Wie kaum ein zweiter Formel-1-Rennstall steht Red Bull dafür, Talenten aus dem eigenen Stall eine Chance zu geben. Max Verstappens Dominanz aber stellt das Konzept infrage. Die Ideallösung für das zweite Cockpit neben dem übermächtigen Serien-Weltmeister wäre eigentlich Nico Hülkenberg.
Vielleicht war bei Helmut Marko der Wunsch Vater des Gedankens, als ihm sport.de vor ein paar Wochen die Frage stellte, ob Yuki Tsunoda eine Zukunft bei Red Bull hat.
„Ja, er packt das, das hat man im Rennen gesehen“, antwortete die strenge Eminenz der Bullen und bezog sich dabei auf Tsunodas Leistung beim Grand Prix der Emilia-Romagna.
In Imola hatte der Japaner sein Auto im Qualifying geschrottet, weil er einen Kerb falsch angefahren war. Am Sontag schaffte es Tsunoda dann aus der Boxengasse immerhin auf Rang zehn und ergatterte ein WM-Pünktchen. Ganz gut.
Wichtiger war aber Markos Nachsatz: „Er darf halt keine Fehler machen – das ist das Entscheidende.“
Zwei Grands Prix später fällt die Leistungsbilanz Tsunodas ernüchternd aus. In Monaco verpasste er im Qualifying die Top Ten und blieb ohne Punkte. Beim Spanien-GP in Barcelona verzwergte sich der 1,60 Meter große Pilot endgültig, wurde im Qualifying Letzter – ein brutaler Nackenschlag, der nur aus Fehlern resultieren kann.
So schwer der Bolide aus Milton Keynes auch zu fahren sein mag. Mit dem RB21 eine Formel-1-Session auf dem letzten Platz zu beenden, ist eigentlich kaum machbar. Für Red Bull war Tsunodas Leistung ganz und gar inakzeptabel.
Formel 1: Zeit für eine Abbitte bei Sergio Perez
Der Rennstall hat 2025 mehrere Probleme, die hinter Karbon und Setup-Codes nicht immer erkennbar sind. Ein Problem – ein großes – ist eindeutig: Red Bulls zweites Cockpit, das für Fahrer wie Yuki Tsunoda eine Nummer zu groß respektive eine Nummer zu schwer ist.
Die markigen Sprüche, mit denen der 25-Jährige seinen Dienst bei den Bullen antrat (Verstappen schlagen, aufs Podest fahren) wirken rückblickend wie ein schlechter Witz, ein running gag obendrein, weil Tsunoda wiederholt nicht liefert.
Mehr als ein halbes Jahr nach seinem bis dato letzten Grand-Prix-Einsatz ist es an der Zeit, Abbitte zu leisten bei Sergio Perez. Was wurde der Mexikaner für seine vermeintlich superschwachen Leistungen in der Saison 2024 kritisiert, gescholten, belächelt, verspottet.
Aus heutiger Sicht muss man sagen: Verglichen mit Rookie Liam Lawson und Tsunoda, der immerhin mit der Erfahrung von mehr als 80 Grands Prix bei den Bullen ankam, hat sich Perez neben dem schier allmächtigen Max Verstappen wesentlich besser aus der Affäre gezogen.
Dass Tsunoda annähernd in die Gegend von Perez‘ 152 WM-Punkte aus dem Vorjahr kommt, scheint – vorsichtig formuliert – unrealistisch. Vor dem Kanada-GP in Montreal (Sonntag, LIVE bei RTL) zieren zehn Zähler sein WM-Konto, von denen er drei beim China-Sprint in Diensten des Juniorteams Racing Bulls einfuhr.
Verstappen-Auto für Nummer 2 kaum zu händeln
Red Bull steckt in einem Dilemma – in das sich Chefberater Marko und Teamchef Christian Horner auch selbst gebracht haben.
Zum einen haben sie den armen Lawson viel zu früh abgesägt. Der Neuseeländer, für seine stabile Psyche bekannt, bekam nicht einmal ein halbes Jahr, um sich zu beweisen (anders als früher etwa Pierre Gasly und Alex Albon).
Nach einem verregneten Auftakt in Melbourne mit schwierigen Bedingungen und einem schwachen Resultat in Shanghai degradierten Marko und Horner den 23-Jährigen sofort – und das, obwohl Lawson mit dem bockigen RB21 auch nicht schlechter fuhr als Tsunoda jetzt, überdies beim Testduell Ende 2024 schneller war als der F1-Rohrspatz aus Fernost.
