Es gibt Momente, in denen erscheint Altbekanntes plötzlich in einem neuen Licht. Eigentlich war man gekommen, um etwas Liebgewonnenes wiederzusehen, aber dann sieht man es neu. Man wollte ihm bloß noch einmal begegnen, „Hallo“ sagen, und dann trifft es einen unvermittelt auf neue Weise. Im besten Fall geht man danach anders weiter, lebt man anders weiter: bisschen klarer im Kopf und mit angenehm erhöhter Daseinstemperatur.

Die aktuelle Ausstellung in der Kunstsammlung NRW ermöglicht ein solches Erlebnis. Sie präsentiert die erste umfassende Schau mit Werken von Franz Marc in Deutschland seit 20 Jahren. 120 Arbeiten hat Kuratorin Susanne Meyer-Büser zusammengetragen und unter ein Motto gestellt, das hellhörig werden lässt: „Die Suche nach einer besseren Welt“.

Frühwerk in dunklen Farben

Zu erleben ist eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Bildungsroman, im Grunde eine Graphic Novel mit tragischem Finale. Die Bilder erzählen in chronologischer Hängung Leben und Werden einer Künstlerpersönlichkeit und geben Einblick in die Voraussetzungen und Bedingungen von Kunst an sich. Das früheste Stück ist das 1904 entstandene und in dunklen Tönen gehaltene Selbstbildnis in bretonischer Tracht. Franz Marc inszeniert sich darin als internationale Persönlichkeit, als Europäer. Man kennt ihn ja vor allem als Schöpfer von wunderbaren Tierbildern in leuchtenden Farben wie „Die gelbe Kuh“ von 1911, deshalb würde man ihm diese verblüffende Arbeit zunächst gar nicht zuordnen.

Was ist in den sieben Jahren zwischen 1904 und 1911 passiert, in denen er seinen Stil zur Perfektion brachte und Werke schuf, die Menschen bis heute berühren? Er begegnete dem Schweizer Tiermaler Jean-Bloé Niestlé, der ihm nahebrachte, dass man Tiere nicht als Objekte malen solle, sondern so, dass sich ihre Seele und ihr Blick auf die Welt dem Menschen vermitteln. Marc reiste nach Paris und studierte im Louvre die Bilder von van Gogh und Gauguin. Er las Goethes „Farbenlehre“ und entwickelte davon ausgehend eigene Prinzipien: Blau = das Männliche, Gelb = das Weibliche. Er setzte sich mit Braque und Picasso auseinander und ließ sich wegpusten von den Arbeiten Robert Delaunays. Er weitete seinen Horizont.

Suche nach dem irdischen Paradies

Franz Marc wird in dieser Ausstellung mit all seinen Zweifeln präsentiert, die Schau spiegelt seinen inneren Aufruhr, seine Suche und sein Irren auf dem Weg in die Moderne. Und irgendwann ersteht vor den Augen des schwelgenden und empathischen Betrachters ein Zeitgenosse über die Jahre hinweg. Er war ähnlichen Verheerungen ausgesetzt: Rationalisierung, Technisierung, Patriotismus, Krise. Und er reagierte darauf, indem er nach einer Art irdischem Paradies suchte. Seine von den Nazis als „entartet“ diffamierten Bilder muten also wie Korrespondentenberichte an: Das „Blaue Pferd III“ etwa steht wie Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ in einem Ozean aus Atmosphären und Farben, man schaut mit dem Tier hinein, tritt gleichsam aus Zeit und Raum und aus sich heraus.

Die Leihgaben für diese Schau stammen aus aller Welt. Vor allem Häusern, die Papierarbeiten weiterreichen, darf man ein gewisses Maß an Altruismus bescheinigen, denn die Stücke wandern nach ihrer Rückkehr erstmal für drei Jahre in die Schublade, um sich sozusagen vom Licht auszuruhen und brachzuliegen. Die Ausstellung dokumentiert, dass Franz Marc ohne sein internationales Netzwerk nie der geworden wäre, als der er uns lieb ist. Auch nicht ohne seine Frau und intellektuelle Partnerin, die Künstlerin Maria Franck. Er wollte kein deutscher Künstler sein, sondern einer, der zum Neuen durchbricht. Und spätestens seine Verbindung zum „Blauer Reiter“-Kompagnon und Bauhaus-Künstler Wassily Kandinsky lässt den Gedanken aufkommen: Der AfD wird diese Ausstellung nicht gefallen.

Hund Russi als heimlicher Star

Man sollte Marcs Arbeiten auf Papier betrachten. Sie waren so etwas wie seine Spielwiese. Auf Papier probierte er aus, experimentierte er. Manchmal erkennt man in den Zeichnungen Vorlagen zu großen Arbeiten. Man sollte sich den Spaß erlauben und seinen Hund Russi, der im K20 auf einer Fotografie mit ihm zu sehen ist, in den Gemälden zu suchen, darin ist er nämlich mehrfach verewigt worden. Und man sollte auf die Veränderungen in Marcs Malerei achten.

Mitte des Jahres 1912 werden sie am augenfälligsten. Die Körperformen der Tiere werden eckiger, geometrischer. Unter dem Einfluss des Kubismus organisiert Marc seine Bilder anders. Die Tiere treten nicht mehr hervor, sondern werden Teil der Komposition. Das Gemälde „Im Regen“ wirkt, als gebe es dem Regen einen Sound, als finde es mit seiner Streifenkomposition ein optisches Synonym für das Prasseln. Zwei Jahre später stößt Franz Marc schließlich die Hintertür seines selbst geschaffenen Paradieses auf. Der Erste Weltkrieg hat begonnen, die Farben werden wieder dunkler, und seine letzten Gemälde sind Abstraktionen wie die „Zerbrochenen Formen“.

Diese die Schönheit feiernde Ausstellung zeigt nicht nur, was verloren geht, wenn man nationalistisch denkt. Sondern auch, welche Verheerungen Kriege anrichten. Und was für ein Verlust ein Menschenleben ist.

1916 fiel der 36 Jahre alte Franz Marc vor Verdun. Man wäre ihm gerne weiter gefolgt.