Kiel. Forscher des Geomar-Zentrums für Ozeanforschung gehen in einer aktuellen Analyse scharf mit der EU-Fischereipolitik ins Gericht – und stoßen damit auf Widerstand bei den Fischern. Die festgelegten Fangmengen für Nord- und Ostsee seien zu hoch und damit nicht nachhaltig, sagen die Kieler Experten.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Auch die Bestandsgrößen würden regelmäßig überschätzt. Sie fordern daher „eine politisch unabhängige Institution, die verbindliche Fangquoten nach bewährten wissenschaftlichen Regeln für ein ökosystembasiertes Fischereimanagement festlegt“.
Sinkender Fischbestand in Nord- und Ostsee: Verband macht Klimawandel verantwortlich
Claus Ubl vom Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer in Hamburg weist den Vorstoß zurück. Der Grund für die Bestandsprobleme liege in Veränderungen des Ökosystems. „Rückläufiger Salzwassereinstrom, hohe Nährstoffkonzentrationen, Klimawandel und Fraßdruck durch Fressfeinde wie Kormorane und Robben zeigen Wirkung.“ Die biologischen Prozesse würden offensichtlich noch nicht ganz verstanden.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Auch Dieter Hullmann, stellvertretender Vorsitzender des Landesfischereiverbandes, macht für das Fischsterben den Klimawandel verantwortlich. „Überfischung gibt es in der Nord- und Ostsee nicht.“
Die Kieler Geomar-Analyse kommt zu einer komplett gegensätzlichen Einschätzung. „Umweltfaktoren wie die Erwärmung der Meere und der Sauerstoffverlust spielen eine Rolle, aber die Überfischung ist so stark, dass sie allein ausreicht, um Bestände zusammenbrechen zu lassen“, sagt Fischereiexperte Rainer Froese. Die tatsächlichen Fänge in der Ostsee seien zuletzt meist sogar unter den erlaubten Mengen geblieben, sagt Froese. Das Meer sei schlicht zu leer gewesen.
Neue Zahlen erhöhen Sorge um Dorsch und Hering
Der schleswig-holsteinische Europaabgeordnete Niclas Herbst (CDU) widerspricht: „Im Nordostatlantik haben wir Fortschritte erzielt und gesehen, dass wissenschaftlich fundierte Fangquoten erfolgreich sein können. Im Schwarzen Meer und dem Mittelmeer haben wir noch Probleme, doch in der Ostsee haben wir keine Überfischung, sondern den Klimawandel als Problem.“ Es werde auch in Zukunft noch etwas zu fischen geben, aber es sei die Frage, ob es dann noch Fischereibetriebe gibt. „Betriebe, die weg sind, sind weg“, sagt Herbst.
ICES-Empfehlung sind eine der Grundlagen für EU-Fangquoten
Die ICES-Zahlen fließen in die europäischen Fischfangquoten ein. Einmal im Jahr entscheiden die EU-Staaten, wie viel Fisch aus der Ostsee gezogen werden darf. Als Grundlage dient ein Vorschlag der EU-Kommission, der unter Beachtung der wissenschaftlichen Empfehlung des ICES erstellt wird.
Neue Zahlen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) belegen die schwierige Lage. Demnach gibt es trotz zuletzt niedriger Fangquoten bei Dorsch und Hering in der Ostsee keine Erholung des Bestands. In der westlichen Ostsee erhole sich der Heringsbestand langsamer als von der Wissenschaft erwartet.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Wie in den vergangenen Jahren werde vom ICES deshalb auch für das kommende eine Null-Fangquote empfohlen. Nur bei der Sprotte, Flunder, Kliesche sowie der Scholle gebe es einen Lichtblick in den Bestandszahlen. Doch die Tiere seien in einem so schlechten Zustand, dass sie sich nicht vermarkten ließen.
KN