400 Mio. Euro darf Deutschland an den Pharmakonzern Sanofi zahlen, damit die Produktion von Humaninsulin und Insulinanaloga langfristig in Deutschland gesichert bleibt. Das ist zwar industriepolitisch ein starkes Signal und in und um Frankfurt am Main findet man niemanden, der diese Entscheidung nicht begrüßt. Sie wirft aber auch die Frage auf, wie zukunftsfest eine solche Milliardeninvestition in einer Diabeteswelt ist, die sich gerade durch GLP-1-Präparate massiv verändert.
Insulin als strategische Grundarznei
Der Standort Frankfurt bekommt damit Planungssicherheit für viele Jahre. Sanofi will dort rund 2 Mrd. Euro in eine neue Produktionsanlage investieren, die das bestehende Werk im Industriepark Höchst ersetzen soll. Nach Angaben der Stadt soll die Anlage auf 36.000 Quadratmetern entstehen und die Versorgung von rund einem Drittel der Diabetespatienten in Deutschland absichern. Die EU-Kommission hat die dafür vorgesehene deutsche Beihilfe von 400 Mio. Euro nun nach den EU-Beihilfevorschriften genehmigt.
Deutschland kauft sich ein Stück Versorgungssicherheit ein. Die EU-Kommission begründet die Genehmigung ausdrücklich mit Produktions- und Lieferengpässen bei Insulin und ordnet die Maßnahme in die europäische Strategie für kritische Arzneimittel ein.
Das Argument ist schwer zu entkräften. Insulin gehört zu den Arzneimitteln, bei denen Versorgungsausfälle unmittelbare Konsequenzen haben können. Für Menschen mit Typ-1-Diabetes ist Insulin lebensnotwendig; weltweit benötigen zudem Millionen Menschen mit Typ 2 im Verlauf ihrer Erkrankung Insulin. Die WHO zählt den Zugang zu Insulin deshalb zu den zentralen Voraussetzungen einer funktionierenden Diabetesversorgung.
Konzentration bei Insulin, große Vielfalt bei GLP-1
Hinzu kommt ein industriepolitisches Problem: Der globale Insulinmarkt ist ohnehin stark konzentriert. Den Großteil des weltweiten Insulinvolumens produzieren Novo Nordisk, Eli Lilly und Sanofi. Eine Abhängigkeit von wenigen Herstellern kann dadurch zwar effizient sein, macht die Lieferkette im Krisenfall aber auch verwundbar.
Der Markt bewegt sich weiter
Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, die Frankfurter Investition einfach als Zukunftsprojekt für die Diabetesmedizin zu feiern. Denn der Markt, in dem die neue Fabrik über Jahrzehnte laufen soll, verändert sich gerade deutlich.
GLP-1-basierte Medikamente haben die Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas in wenigen Jahren neu sortiert. Bei Novo Nordisk etwa stiegen 2025 die Umsätze mit GLP-1-basierten Diabetesmedikamenten um 6% auf 152 Mrd. DKK; der geschätzte weltweite Anteil von GLP-1 an allen Diabetesverordnungen erhöhte sich innerhalb eines Jahres von 6,7% auf 8,1%. Gleichzeitig sanken die Insulinumsätze des Konzerns um 1% auf vergleichbarer Basis.
Noch deutlicher ist die Dynamik bei Adipositas: Das weltweite Volumen des Marken-GLP-1-Marktes für Adipositas wuchs 2025 laut Novo Nordisk um 104%.
Das bedeutet allerdings nicht, dass GLP-1 Insulin ersetzt. Schon medizinisch liegen die Dinge anders. Patienten mit Typ-1-Diabetes bleiben auf Insulin angewiesen. Und auch bei Typ 2 verschwinden Insuline nicht aus der Therapie. Die WHO empfiehlt GLP-1-Rezeptoragonisten als zusätzliche blutzuckersenkende Therapie für bestimmte Hochrisikopatienten mit Typ 2, nicht als universellen Ersatz für Insulin.
Das Bild ist deshalb eher das einer Verschiebung innerhalb des Diabetesmarktes: Ein Teil der Typ-2-Therapie wandert in Richtung GLP-1 und verwandter Wirkprinzipien, während Insulin für andere Patientengruppen unverzichtbar bleibt. Gleichzeitig entstehen neue Kombinationen. Novo Nordisk etwa entwickelt bereits einmal wöchentlich zu verabreichende Insuline und Kombinationen aus Insulin und GLP-1.
