Am 9. Mai 1998 endete eine Ära. Nach 35 Jahren ohne Abstieg musste der 1. FC Köln zum ersten Mal in seiner Geschichte die Bundesliga verlassen. Was folgte, war ein Abstieg mit Ansage – geprägt von sportlichem Verfall, einem Trainer-Chaos und einem Skandal, der bis heute für Diskussionen sorgt.
📌 Fakten zum 1. FC Köln
- 1. Der 1. FC Köln war 1963/64 der erste Deutsche Meister der Bundesliga überhaupt – ausgerechnet in der Premierensaison der neu gegründeten Liga.
- 2. Oliver Held wurde als erster Profi in der Bundesliga-Geschichte im Nachhinein für ein betrügerisches Handspiel plus nachfolgender Falschaussage gesperrt – für zwei Spiele.
- 3. Nach dem Kölner Abstieg war der Hamburger SV der einzige verbliebene Gründungsclub der Bundesliga, der noch nie abgestiegen war. Der HSV verlor diesen Status erst 2018.
- 4. Köln kehrte nach zwei Jahren in der 2. Bundesliga zur Saison 2000/01 in die Bundesliga zurück – um dann 2002 erneut abzusteigen.
- 5. Maurice Banach, der 1991 bei einem Autounfall ums Leben kam, hatte in 49 Bundesligaspielen für den FC 24 Tore erzielt. Sein Tod gilt für viele als symbolischer Anfang vom Ende des FC als Spitzenklub.
Wie wurde der FC zum Abstiegskandidaten?
Der Niedergang des 1. FC Köln vollzog sich nicht über Nacht. Schon in der ersten Hälfte der 1990er Jahre verlor der Verein systematisch an Substanz. Weltmeister Pierre Littbarski verließ den Club 1993, Torhüter Bodo Illgner folgte 1996. Mit jedem Abgang schrumpfte die Qualität im Kader.
Viele Kölner Fans verbinden den Beginn des Verfalls mit dem Tod von Stürmer Maurice Banach. Er kam am 17. November 1991 bei einem Autounfall ums Leben. Banach hatte in 49 Bundesligaspielen für den FC 24 Tore erzielt und war eine wichtige Figur im Team. Ob sein Tod tatsächlich den Knick auslöste, lässt sich schwer belegen – doch er steht symbolisch für das Ende einer Ära.
Schwacher Saisonstart
In die Saison 1997/98 startete der FC mit gemischten Gefühlen. Zwar gewann die Mannschaft ihr Auftaktspiel zu Hause gegen den MSV Duisburg mit 3:2. Doch danach folgten klare Niederlagen in Dortmund (0:3) und im Derby in Mönchengladbach (1:4). Der Kader wirkte nicht bundesligatauglich.
Im DFB-Pokal blamierte sich der FC noch vor der Saison: Beim SSV Ulm schied man in der ersten Runde nach Verlängerung aus (1:3). Das war ein schlechtes Omen. Im September 1997 verlor Trainer Peter Neururer seinen Job, nachdem der FC bei Schlusslicht Hertha BSC mit 0:1 verloren hatte.
Frühe Trennung von Trainer Neururer
Neururer war kein Unbekannter. Im Saisonfinale 1996 hatte ihn der Verein noch als Retter gefeiert. Doch die Erwartungen, er könne das Team stabilisieren, erfüllten sich nicht. Nach neun Spieltagen und einem enttäuschenden neunten Tabellenplatz war seine Zeit in Köln vorbei.
Sein Nachfolger wurde Lorenz-Günther Köstner. Der neue Trainer konnte zunächst für etwas Aufbruchstimmung sorgen: Das erste Spiel unter seiner Leitung gewann der FC in Rostock mit 2:1. Doch die Ergebnisse blieben inkonsistent, und zu Weihnachten überwinterten die Geißböcke auf dem letzten Tabellenplatz.
Neuer Mut im Winter
Mit dem neuen Jahr kam neue Hoffnung. Den Auftakt ins Jahr 1998 gestaltete der FC erfolgreich. Im rheinischen Derby gegen Borussia Mönchengladbach gewann die Mannschaft mit 3:2 und kletterte damit auf einen Nichtabstiegsplatz. Die Stimmung in der Stadt drehte sich.
Den Höhepunkt des Jahresbeginns lieferte der FC am 24. Spieltag: Im Münchener Olympiastadion gewann er überraschend mit 2:0 gegen den FC Bayern. Khodadad Azizi und Markus Münch trafen beim Coup gegen den Titelverteidiger. Ganz Köln glaubte wieder an den Klassenerhalt.
Welche Fehlentscheidungen kosteten den FC Punkte?
Doch auch in dieser Phase lief nicht alles glatt. Im Heimspiel gegen Hansa Rostock endete die Partie torlos – dabei erkannte der Schiedsrichter ein reguläres Tor von Toni Polster wegen einer angeblichen Abseitsstellung nicht an. Drei Punkte, die am Saisonende fehlten.
