Dresden. An den Wänden türmen sich Boxen mit Legos, Kartenspielen und Wasserpistolen, im Park gegenüber toben und lachen Kinder. Eigentlich ist der Kindertreff Kibo am Bonhoefferplatz im Dresdner Stadtteil Löbtau ein fröhlicher Ort. Eigentlich.
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Doch die Situation hat sich geändert: Jetzt steht die Kinderbetreuungseinrichtung vor dem Aus. In diesem Jahr fördert die Stadt den Kibo noch mit rund 135.000 Euro. Im kommenden Jahr soll diese Förderung eingestellt werden. Das geht aus einer über 600 Seiten langen Vorlage hervor.
Noch ist die Entscheidung nicht gefallen. Doch schon diesen Donnerstag, den 5. Juni 2025, soll der Jugendhilfeausschuss über die Förderung entscheiden. Die Vorlage sieht vor, dass der Jugendtreff Check Out in Niedersedlitz, der Kindertreff Kibo und das Kinder- und Jugendhaus Alte Feuerwehr in Cossebaude nicht mehr gefördert werden.
Jenny Uschkrath ist verzweifelt wegen dieser Nachricht. Ihre beiden Kinder besuchen regelmäßig den Kibo, sie selbst packt gelegentlich ehrenamtlich mit an, hilft etwa bei Kinderfesten.
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„Mein Mann und ich gehen beide arbeiten, der Kibo ist eine riesengroße Rettung für uns“, sagt die 34-jährige Dresdnerin. Beim akuten Lehrermangel an ihrer Schule hätten ihre beiden Söhne oft schon um 12 Uhr keine Schule mehr. „Ohne den Kibo würden sie bis nachmittags alleine zu Hause sitzen.“

Hunderte Spiele, Baukästen und Legosteine lagern im Kindertreff Kibo.
Quelle: Matthias Rietschel
Hinzu kommt: Der Kibo bietet mehr an als Kinderbetreuung. Es gibt regelmäßig ein Elternfrühstück, bei dem sich junge Eltern austauschen können, bei Unsicherheiten mit den Pädagogen vor Ort sprechen können. „Die Leute vom Kibo waren da zu einer Zeit, in der ich mich überfordert und hilflos gefühlt habe“, sagt die Mutter. „Das werde ich nicht vergessen.“
Jenny Uschkraths Jungs haben hier auch schon ihren Geburtstag gefeiert. „Der Kibo ist aber auch eine Ausbildungsstätte für junge Sozialpädagogen, die hier ihre ersten Schritte machen“, sagt Jenny Uschkrath. Hier würden Kinder aus allen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zusammenkommen und miteinander spielen.
Über 1.500 Menschen unterschreiben Petition gegen die Schließung
Als ihre beiden Jungs von der drohenden Schließung erfahren haben, seien sie zu ihr gekommen, sagt Jenny Uschkrath. „Sie haben gefragt: ‚Wo sollen wir denn jetzt hin?‘ – das hat mich fertig gemacht.“
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Die Dresdnerin beschließt, zu handeln. In Absprache mit dem Kibo startet sie eine Online-Petition. „Wir fordern die Mitglieder des Kinder- und Jugendhilfeausschusses sowie den Oberbürgermeister auf, die geplante Schließung des Kindertreffs KiBo zurückzunehmen und gemeinsam mit dem Träger eine Lösung und den Fortbestand zu sichern“, heißt es dort. Über 1.500 Menschen haben die Petition bereits unterschrieben.
Stadt bewertet Kibo-Schließung als „am ehesten kompensierbar“
Der Kibo ist nicht die erste Sozialeinrichtung, die dem Sparkurs der Stadt zum Opfer fallen würde. So musste etwa der Familientreff Mareicke in Prohlis schließen. Auch die Schulsozialarbeit stand auf der Kippe. Mit dem Ende März beschlossenen Haushalt schien die Zeit der großen Förderabsagen aber zu Ende.
In der Vorlage, über die der Jugendhilfeausschuss am Donnerstag abstimmen wird, wird die Streichung der Kibo-Förderung folgendermaßen begründet: Die Einstellung der Kibo-Förderung sei „als infrastrukturell am ehesten kompensierbar angesehen“. Und weiter: „Für die Zielgruppe steht das ‚Kinder- und Jugendhaus T3′ und das Mossmutzelhaus zur Verfügung.“ Konkret bedeutet das: Die Stadt argumentiert, dass die Kinder ja auch auf die anderen beiden Angebote in Löbtau ausweichen könnten.
Eltern protestieren am Donnerstag gegen Kürzung
Von dieser Begründung hält Jenny Uschkrath wenig. „Das T3 richtet sich an ältere Kinder, beide Einrichtungen sind weit entfernt, da liegen viele stark befahrene Hauptstraßen dazwischen, das ist für kleine Kinder ein Problem.“ Außerdem müsse es darum gehen, alle Sozialeinrichtungen im Stadtraum zu erhalten. „Die Einrichtungen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, sagt die Dresdnerin. „Am Ende geht es doch darum, in unsere Jugend zu investieren.“
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Ihr sei klar, dass die Haushaltslage angespannt sei und die Politikerinnen und Politiker vor schwierigen Entscheidungen stehen würden. „Aber wer heute an den Sozialangeboten spart, der sorgt so für viel größere Probleme in der Zukunft“, so Uschkrath. Schon heute seien viele Jugendliche verdrossen, weil sie nicht das Gefühl hätten, von der Politik gehört zu werden.
Am Donnerstag hat der Kibo nur von 14 bis 15.15 Uhr geöffnet. Dann werden die Betreuer, Eltern und Kinder vor dem Neuen Rathaus gegen die drohende Schließung des Kindertreffs demonstrieren, während drinnen der Jugendhilfeausschuss tagt. „Ich kann nicht sagen, ob der Kibo erhalten bleibt“, sagt Jenny Uschkrath. „Aber es geht auch darum, den Kindern zu zeigen: Ihr müsst euch nicht alles gefallen lassen.“
SZ