass sie neulich wieder vermehrt Geld ins Ausland schaffen, und zwar auf die arabische Halbinsel, nach Zypern und sogar nach Afrika, hat die Agentur Bloomberg im Juli berichtet. Statistiken zeigen, dass sie auch wieder zunehmend Immobilien etwa in Dubai kaufen.

Die Unsicherheit in Russland hat unter anderem mit dem Umstand zu tun, dass das vom Ukraine-Krieg verursachte Budgetdefizit trotz guter Augustzahlen nach neuen Schätzungen des Finanzministeriums 5,8 Billionen Rubel bzw. 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt. Auch wenn das im internationalen Vergleich nicht dramatisch ist, der Jahresplan war 1,6 Prozent des BIP.

Um das Loch zu stopfen, scheint freilich die Zentralbank mehr auf die Reserven zurückzugreifen. Jedenfalls wurde sie zuletzt zur größten Goldverkäuferin unter allen Zentralbanken. Während viele Zentralbanken auch im zweiten Quartal massiv zukauften, stießen die russischen Währungshüter laut World Gold Council 21,77 Tonnen ab. Platz zwei geht an die Türkei mit gerade einmal 4,23 Tonnen. In den ersten sieben Monaten warf Russland 49,7 Tonnen auf den Markt – so viel wie noch nie seit dem Rubelcrash 1998. Damit gingen die Vorräte auf den niedrigsten Stand seit 2020 zurück. Gewiss, auch jetzt noch macht Gold 41,5 Prozent der russischen Gold- und Währungsreserven aus.

Dass Russland aus Mangel an anderen liquiden Vermögenswerten das Budgetloch tatsächlich bereits mit Gold aus der Zentralbank stopft, wie Beobachter meinen, zweifelt Ökonom Astrov jedoch an. Die Ukraine habe zu Kriegsbeginn aufgrund ihres abgrundtief klaffenden Budgetdefizits zu dieser Maßnahme greifen müssen zurückgreifen müssen. „Von einer solchen Notwendigkeit ist Russland weit entfernt“.

Faktum ist indes, dass Russland, drittgrößter Goldproduzent der Welt, wieder Rekordmengen exportiert, und zwar über China. Wie die „Financial Times“ auf Basis von Zolldaten berichtet, hat Russland in den ersten sieben Monaten 2026 ganze 100 Tonnen an Goldbarren nach Hongkong exportiert – eine Verdreifachung gegenüber dem Vergleichszeitraum 2025. China wurde seit dem Ukraine-Krieg zum wichtigsten Umschlagplatz für russisches Gold, nachdem der größte Handelsplatz London Russland sanktionsbedingt ausgeschlossen hatte. Vor dem Krieg hatte Russland jährlich 300 Tonnen Gold, respektive gut 80 Prozent seiner Förderung, exportiert.