Im weiteren Verlauf des Aprils verlor der FC dann Heimspiele gegen Karlsruhe (0:1) und 1860 München (2:3) sowie eine Auswärtspartie in Bremen (0:3). Aus vier Spielen holte die Mannschaft keinen einzigen Punkt. Plötzlich war der Abstieg wieder zum Greifen nah.
Skandalspiel auf Schalke
Am 29. April 1998 kam es zur wohl entscheidenden Partie der Saison. Im Nachholspiel beim FC Schalke 04 im Gelsenkirchener Parkstadion – vor über 55.000 Zuschauern – kämpfte der FC um wichtige Punkte im Abstiegskampf. Das Spiel entwickelte sich zum Thriller.
In der 80. Minute schoss René Tretschok aus rund 14 Metern aufs Schalker Tor. Keeper Jens Lehmann schaute dem Ball machtlos hinterher. Doch Oliver Held lenkte das Leder auf der Torlinie weg – mit der Hand. Schiedsrichter Uwe Kemmling sah es nicht. Er fragte Held, ob er die Hand gespielt habe. Held log und behauptete, den Ball mit dem Kopf ins Aus befördert zu haben.
Oliver Helds spätes Geständnis
Statt Elfmeter und roter Karte für Held gab es nur Ecke für den FC. In der 90. Minute traf Schalkes Radoslav Latal zum 1:0-Endstand. Köln verlor ein Spiel, das ohne die Fehlentscheidung möglicherweise anders ausgegangen wäre.
Jahre später räumte Held gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger offen ein: „Ich habe mich erst mal für meine Mannschaft entschieden, und nicht dafür, was tatsächlich gewesen ist.“ Und weiter: „Wenn ich damals die Wahrheit gesagt hätte, hätte der Abstiegskampf auch ganz anders ausgehen können.“ Der DFB sperrte Held im Nachgang für zwei Spiele – zum damaligen Zeitpunkt ein einmaliger Vorgang in der Bundesliga-Geschichte.
Wie reagierte Toni Polster auf das Handspiel?
FC-Stürmer Toni Polster war nach dem Abpfiff außer sich. Gegenüber Reportern sagte er über Held: „Der Schiedsrichter hat den Oliver Held gefragt, ob es ein Handspiel war und der sagt: Nein. Und dafür soll er sein ganzes Leben kein Glück mehr haben.“ Härtere Worte findet man selten nach einem Fußballspiel.
Held selbst bezeichnete sein Verhalten später als „einen der größten Fehler meines Lebens“. Wie sport.de berichtet, erklärte er zudem: „Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es tun, aber das geht ja leider nicht.“ Den Kölnern half die Reue wenig.
Keine Rettung mehr möglich
Vom Schock in Gelsenkirchen erholte sich die Mannschaft nicht mehr. Am 33. Spieltag spielte der FC in Bielefeld. Ausgerechnet Uwe Fuchs, ehemaliger Kölner, traf doppelt und entschied die Partie mit 2:1 für den bereits abgestiegenen Gastgeber. Köln war damit praktisch in der Zweiten Liga.
Das Wissen um den drohenden Abstieg begleitete die Mannschaft ins letzte Heimspiel gegen Bayer Leverkusen. Der FC führte zwar 2:0, ehe Leverkusen noch zum 2:2 ausglich. Doch die anderen Ergebnisse passten nicht. Borussia Mönchengladbach gewann in Wolfsburg mit 2:0 und rettete sich. Dem 1. FC Köln fehlten am Ende genau drei Punkte zum Klassenerhalt.
„So viele heulende Kerle“
Als Schiedsrichter Hartmut Strampe das Spiel gegen Leverkusen abpfiff, wurde es still im Müngersdorfer Stadion. Aus den Lautsprechern erklang der Trude-Herr-Klassiker „Niemals geht man so ganz“. Auf den Tribünen weinten Menschen aller Altersgruppen.
„Ich habe noch nie so viele heulende Kerle gesehen“, berichtete Fan Silvia Krüger dem GEISSBLOG. „Mein Vater meinte, es war dann so, als wenn jemand aus der Familie gestorben wäre.“ Der 9. Mai 1998 steht bis heute für einen der dunkelsten Tage in der Geschichte des Vereins.
Was bedeutete der Abstieg für die Bundesliga?
Mit dem Kölner Abstieg verschwand das 15. Gründungsmitglied der Bundesliga aus der ersten Liga. Damit war der Hamburger SV der letzte verbliebene Club, der seit 1963 ununterbrochen in der Bundesliga gespielt hatte. Dieses Alleinstellungsmerkmal brachte dem HSV den Spitznamen „Bundesliga-Dino“ ein – den vorher beide Clubs geteilt hatten.
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Für den 1. FC Köln war der Abstieg 1998 der Beginn eines turbulenten Jahrzehnts. Nach zwei Jahren in der 2. Bundesliga kehrte der Club 2000 zurück. Doch es folgten weitere Abstiege, und aus dem einst unabsteigbaren Gründungsmitglied wurde ein echter Fahrstuhlklub. Was 1998 passierte, war weniger ein plötzlicher Zusammenbruch als das Ergebnis eines langen, schleichenden Verfalls – beschleunigt durch Misswirtschaft, Fehlentscheidungen und eine Portion Pech zur falschen Zeit.