An einem sonnigen Herbstmittag aus der Haustür stolpern, ein paar Meter bis zur Museumsinsel laufen und schwupps steht man im Bode-Museum, wo Hunderte begeistert auf einen warten. Es gibt, so viel steht fest, Rentnerinnen in Deutschland, die es schlechter getroffen hat, als Angela Merkel. Die Altkanzlerin verursachte mit ihrem Auftritt am Sonntag einen regelrechten Besucheransturm in Berlins Mitte, schräg gegenüber von ihrer Privatwohnung.

Merkel hatte zur Signierstunde in den Saal des Museums geladen, in dem vor drei Monaten ihr Porträt des jungen Künstlers Jérémie Queyras enthüllt wurde. Die Online-Tickets für die Autogrammstunde, in der die 72-Jährige Kunstpostkarten mit ihrem Porträt signierte, waren innerhalb kürzester Zeit vergriffen, einige wenige Restkarten an der Tageskasse lange vor Beginn der Veranstaltung um 14 Uhr ausverkauft. Rund 450 Tickets gab es insgesamt für die Signierstunde.

Zwischenzeitlich reichte die Schlange der Merkel-Verehrer bis auf die Straße. Dort versuchte ein Kamerateam relativ erfolglos, von den Wartenden zu erfahren, woher die Begeisterung für die Bundeskanzlerin a.D. denn komme, doch die meisten Befragten drehten sich zur Seite. Einige fast etwas beschämt.

04.10.2026, Berlin: Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel signiert neben dem Maler des Portraits Jérémie Queyras Kunstpostkarten mit ihrem Porträt im Rahmen der Präsentation des offiziellen Porträts von Merkel, das bis 3. Januar 2027 im Bode-Museum zu sehen ist. Foto: Carsten Koall/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Die Ex-Kanzlerin, 72, und ihr Maler, 29, beim Signieren. Merkel trägt denselben Blazer wie auf dem Bild.

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Drinnen, zwischen Großer Kuppelhalle und Basilika, zeigte man sich dann sehr viel gesprächiger. „Nein, ein richtiger Fan bin ich nicht, würde ich sagen“, sagt Bianca, 40 Jahre, aus Berlin. „Es ist eher eine Faszination für diese Frau.“ Sie habe Merkel nie gewählt, doch es bräuchte wieder jemanden wie sie in der heutigen Politik.

04.10.2026, Berlin: Zahlreiche Menschen stehen in einer Schlange im Bodemuseum, wo Bundeskanzlerin a.D. Merkel Kunstpostkarten mit ihrem Porträt im Rahmen der Präsentation des offiziellen Porträts von Merkel, das bis 3. Januar 2027 im Bode-Museum zu sehen ist, unterschreibt. (zu dpa: «Lange Schlange: Merkel signiert im Museum») Foto: Carsten Koall/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Einmal quer durchs Museum: lange Schlange, um Merkel zu sehen.

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So geht es vielen in der Schlange. Paul ist mit seinen Eltern extra aus dem brandenburgischen Werder gekommen, um Merkel zu sehen. Der 14-Jährige darf noch nicht wählen, ist aber sehr politisch, wie er erzählt. Er verbinde Merkel mit seiner Kindheit, sagt Paul. Auch seine Eltern berichten, dass sie Angela Merkel nie gewählt haben, stattdessen immer linke Parteien.

Angela Merkel Bodemuseum Henning und Katrin aus Werder mit ihrem Sohn Paul.

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Gleichzeitig empfinden beide eine Art „Sehnsucht“ nach ihrem Politikstil. „Sie ist einfach eine starke Frau und damit auch eine Art Vorbild“, sagt Pauls Mutter Katrin. Ihr Mann Henning erinnert sich, dass er irgendwann „genervt“ war, dass Merkel so lange im Amt war. Jetzt fehle sie aber. Und dann fällt ein Name, den man in den Gesprächen zu Merkel oft in der Schlange hört: Friedrich Merz. Merkel als eine Art Counterpart zum derzeit unbeliebtesten Bundeskanzler aller Zeiten.

Ein paar Meter hinter der Familie aus Werder wartet Karl mit einer Freundin auf die Ex-Kanzlerin. Wieso ist er hier? „Ja, wieso bin ich hier?“, wiederholt er und überlegt einen Moment. „Naja, sie ist einfach Mutti“, sagt er dann. Merkel genieße mittlerweile eine Art Legendenstatus. Da wollte auch er die Möglichkeit nutzen, sie mal zu Gesicht zu bekommen.

Angela Merkel Bodemuseum „Merkel genießt mittlerweile eine Art Legendenstatus“, sagt Karl aus Berlin.

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Die 68‑jährige Rentnerin Martina aus Märkisch-Oderland hat einen kleinen Klappstuhl dabei. Den habe sie immer dabei, um sich ausruhen zu können, falls sie länger stehen muss. „In Merkel-Zeiten habe ich immer die SPD gewählt“, sagt sie, „heute bin ich politisch etwas verloren.“ Eins ist für sie klar: „Merkel würde der Welt heute guttun.“ Merkel sei einfach eine „starke Ost-Frau“ gewesen, „und wir Ost-Frauen sind anders“. Was meinen Sie damit? „Wir bringen Power mit.“ Den Klappstuhl benutzt Martina dieses Mal nicht.

Angela Merkel Bodemuseum „Wir Ost-Frauen sind anders“, sagt Martina aus Brandenburg.

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Weiter hinten in der Schlange warten die Berliner Dorian (29) und Niklas (25). Dorian ist zumindest in diesem Bereich der befragten Wartenden eine Art Exot. Denn Dorian hat tatsächlich unter Merkel CDU gewählt, erzählt er. „Sie hat immer versucht, das Land zu einen, die Menschen zu verbinden“, sagt er, „und natürlich sind wir auch hier, weil wir mit ihr aufgewachsen sind.“

Das habe aber auch mit einer Art „Nostalgie“ zu tun, fügt Niklas hinzu, schließlich sei unter Merkel auch nicht alles gut gewesen. „Einige Probleme, die dieses Land jetzt hat, gehen auch auf Merkel zurück.“

Angela Merkel Bodemuseum Museumsbesucher Niklas mit Angela Merkels Buch. „Unter ihr war auch nicht alles gut“, sagt er.

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Gleichzeitig wird in der Schlange im Bode-Museum deutlich, wie viele Menschen Merkels ruhigen, sachlichen Politikstil in diesen unruhigen Zeiten vermissen. Den meisten von ihnen wurde absurderweise aber erst nach ihrer Amtszeit klar, was sie an Angela Merkel schätzen. Die wenigsten hier haben sie damals gewählt.

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Als die Altkanzlerin schließlich ihren Platz am Signiertisch am Ende der langen Schlange einnimmt, brandet Applaus im Museum auf. Merkel ist die erste Kanzlerin, die sich im Stehen porträtieren ließ. Alle Kanzler vor ihr haben sich sitzend festhalten lassen. Außerdem hat sie das Bild auch selbst bezahlt, es gehört ihr persönlich. Auch Helmut Kohl hat sein Bildnis selbst bezahlt und es dem Kanzleramt als Dauerleihgabe überlassen.

Seitdem das Gemälde von Angela Merkel Ende Juni enthüllt worden ist, haben sich die Besucherzahlen im Bode-Museum fast verdoppelt.