Eine Unitheatergruppe und ein Haufen Schweizer Hanfbauern werden von einer ehrgeizigen Theaterleiterin in eine nicht ganz legale Erfolgsgeschichte hineingezogen. Der Roman des Luzerner Autoren hat den Schweizer Literaturpreis gewonnen und wurde frisch ins Hochdeutsche übertragen.
„Polyphon Pervers“: das ist ein bisschen irrwitzig. Als Projekt, von dem erzählt wird, sowie als Buch, in dem erzählt wird. Ich habe das direkt gemerkt, in den ersten Zeilen:
Man könne easy sagen, das sei alles die Sabin gewesen. Wie die Sabin ja am Anfang noch der Kopf von Polyphon Pervers gewesen ist. Oder allgemein: Die Sabin ist genau son Mensch gewesen, von dem man gerne sagt, er wär der Kopf von irgendwas. Oder das Hirn hinter was. Also wenn man Fan von so markigen Metaphern ist.
Der Sound, sie merken es, bleibt im Ohr: Eine irre verschwafelte und halbgenaue Erzählerstimme, die nicht richtig festgelegt werden will, mit ihrer unendlichen indirekten Rede und ihrem leichten Dauerspott erinnert sie an das Maul in den Krimis von Wolf Haas oder an einen bekifften Thomas Bernhard.
Die Handlung: Ein Schelmen- und Hochstaplerroman, wie ich ihn lange nicht gelesen habe. Am Anfang stehen eine Unitheatergruppe in Luzern, ein Kiffer, ein etwas uninspirierter Regisseur und eine ehrgeizige Managerin:
Irgendwas müsse man ja machen, hat die Sabin gesagt. Irgendwas müsse man machen, sonst gehe man kaputt. Und wenn man schon was mache, dann könne mans auch gleich gut machen, oder, wenn möglich sogar mega gut. Wenn man schon was mache, dann könne man auch gleich nach den Sternen greifen, hat Sabin gemeint.

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So.15.6.2025
17:04 Uhr
lesenswert Magazin
SWR Kultur
Kultur als Vorwand – und Geschäftsmodell
Und ab da mischt die Truppe die bürgerliche Kulturszene der Schweiz auf. Polyphon Pervers. Verein für Unterhaltung – so nennen sie sich. Denn um Kultur geht es eigentlich gar nicht, Kunst und Kultur sind in diesem Buch längst erledigte Fälle, werden von jedem beliebig verwässert, als gäbe es nur noch Volkskultur, Trinkkultur und Fankultur.
Das sei mega vage, da könne man nächtelang drüber streiten, was das überhaupt bedeute: Kunst. Und so Wörter, Wo die Philosoph:innen schon seit paar Tausend Jahren drüber streiten, was sie eigentlich bedeuten, die solle man am besten gar nicht in den Mund nehmen, hat die Sabin gesagt.
Vom Drogendealer zum Dramaturgen
Es nimmt Fahrt auf, als Sabin den Stammdealer der Truppe scheinbar als Dramaturg anstellt, damit der endlich legal in die Rentenversicherung einzahlen kann – sein Drogengeld wird übers Theater gewaschen, wo eh keiner mitbekommt, wie viele Zuschauer kommen.
Finden seine Kollegen auch super, also hat das Theater bald ziemlich viele Dramaturgen, die werden outgesourced und als Performancetruppe unter dem sprechenden Namen „Cash Washer“ durchs Land geschickt, wo sie dann bekifft vor Publikum Marvel Superhelden-Filme angucken.
Wirklich, mehr passiert nicht, aber ein paar Zuschauer finden sie damit natürlich – das gilt dann als Kunstperformance und ist steuerrechtlich nicht nachzuvollziehen. Und als zweites ökonomisches Standbein stellt man Förderanträge. Kultursubventionen gibt es in der Schweiz wie in Deutschland natürlich für quasi jeden.
Das ganze Buch dreht sich darum, wie man gut leben kann, indem man Kultur vortäuscht. Die Truppe kommt damit drei Jahre lang durch, wird sogar wohlhabend, bis die Coronakrise …. So, reicht, mehr an Handlung verrate ich jetzt nicht, obwohl es sehr viel mehr zu verraten gäbe, auch einen wirklich brillanten Showdown.
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Von der Hochstapelei zur echten Kunst
Bela Rothenbühlers Roman „Polyphon pervers“ hat übrigens in seiner ursprünglichen Schweizerdeutschen Fassung 2025 den Schweizer Literaturpreis gewonnen. Könnte sein, dass der Roman so auch lustig ist, aber davon merkt in Deutschland halt keiner was. Deswegen hat es Uwe Dethier ins Hochdeutsche übersetzt oder übertragen. Die Mundart-Herkunft hat aber die Handlung geprägt – es ist ein Heimatroman geblieben, nur halt in einer ziemlich schrägen Szene.
Statt Almödis beschreibt Rothenbühler bauernschlaue Hanfbauern. Ihm ist damit was gelungen. In der Mundartliteratur haben es fiktionale Stoffe nicht ganz leicht, denn der Markt ist klein, und gilt als ein bisschen konservativ. Wer da sowas Nischiges schreibt, hat keine Chance auf große Auflagen.
Manchmal aber gibt es da so einen Mut der Verzweiflung. Wenn’s eh keiner mitbekommt, kann man seine Spottlust und Experimentierfreude auch ungebremst ausleben und der Welt einen Spiegel vorhalten.
Die Botschaft des Buches ist so böse, dass man sie schon wieder gut finden muss: Das, was wir unter Kultur verstehen, ist kaputt, ein System, ein Selbstbedienungsladen für die, die geschickt Anträge formulieren können. Steuerbetrug ist gang und gäbe.
Gleichzeitig gibt es eine Dialektik: Die ziemlich skrupellose Ausnutzung des Systems produziert nun aber in diesem Buch und vielleicht auch im echten Leben echtes Theater, es kommen auch immer mehr Leute, die sich für die frechen und unbekümmerten Performances der Cash Washer interessieren. Es muss kein Geld verdient werden, sondern hier ist die Kunst endlich frei.
Polyphon Pervers
Aus dem Luzerndeutschen von Uwe Dethier
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Béla Rothenbühler – Polyphon Pervers
Irgendwann gibt es im Buch eine Performance, die heißt „Raubkunst“, und die Cashwasher klauen ein Kunstwerk aus einem Museum und schicken es vor laufenden Kameras in den Benin. „Der Kunstraub ist großartig geworden“ heißt es banal.
Spätestens da ist die Kultursimulation als Simulation gescheitert und zur richtigen Kunst geworden. Was soll ein Theaterstück anderes sein als die Simulation von Welt, als eine Scheinwelt, in der man herumspielen kann? Beim Dadaisten Walter Serner in seinem grandiosen Handbrevier für Hochstapler, der sogenannten „Letzten Lockerung“, heißt es: Die Welt will betrogen sein, gewiß. Sie wird sogar ernstlich böse, wenn du es nicht tust.‘
Kunst ist Hochstapelei. Und umgekehrt. Genau das erzählt Bela Rothenbühler traumhaft sicher. Und jetzt mal abgesehen davon: Das Buch ist so schön in Grün, Pink und weiß gestaltet, dass ich zum ersten Mal im Leben im Umschlag nachgeschaut habe, wer ihn gestaltet hat – und da steht „Guerillagrafik“. Das passt zum Inhalt.