Rechtsextremismus in Thüringen

von Johanna Hemkentokrax, MDR Investigativ

Stand: 29.11.2025 12:35 Uhr

Bundesweit veranstalten Neonazis seit geraumer Zeit „Lagerverkäufe“. Die Verkaufsevents dienen der Finanzierung und Vernetzung. Nun hat es erstmals so einen „Lagerverkauf“ in Thüringen gegeben.

Menschen stehen vor einem Wohnhaus.

Rechte Szene-Kneipe „Bull’s Eye“ in Eisenach

Eisenach, ein Samstag Mitte November. In der Szene-Kneipe „Bull’s Eye“ bieten Neonazi-Händler aus mehreren Bundesländern abgeschirmt von der Öffentlichkeit ihre Waren an. Musik, Propaganda-Literatur, Kampfsportkleidung. Die Kunden, die an diesem Tag durch die Tür im „Bull’s Eye“ verschwinden und mit weißen Plastiktüten wieder herauskommen, sind meist sehr jung. Sie tragen Jeans und schwarze Outdoorjacken. Einige von ihnen bleiben draußen stehen, rauchen und unterhalten sich. Eine junge Frau trägt ein Backblech mit Kuchen in die Kneipe.

Die so genannten „Lagerverkäufe“ sind laut Szenekennern weit mehr als der Versuch der Szene, nach dem durch behördliche Verbote und Restriktionen vorläufigen Ende der großen Rechtsrockkonzerte und Kampfsportveranstaltungen mit ihren Merchandise-Ständen, neues Geld in die Szene zu spülen. Shirts lassen sich auch online gut verkaufen. Mit den Verkaufs-Events, die zum Teil mit musikalischer Live-Begleitung und Getränkeausschank stattfinden, sucht die Szene neue Veranstaltungswege.

Katharina König-Preuss

Katharina König-Preuss (Die Linke)

Die Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss (Die Linke) sagte dem MDR, es handle sich keinesfalls nur um einen einfachen Verkauf, bei dem man Prozente spare. „Das ist ein Mix aus Vernetzung, ideologischer Verbindung und natürlich auch Aufforderung, indirekt und direkt, indirekt zumindest, solche Aktivitäten dann auch real umzusetzen“, sagte König-Preuss im Hinblick auf die zum Teil offen propagierte Gewalt durch die Bekleidungsaufdrucke.

Verbindung ins Eisenacher Kampfsportnetzwerk „Knockout 51“

Dass diese Vernetzung nun auch mit dem Lagerverkauf Mitte November erstmals in Thüringen und ausgerechnet in Eisenach stattfand, ist kaum ein Zufall. Nach MDR Investigativ-Informationen handelt es sich bei dem Organisator um Eric K., einen der verurteilten Gewalttäter des militanten Neonazi-Kampfsportnetzwerks „Knockout 51“, der bereits eine mehrmonatige Haftstrafe absaß. Der Mann gilt als bestens vernetzt in die Dortmunder Neonaziszene. „Knockout 51“ pflegte enge Verbindungen zum Dortmunder Kampfsportnetzwerk „Kampf der Nibelungen“. Immer wieder fanden in Eisenach konspirative Vernetzungs-Treffen unter anderem von Dortmunder und Eisenacher Kadern statt.

Fragen zu den teilnehmenden Händlern, seinen Vernetzungen und dem Zweck des Lagerverkaufs beantwortete der Neonazi Eric K., der den Verkauf organisiert hatte, auf Anfrage nicht. Er teilte lediglich mit, die Einnahmen seien versteuert worden. Eric K. hatte mit seinem eigenen Neonazi-Bekleidungslabel im Sommer bei einem Verkauf in Dortmund teilgenommen. Auch in Eisenach wirbt er an diesem Samstag für seine Szene-Kleidung mit unmissverständlich militanten Aufdrucken wie „No knife no life“ („Kein Messer kein Leben“) und „NS-Fightclub“. Am Eisenacher Verkauf nahmen laut Verfassungsschutz 55 Personen teil, acht Szene-Labels waren vor Ort.

Militante alte Kader vernetzen junge Menschen über den Kampfsport

Hinter den Lagerverkäufen steht nach MDR Investigativ-Recherchen ein Netzwerk von Neonazis aus Dortmund, Halberstadt und Chemnitz mit Vernetzung nach Eisenach, rund um das rechtsextreme Kampfsportnetzwerk „Kampf der Nibelungen“ und den Chemnitzer Szeneladen „PC Records“. In Dortmund und Chemnitz finden die Verkaufs-Events schon seit zwei bis drei Jahren statt. In diesem Jahr gab es bereits Veranstaltungen in Anklam, Dortmund, Chemnitz und im hessischen Altenstadt.

Porträt von Stephan Kramer

Thüringens Verfassungsschutz-Chef Stephan Kramer: Rechte Szene will mit Kampfsport junge Zielgruppen anfixen.

Viele Kunden der Lagerverkäufe seien extrem jung, der Schwerpunkt Kampfsport kein Zufall, sagte Thüringens Verfassungsschutzchef Stephan Kramer dem MDR. „Das ist die neue Zielgruppe, erstens weil man natürlich auch Nachwuchs gewinnen muss, den man dann über den Kampfsport allerdings relativ schnell auch in die Ideologie hineinführt, aber das Anfixen findet sozusagen über den Kampfsport, das gemeinsame, das Wir-Gefühl, auch die gemeinsamen Abwehrkämpfe statt.“

Innenministerium will Einschränkung durch Auflagen prüfen

Ein Sprecher der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (Mobit) in Thüringen sagte MDR Investigativ, die Neonazi-Szene passe sich stets den gegebenen Rahmenbedingungen an. „Dies kann man aus diesen Verkäufen sehr gut erkennen. So war ‚Kampf der Nibelungen‘ ursprünglich ja ein Kampfsportformat. Durch das Verbot kann dies aber nicht mehr durchgeführt werden und übrig bleibt somit nur noch der Verkauf der Kleidungsstücke“, so der Mobit-Sprecher. Die Zivilgesellschaft könne gegen solche Veranstaltungen wenig mehr ausrichten, als durch Proteste Aufmerksamkeit auf die Aktivitäten zu lenken. n der Pflicht stünden vor allem die Behörden, zum Beispiel die Finanzämter.

Die Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss (Die Linke) sieht im Hinblick auf das zum Teil extrem junge Alter der Besucher hier unter anderem auch das Jugendamt gefordert. Kinder und Jugendliche müssten vor den zum Teil offensichtlich gewalt- und NS-verherrlichenden Produkten geschützt werden.

Einen Umgang mit dem relativ neuen Veranstaltungsformat muss die Politik erst finden. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) sagte dem MDR, man werde prüfen, ob die rechtsextremen „Lagerverkäufe“ nach dem Vorbild der Neonazi-Großkonzerte durch Auflagen eingeschränkt und damit für die Szene unattraktiv gemacht werden könnten. „Wir werden natürlich schauen, was wir tun können, um dagegen vorzugehen“, so Maier. „Wir müssen verhindern, dass sich die rechtsextreme Szene über solche Veranstaltungen vernetzt und finanziert“, sagte Maier dem MDR.

MDR (dr)