Teil einer globalen Produktionsarchitektur
Die neue Fabrik ist damit kein Investment in eine Therapieklasse, die morgen verschwindet. Dafür ist Insulin zu elementar. Sanofi selbst erwirtschaftet weiterhin erhebliche Umsätze mit Lantus und Toujeo; im ersten Halbjahr 2025 kamen beide zusammen auf knapp 1,6 Mrd. Euro Umsatz.
Aber die Frage nach der Zukunft bleibt berechtigt: Wie viel Produktionskapazität für die heutige Versorgung braucht Europa – und wie viel industrielle Flexibilität für die Therapien von morgen?
Sanofi hat immerhin nicht nur einen Ersatz des alten Frankfurter Werks angekündigt. Der Konzern bezeichnet Frankfurt als seinen wichtigsten Standort für die Herstellung von Diabetesmedikamenten und investiert auch in neue Kapazitäten für die Produktion von Insulinwirkstoffen. Parallel wurde eine weitere Insulin-API-Anlage in Peking angekündigt.
Damit wird aus dem Projekt mehr als die bloße Verlängerung einer historischen Produktionslinie, die – Ältere werden sich erinnern – unter der Vorgängerfirma Hoechst und dem massiven Widerstand der Partei Die Grünen mit Joschka Fischer den Schwenk auf die biotechnologische Produktion von Insulin vor vielen Jahrzehnten blockiert sah. Das ist lange her und romantische Wiedergutmachungsgesichtspunkte dürften weder bei Sanofi noch bei der EU-Kommission für die aktuelle Entscheidung eine größere Rolle gespielt haben.
Frankfurt am Main soll nach Aussage aller Beteiligten Teil einer globalen Produktionsarchitektur bleiben. Die strategische Frage für Europa lautet nun zumindest, ob staatliche Förderung künftig stärker an technologische Anpassungsfähigkeit geknüpft werden muss: an Plattformen, die unterschiedliche Wirkstoffe, Formulierungen oder Kombinationen produzieren können, statt an eine einzelne Produktgeneration.
Eli Lilly in Alzey mit Großwerk für GLP-1
Adipositas und Diabetes finden mit der noch im Bau befindlichen Produktionsgroßanlage von Eli Lilly in Alzey in der Region Rhein-Main ein Produktionszentrum auf zwei Säulen: Insulin und GLP-1. Beides sind im Augenblick Massenprodukte und werden es wohl noch eine Weile bleiben. In Deutschland sind etwa 25% der Bevölkerung übergewichtig. In den USA nimmt bereits jeder 8. die Diätspritze.
Doch nun kommt die „Abnehmpille“ nach Deutschland. Bisher ist in der Adipositasbehandlung vor allem die wöchentliche Spritze bekannt, künftig steht der Wirkstoff Semaglutid auch als tägliche Tablette zur Verfügung. „Ob Spritze oder Tablette: Medikamente gegen Adipositas sind keine Wundermittel zur Gewichtsoptimierung, sondern Therapiebausteine für eine chronische Erkrankung. Sie sind bei geeigneter Indikation in ein Gesamtkonzept aus Ernährungsberatung, Bewegung und Verhaltenstherapie eingebettet und brauchen eine kontinuierliche ärztliche Begleitung“, sagte Professorin Dr. Julia Szendrödi, Präsidentin der DDG und Ärztliche Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg anlässlich der massiven Werbekampagnen zur Einführung der Diätpille. Viel wichtiger wäre jedoch eine staatliche Präventionsstrategie Diabetes, die Übergewicht und Typ-2 gezielter in den Blick nimmt und ganzheitlicher auf Ernährung und Bewegung schaut, statt mit einer Therapie ein anstrengungsloses Heilversprechen zu vermitteln, so die Medizinerin weiter.
Dynamiken im Blick behalten
Frankfurt kann deshalb durchaus ein Zukunftsprojekt sein. Aber nicht allein deshalb, weil dort weiterhin Insulin hergestellt wird. Zukunftsfest wird die Investition erst dann, wenn der Standort die Fähigkeit behält, sich mit dem Diabetesmarkt weiterzuentwickeln.
Für die europäische Strategie der Resilienz im Arzneimittelbereich sollte man im Krisenfall nicht nur irgendwo eine Fabrik stehen haben. Strategisch bedeutet dies auch, weiterzudenken und das Produktionswissen, qualifizierte Arbeitsplätze, Lieferketten und technologische Optionen aktiv zu erhalten, in dem man die Anpassungsfähigkeit an veränderte Rahmenbedingungen ebenso gezielt untersützt. Millionen für Beton, Glas und Edelstahl alleine reichen nicht.