
AUDIO: Umfrage zur Deutschen Einheit: Hamburger sehen Ost und West getrennt (1 Min)
Stand: 02.10.2026 06:00 Uhr
36 Jahre nach der Wiedervereinigung haben viele den Eindruck, dass Ost und West nicht weiter zusammenwachsen. Zugleich ist laut Umfragen von #NDRfragt und MDRfragt umstritten, wie sinnvoll weitere Ost-West-Debatten sind.
Als Kind einer ostdeutschen Mutter und eines westdeutschen Vaters finde ich es befremdlich, dass es immer noch solche Unterschiede gibt. Wir hätten das gesellschaftlich besser hinbekommen müssen.
Jonathan (34) aus Hamburg
Diese Einschätzung teilt eine Mehrheit der Befragten aus der #NDRfragt-Community: 60 Prozent sind der Meinung, dass Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung nicht zu einer Nation zusammengewachsen sind. Gleichzeitig ist es fast neun von zehn Teilnehmenden im Norden wichtig, dass Ost und West weiter zusammenwachsen. „Wir sind schließlich ein Land! Ein Land mit mehr Unterschieden und Vielfalt als auf den ersten Blick zu erkennen und diese Vielfalt bedeutet für mich Gemeinschaft“, sagt Norma (34) aus dem Kreis Göttingen.
Der Blick auf die Bundesländer zeigt: In den ostdeutschen Ländern sagen weniger Befragte, dass Ost und West zu einer Nation zusammengewachsen sind als in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Zum Tag der Deutschen Einheit haben #NDRfragt und MDRfragt gemeinsam ihre Communities befragt. MDRfragt ist das Meinungsbarometer des Mitteldeutschen Rundfunks. So lassen sich die Ergebnisse aus Norddeutschland mit Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vergleichen.
Mehr als 50.000 Menschen haben an den nicht repräsentativen, aber gewichteten Umfragen zum Tag der Deutschen Einheit teilgenommen. Eine Detailseite schlüsselt die Ergebnisse der NDR-Umfrage auf, ebenso gibt es eine Auswertung der Umfrage auf der Webseite des MDR.
Viele sehen beim Zusammenwachsen Rückschritte
„Ich habe das Gefühl, dass der Osten dem Westen nie ferner war“, sagt Maria (41) aus Rostock. Auch in der Befragung überwiegt der Eindruck, dass Ost und West derzeit nicht weiter zusammenfinden: 90 Prozent der Befragten im Norden sagen entweder, beide Teile Deutschlands entfernten sich voneinander oder das Zusammenwachsen sei zum Stillstand gekommen. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Eindruck, dass sich Ost und West voneinander entfernen, etwas schwächer ausgeprägt als in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Dafür wird dort häufiger ein Stillstand wahrgenommen.
Im Vergleich zur Befragung im Vorjahr wird die Distanz zwischen Ost und West stärker wahrgenommen. Besonders deutlich ist das in Hamburg: 2025 sagten noch 44 Prozent der Befragten, Ost und West entfernten sich voneinander. In diesem Jahr sind es 60 Prozent – ein Anstieg um 16 Prozentpunkte.
Was steht der Einheit im Weg?
Die Befragten nennen je nach Region unterschiedliche Hindernisse für die Einheit. In Mecklenburg-Vorpommern stehen vor allem wirtschaftliche Unterschiede im Vordergrund: 71 Prozent der Befragten nennen Unterschiede bei Löhnen und Arbeitsplätzen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen liegt der Anteil sogar bei rund 80 Prozent. In Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sehen dagegen nur rund vier von zehn Befragten wirtschaftliche Unterschiede als zentrales Problem.
Der berühmte Mittelstand ist auf dem ostdeutschen Land einfach nicht existent. Dieser fehlt weiterhin. Hier bräuchte es mehr Sozial- und Wirtschaftsförderung.
Stephan (43) von der Mecklenburgischen Seenplatte
Auch fehlende Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen wird regional sehr unterschiedlich bewertet. In Mecklenburg-Vorpommern sehen 64 Prozent der Befragten darin ein Problem. Das sieht auch Katja (49) aus Ludwigslust-Parchim so: „Von Ostdeutschland wird Dankbarkeit erwartet. Der Osten hat sich 1989 selbst von einem ungeliebten System befreit. Der Westen hat den Osten anschließend ausgeplündert, Arbeitsplätze und Infrastruktur vernichtet, weshalb viele junge Menschen abgewandert sind.“
In Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sehen jeweils nur rund ein Drittel in der fehlenden Anerkennung ein Problem. Rüdiger (59) aus Pinneberg gehört dazu: „Es müsste mehr Anerkennung dafür geben, was die Menschen in der DDR und unter den dortigen Repressalien geleistet haben. Wir müssen ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen und im Gespräch bleiben.“
In den westlichen Bundesländern stehen dagegen politische Unterschiede stärker im Vordergrund. Zwei Drittel der Befragten aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein nennen unterschiedliche politische Einstellungen und Erwartungen an den Staat als Hindernis für die Einheit. In Mecklenburg-Vorpommern (43 Prozent), Sachsen (51 Prozent), Sachsen-Anhalt (52 Prozent) und Thüringen (53 Prozent) sind es überall deutlich weniger. #NDRfragt-Mitglied Claudia (60) betont: „Die politischen Unterschiede zwischen Ost und West sollte man ernst nehmen, aber nicht pauschalisieren. Wir sollten genauer hinschauen, warum Menschen Vertrauen in Politik gewinnen oder verlieren, welche konkreten Probleme sie beschäftigen und ob sie sich gehört und vertreten fühlen. Politische Unterschiede gehören zu einer Demokratie.“
Lassen sich AfD-Erfolge mit Ost und West erklären?
