Hier darf man endlich mal vom Sitz hüpfen und zur Orchestermusik mitten im Konzert tanzen. Keiner guckt schräg, wenn es zwischen den Sätzen Applaus gibt. Und was heißt überhaupt „Sätze“? Doch, es gibt sie. Aber die drei Teile von „Tänzerische Suite für Jazzband und Orchester“ von Eduard Künneke sind verflochten mit Schlagern der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein bisschen beschwingter dürfte jeder aus diesem „Tanz in den Sommer“ gekommen sein. Denn dieses Konzert ist ganz anders als alle anderen in der Saison, die nun zu Ende geht.
Sopranistin Elizabeth Reiter sorgt mit „Youkali“ für Gänsehaut-Momente.Michael Braunschädel
Ein „Tanzkonzert“ war ein Herzenswunsch von Generalmusikdirektor Thomas Guggeis. Ein bisschen so, wie es seit der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ beliebt geworden ist – aber eben nicht nur mit einem leidlich überschaubare Tanzorchester, das Zwanzigerjahre-Schlager spielt. Sondern gleich mit dem ganzen Rolls Royce des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Das macht nicht nur optisch etwas her in dem Rund, das in das Bockenheimer Depot gebaut worden ist, von oben erhellt durch glitzernde Kronleuchter, das Publikum mit Getränken an kleinen Tischen.
Lauter Multitalente
Wenn zu Beginn eine kleine Jazzcombo auf einem Mini-Podium „I Could Have Danced All Night“ aus „My Fair Lady“ spielt, wird das nicht nur zum Motto des Abends. Man staunt erst mal nicht schlecht, weil der junge Barpianist Guggeis selbst ist, weil Freya Ritts-Kirby, im Orchestergraben Erste Geige, nun nicht nur ihr Instrument spielt, sondern sich auch als höchst begabte Jazzvokalistin entpuppt. Die Orchesterkollegen Jean Hommel und Steffen Uhrhan vervollständigen die Rhythmusgruppe. Und wenn dann die große Show anhebt, sind noch viel mehr Multitalente zu erleben. Zuerst unter den Musikern, denn im ersten Teil des Konzerts bleibt das Publikum noch sitzen.
Der Percussionist des Orchesters, David Friederich, ist als Stepptänzer Solist von Morton Goulds „Tap Dance Concerto“.Michael Braunschädel
Dann die Überraschung, als der Percussionist des Orchesters, David Friederich als Solist in Morton Goulds „Tap Dance Concerto“ von 1952 loslegt: Seit er fünf Jahre alt ist, steppt er. Und wenn er drei Sätze lang unermüdlich seine Füße als Orchesterinstrument einsetzt, ahnt man, warum er Percussionist geworden ist. Die nötigen Informationen über all die Mehrfachbegabungen liefert Aileen Schneider, die selbst nicht nur moderiert, sondern sich auch als Regieassistentin von der Oper verabschiedete mit ihrer Inszenierung der „Melusine“.
Sie ist außerdem Spoken-Word-Poetin und setzt ihre Kunst gewinnbringend ein. Mit einem Prosagedicht holte sie die verstörende Gegenwart in Ernst Fischers schlagerbeschwingte Orchestersuite „Südlich der Alpen“ (1936). Anders ertrüge man all das süßliche Schmalz dieses einst als „Gottbegnadeter“ der Nazis geführten Komponisten kaum.
Wiederum das schmelzend Laszive treibt Guggeis als Dirigent und Solist der „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin aus, zugunsten von großer Dynamik, Tempowechseln und einem Witz, als laufe eine Marching Band quer durch das Orchester. Dann schlägt die Stunde des Publikums: Es tanzen Väter mit flügge werdenden Töchtern, Freundinnen miteinander und Großmütter mit noch jungen Enkelkindern. Dazwischen hat eine Gruppe versierter Hobbytänzer sich in Zwanzigerjahre-Look geworfen wie Tanzlehrerin Giuseppina Galloro, die vor dem Start in den zweiten Teil noch rasch einen Crashkurs in One-Step und später in Charleston gibt.
Generalmusikdirektor Thomas Guggeis brilliert als Orchesterleiter, Pianist einer Jazzband und Solist der „Rhapsody in Blue“ von Gershwin.Michael Braunschädel
So sind alle gut gerüstet, wenn Sopranistin Elizabeth Reiter und Bariton Sebastian Geyer hinreißende Schlager singen und Fox und langsamer Walzer getanzt wird.
Nur als Reiter betörend mit Kurt Weills „Youkali“ Gänsehaut erregt, bleibt die Tanzfläche leer – man ist viel zu sehr mit Lauschen beschäftigt. Eine Mischung aus süßer Melancholie und Sommerschwung, Tanz und Konzert, wie man sie sehr gern öfter erleben würde.