Zum anderen hat Red Bull sein Auto derart auf Max Verstappens Vorlieben und dessen einzigartige Fahrkünste zugeschnitten, dass eigentlich auch nur der Holländer den RB21 wirklich schnell und erfolgreich fahren kann.
Verstappen liebe ein Auto, „das vorne beißt, er hasst Untersteuern“, erläuterte Marko im Interview mit sport.de. Heißt: Der Meister wünscht eine griffige, stabile Vorderachse, „wenn das Heck relativ nervös ist, stört ihn das nicht so sehr, während die meisten anderen dann vom Gas gehen“.
Markos und Red Bulls Problem: Zu diesen „anderen“ gehört eben auch Tsunoda, genau wie Lawson und Perez vor ihm. Keiner der Genannten wusste den bockigen Bullen wirklich zu zähmen. Jedenfalls nicht so, um damit die verlässlich punktende Nummer zwei zu sein, die sich der Rennstall wünscht.
Verbrennt sich jetzt Isack Hadjar den Gasfuß?
Solange Verstappen bei Red Bull ist und dort alles für ihn arbeitet – so wie es früher bei Ferrari und Michael Schumacher war – wird das Problem bleiben. Der nächste Kandidat, der sich verbrennen könnte, ist Isack Hadjar. Der Franzose überzeugt in seinem ersten F1-Jahr bei den Racing Bulls, wird von Horner und Marko auffallend gelobt. Nur: Auch Lawson zeigte im Juniorteam, was er draufhat, bevor es zu Red Bull ging, Tsunoda – mit Abstrichen – ebenfalls.
Red Bulls Philosophie, junge Fahrer aus dem Nachwuchsprogramm für das Seniorteam fit zu machen, ist durch die jüngste Strecken-Empirie infrage gestellt.
Wenn Verstappen das Team zur Saison 2026 nicht verlässt, wovon zurzeit auszugehen ist: Wäre es dann nicht besser, wieder einen erfahrenen, verlässlichen, grundsoliden Mann zu holen? Zumal kommende Saison das neue Motoren-Reglement greift, das sich auch auf die Aerodynamik auswirkt. Wäre es da nicht ratsam, Hadjar noch ein Jahr Racing Bulls zu gönnen und als Mann für 2027 aufzubauen (wenn Verstappen vielleicht weg ist)?
Hülkenberg wäre einer, aber …
Was Red Bull bräuchte, nennt man im Fußball-Trainergeschäft „Feuerwehrmann“? Einer, der mit schwierigen Situationen umzugehen weiß, der ein schwer steuerbares Schiff auf Kurs halten kann, wenn auch nur für überschaubare Zeit.
Die Optionen sind allerdings rar: Gasly hat bis Ende 2026 Vertrag bei Alpine. Fraglich zudem, ob er sich noch einmal freiwillig das Stahlbad neben Verstappen antun würde. Gleiches gilt für Alex Albon, der seit seinem Aus bei Red Bull in Williams-Diensten aufblüht. Auch eine Rückkehr von Carlos Sainz in den Red-Bull-Kosmos ist unwahrscheinlich. Schon für 2025 wollte Red Bull den bei Ferrari von Lewis Hamilton verdrängten Spanier nicht haben.
Eine Ideallösung wäre Nico Hülkenberg. Der letzte deutsche F1-Mohikaner versteht sich prächtig mit Verstappen und ist für sein präzises Feedback an Ingenieure und Techniker bekannt, das Red Bull für sein zweites Auto so bitter nötig hat. Außerdem hat der „Hulk“ in seiner langen Karriere schon so manchen störrischen F1-Bock pilotiert. Haken: Hülkenberg ist an Audi gebunden, soll das Formel-1-Projekt der vier Ringe mit all seiner Routine anschieben.
Bliebe eine Reaktivierung von Checo Perez. Am Mexikaner ist allerdings schon Cadillac dran. Die Amerikaner brauchen ihrerseits einen erfahrenen Mann für ihren Einstieg in die Königsklasse.
Isack Hadjar wird letztlich wohl das Rennen machen, sollte Tsunoda im Saisonverlauf nicht auf einmal eine ganze Stange Zehntel finden. Red Bull droht dann das nächste Youngster-Problem.