61 Prozent der Befragten im Norden sagen, die AfD spreche Themen und Interessen vieler Menschen im Osten besser an als andere Parteien. Zwischen den norddeutschen Bundesländern gibt es dabei nur geringe Unterschiede. Gleichzeitig glaubt eine Mehrheit nicht, dass sich die Wahlerfolge der AfD allein mit Unterschieden zwischen Ost und West erklären lassen. In Mecklenburg-Vorpommern vertreten 72 Prozent diese Ansicht, in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind es jeweils knapp zwei Drittel der Befragten.
Mathias (48) aus Pinneberg sieht den Grund eher in der Enttäuschung über etablierte Parteien: „Ich denke, ein großes Problem ist, dass viele Menschen von den ‚Alt‘-Parteien enttäuscht sind. Dieser Faktor ist eventuell stärker im Osten als im Westen.“ Mark (55) aus Schwerin sieht hingegen eine andere Ursache: „Wie die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt hat, ist das Vertrauen in Politik und Demokratie kein Thema zwischen Ost und West, sondern zwischen Stadt und Land. Das ist im Westen des Landes genauso.“
Über die Ost-West-Debatte gehen die Meinungen auseinander
In den meisten betrachteten Bundesländern halten sich Zustimmung und Skepsis fast die Waage. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bewertet jeweils knapp die Hälfte der Befragten Ost-West-Debatten als notwendig, fast ebenso viele als kontraproduktiv. In Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein überwiegt die skeptische Sicht leicht. Einige #NDRfragt-Mitglieder stört dabei vor allem die Vorstellung, der Osten müsse sich an westdeutsche Maßstäbe angleichen.
Geht es denn darum? Braucht es gemeinsame Werte, um zusammenzugehören? Es gibt überall Freundschaften, Beziehungen und Ehen, in denen es unterschiedliche Werte gibt, und dennoch gehören sie zusammen.
Christin (44) aus Cloppenburg
In Mecklenburg-Vorpommern ist das Bild anders: Dort halten 59 Prozent der Befragten solche Debatten für notwendig, nur 37 Prozent für kontraproduktiv. Anna Maria (74) aus Vorpommern-Greifswald warnt davor, dass sich die Debatte vor allem auf Unterschiede zwischen Ost und West konzentriert: „Es braucht gegenseitige Gespräche, Besuche und gemeinsame Erfahrungen. Besser funktioniert Verständigung dort, wo Menschen gemeinsam arbeiten oder studieren.“
Über diese Befragung
Die Antworten stammen aus der Umfrage „Tag der Deutschen Einheit – vereint, aber nicht einig?“, an der sich 26.691 Menschen aus Norddeutschland beteiligt haben. An der Umfrage von MDRfragt haben sich zusätzlich 24.026 Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen beteiligt.
Für die Ergebnisse von #NDRfragt wurden Antworten ausgewertet, die vom 24. bis zum 28. September 2026 um 6 Uhr abgegeben wurden. Unsere Analyse konzentriert sich auf das norddeutsche Stimmungsbild und wertet gezielt die Antworten aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen aus. Die Umfragen werden online ausgefüllt.
Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings nach den statistischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bundesland, Schulabschluss und Familienstand gewichtet. Das heißt: Antworten von Bevölkerungsgruppen, die unter den Befragten seltener vertreten sind als in der norddeutschen Bevölkerung, fließen stärker gewichtet in die Umfrageergebnisse ein. Und die Antworten von in der Befragung überrepräsentierten Gruppen werden schwächer gewichtet. Insgesamt verteilen sich die Antworten dann am Ende eher so, wie es der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerungsgruppen in Norddeutschland entspricht.
Abweichungen von 100 Prozent in Grafiken sind rundungsbedingt oder ergeben sich aus der Antwortoption „keine Angabe“.
Mitarbeit
Umfrageerstellung: Pierre Gehmlich (MDRfragt), Hendrik Keul
Datenanalyse: Lisa Richter
Communitymanagement: Max Thovtrupp Nielsen
Was ist #NDRfragt?
#NDRfragt ist das Meinungsbarometer für den Norden. Über 69.000 Norddeutsche haben sich bereits für die Community angemeldet. Registrierte Mitglieder erhalten regelmäßig Einladungen zu neuen Umfragen per E-Mail. Das #NDRfragt-Team wertet die Ergebnisse aus und der NDR berichtet in seinen Programmen darüber. So wird das, was Sie denken und meinen, Teil der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Hier können Sie bei #NDRfragt mitmachen!

Seit der Wiedervereinigung 1990 hat sich vieles verändert. Dennoch zeigen Statistiken oft noch, wo die innerdeutsche Grenze verlief.

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