Das wortlose Maskentheater der Familie Flöz macht sprachlos: Im St. Pauli Theater bringt die Company am 8. Oktober ihr neues Stück „Wunder“ auf die Bühne – inspiriert vom Film „Das Wunder von Mailand“ aus den 50er-Jahren.
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Da läuft ein älterer Typ mit Brille und spärlichem Haar im grauen Anzug über die Bühne, Bankangestellter vielleicht oder Versicherungsverkäufer mit einem Aktenkoffer in der Hand. Gehetzt sieht er aus, ein wenig aggressiv und dadurch auch ein bisserl gefährlich. Wenig später erscheint sein Boss, offenbar schwerreich, eine ganz andere Nummer, und bedeutet ihm, den Koffer zu öffnen. Sofort fängt der Graue an zu buckeln, wirkt nun ängstlich, erweckt Mitleid. Aber halt. Der Gesichtsausdruck des Schauspielers, der eben noch bedrohlich wirkte und nun furchtsam, hat sich überhaupt nicht verändert. Denn er trägt eine starre Maske, ist damit gar nicht in der Lage, mimisch zu agieren, geschweige denn zu sprechen.
„Wir entdecken, wie genau wir Körper lesen können“
Die Szene ist eine Momentaufnahme, ein szenischer Eindruck des so wundersamen wie wunderbaren Maskentheaters der Familie Flöz. Was an Emotionen gespielt wird, zeigen die Darsteller physisch mit dem Körper, aber nicht mit ihrer Stimme, nicht mit ihrem Gesicht. Das deutet jeder Zuschauer automatisch, wie es die Situation erfordert, ist also intensiv an der Vorstellung beteiligt, geht mit. „Wir entdecken als Zuschauer, wenn wir Masken anschauen, wie genau wir Körper lesen können, weil das eigentlich jeder dauernd macht“, erklärt Hajo Schüler, Maskenbauer und Mitbegründer der Theater-Company. „Das ist im Theater eine tolle, sehr direkte, nonverbale Kommunikation. Dabei merken wir, dass wir Spezialisten für Körpersprache sind, wie wir eben nicht nur die Gesichter, sondern eben auch Körper wahrnehmen und lesen. Das wird sonst oft von der Sprache überdeckt“, führt Schüler aus.
Neue Masken, neue Darsteller und eine neue Geschichte der Familie Flöz werden vom 8. Oktober an im St. Pauli Theater zu sehen sein, von dem das Stück koproduziert wird. Den Abend mit dem Titel „Wunder“ in der Regie von Mats Süthoff die Truppe aus Berlin extra für den neuen Spielort entwickelt. Vorbild der Ereignisse ist der Film „Das Wunder von Mailand“ („Miracoli a Milano“) von Vittorio de Sica aus den 50er-Jahren. Der Regisseur entwickelte das Drehbuch gemeinsam mit dem Autor Cesare Zavattini, auf dessen Novelle „Das Wunder von Bamba“ aus den 40er-Jahren wiederum der Film beruht.
Fünf Schauspieler spielen 23 Figuren
Im St. Pauli Theater werden fünf Schauspieler mit vielen Masken- und Kostümwechseln insgesamt 23 Figuren darstellen. Sie erzählen das Wunder, das sich diesmal in der Vorstadt St. Pauli zuträgt. Im Original geht die Story so: Der naive, freundliche Toto, ein Waisenkind, findet in Mailand keine Arbeit und endet, wie viele andere, in einem Slum am Stadtrand. Durch seine positive Lebenseinstellung gewinnt er viele Freunde. Als auf dem Gelände, auf dem sie in Bretterverschlägen hausen, Öl gefunden wird, kauft ein reicher Geschäftsmann es auf und will die Bewohner von der Polizei vertreiben lassen.
Toto gelingt es, mit Hilfe einer magischen Taube, die ihm seine Mutter aus dem Himmel sendet, die Polizei zu manipulieren und fürs erste zurückzuschlagen. Doch auf Dauer sind die Slumbewohner machtlos. Im letzten Bild fliegen sie daher mit Hilfe der Magie auf Besen in den Himmel über Mailand und singen dazu „Wir brauchen ein Stück Boden, und sei es noch so klein. Und dann noch eine Hütte, um glücklich zu sein.“
Rotlicht, Blaulicht, Showlicht, göttliche Erleuchtung
Im St. Pauli Theater, erzählt Schüler, wird die Taube durch die magische Wirkung von Licht ersetzt, dass rund um die Reeperbahn und in ihren Mythen und Träumen eine größere Rolle spielt, als andernorts. Da gibt es das Rotlicht, das Blaulicht und das Showlicht. Dazu kommt noch ein gleißendes göttliches Licht, das noch magischer ist als manch Bühnenscheinwerfer. Vor allem aber wird die Geschichte ohne Worte erzählt, zu Live-Musik der Multi-Instrumentalisten Benjamin Reber und Moritz Thorbecke. Für das neue Stück hat Schüler auch neue Masken gebaut, wie meistens aus Pappmaché – nach vielen erfolglosen Versuchen mit anderen Werkstoffen hat es sich als am besten erwiesen, schon wegen seiner guten Modellierbarkeit und des geringen Gewichts.
Die Kunst bestehe darin, beim Bauen nicht zu viele Entscheidungen zum Gesichtsausdruck zu fällen, erklärt Schüler, sonst sei der Gesichtsausdruck zu klar definiert und lasse zu wenig Spielraum für die Fantasie des Zuschauers. Auch eine gewisse Asymmetrie sei wichtig, dadurch ändere sich der Eindruck auf der Bühne bei Bewegungen und wechselnder Beleuchtung. Doch obwohl sie für die Charakteristik des Theaters entscheidend sind, finden etwa drei Viertel der Proben ohne Maske statt, weil das Spiel unter ihr deutlich anstrengender ist – auch bei der technischen Einrichtung im St. Pauli Theater in den letzten anderthalb Wochen vor der Premiere wird nur kurz mit Masken gespielt.
Repertoire von 15 abendfüllenden Stücken seit 1994
Der Name der Truppe, Familie Flöz, bezeichnet tatsächlich die rohstoffhaltigen Schichten im Bergbau, denn sie wurde in Essen gegründet, von Absolventen des Pantomime-Studiengangs der Folkwang Universität der Künste, der seinen Namen mehrfach in der Geschichte wechselte, von Pantomie über Mime/Pantomime bis Bewegungstheater und schließlich heute Physical Theatre. Die Initiatoren Hajo Schüler, Markus Michalowsdki und Michael Vogel brachten gemeinsam mit Freunden 1994 das erste Stück „Über Tage“ heraus, in der stillgelegten Zeche „Hannover“ hat 1996 „Familie Flöz kommt über Tage“ Premiere, eine Hommage an die Bergbau- und Arbeiterkultur des Ruhrgebiets.
Seither hat die Company rund 15 abendfüllende Stücke mit archetypischen Figuren entwickelt, die von einem raffinierten Wechselspiel aus Improvisation, Maske und Autorenarbeit leben. Da sie über Sprachgrenzen hinweg verständlich sind, gibt die Company, die mittlerweile mit mehreren Ensembles arbeitet, weltweit Gastspiele.
„Wunder“ im St. Pauli Theater, ab 8. Oktober