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Üben für den Ernstfall: „Baltic Mine Countermeasures Squadron Exercise“ war ein kürzlich durchgeführtes Natoländer-übergreifendes Manöver mit dem Ziel, die Zusammenarbeit im Ostseeraum weiter zu verbessern – und der Gefahr von Minen entgegenzuwirken. © IMAGO/Maurizio Gambarini
Schattenflotte, Raketenkorvetten, U-Boote – künftig auch Minen? Nato entdeckt ihre alten Tugenden wieder und rückt Russland unter Wasser auf den Pelz.
London – „Russlands Marine ist ,die Beste unter Wasser‘“, schrieb Ellie Cook Anfang 2023. Als der Ukraine-Krieg bereits mehr als ein Jahr alt war, schaute das Magazin Newsweek auf und unter die Wasseroberfläche, um zu ergründen, was Wladimir Putins Invasionstruppen noch zu bieten hätten – als das Desaster am Boden und in der Luft gerade seinen Anfang nahm. Jetzt streckt die Nato ihre Fühler erstmals ernsthaft nach russischen U-Booten aus, besonders nach deren unliebsamen Hinterlassenschaften; die Briten machen den Anfang – der Jagd.
Die Royal Navy habe unbemannte Schiffe gekauft, um sich zu schützen vor russischen U-Booten, die die kritische nationale Infrastruktur Großbritanniens bedrohen, schreibt aktuell der Telegraph. Aber auch über Wasser fängt Russland an, den Briten auf der Nase herumzutanzen: Die Briten kennen beispielsweise aus dem Effeff die Raketenkorvette Boykiy, wie die BBC berichtet hat: Die Korvette sei eines von mehreren russischen Schiffen, die in den letzten Monaten in der Nähe der britischen Küste verfolgt worden seien, wie der Sender bereits Ende März gemeldet hatte. Jetzt sei auch das russische U-Boot Novorossiysk vor der britischen Küste gesichtet worden, berichtet Focus Online.
Nato rüstet auf: Sweep verdeutlicht, dass Großbritannien als Teil der Nato jetzt besser gewappnet ist
Jetzt wollen die Briten endgültig Klar Schiff machen vor ihrer Haustür: Zum ersten Mal seit 20 Jahren würde wieder ein Minensuchgerät eingesetzt, um der zunehmenden Bedrohung wichtiger Infrastrukturen entgegenzuwirken, berichtet der Telegraph. Die Royal Navy will damit unter Wasser die Herrschaftsverhältnisse wieder gerade rücken. „Das neue Sweep-System der Marine nutzt eine Technologie, die hochentwickelte, moderne digitale Seeminen entschärfen kann, die in der Nähe vorbeifahrende Schiffe und U-Boote erkennen und angreifen können“, schreibt Telegraph-Autorin Danielle Sheridan. Laut dem Uk Defence Journal könnten die Plattformen der Sprengladungen Schiffssignale nachahmen und die Seeminen dadurch zur Explosion bringen.
„Nach spektakulären Unfällen, darunter der Verlust des Schwarzmeer-Flaggschiffs Mosvka im April 2022 und der Tatsache, dass Russlands einziger Flugzeugträger regelmäßig Feuer fängt , gelten viele der russischen Überwasserschiffe – mit Ausnahme einiger neuerer, kleinerer Schiffe – weitgehend als nicht mehr auf der Höhe der Zeit.“
Die Briten sowie die Nato haben definitiv Angst vor einem Konflikt mit Russland, der als hybrid bezeichnet wird; den Victor Duenow aber bereits kurz nach der Invasion der Ukraine durch Russland als „Grauzonenkrieg“ hat heraufziehen sehen – und der nicht zuletzt durch Russlands Schattenflotte an Gestalt annimmt. Die nordatlantische Verteidigungsallianz befürchtet die Verminung mindestens der Ostsee oder anderer Wasserstraßen, die strategische Bedeutung für den Westen haben. Die ständige Präsenz von Über- und Unterwasserschiffen Russlands an der Schwelle zum Westen gelten dem Autoren des Thinktanks Foreign Policy Research Institute (FPRI) als Menetekel.
Das Sweep-System besteht aus einer Art unbemanntem Motorboot, an dem in etlicher Entfernung an Flöße erinnernde Anhänger vertäut sind, dahinter wiederum wird eine Art Boje gezogen. Die „Anhänger“ seien „hochentwickelte“ Nutzlasten zur schnellen Detonation von Minen“, die gesamte Einheit würde von „Bedienern in Kommandozentralen auf See oder an Land ferngesteuert“, schreibt Telegraph-Autorin Sheridan. Laut dem UK Defence Journal hat die Royal Navy drei Systeme erhalten. Sweep verdeutlicht, dass Großbritannien als Teil der Nato jetzt besser gewappnet ist gegen russische Aktivitäten auf einem Niveau, „unterhalb dessen die Nato zu einem Eingreifen bereit war, was es Russland ermöglichte, seinen Einsatz von Grauzonenmacht in ganz Europa fortzusetzen“, wie der ehemalige U.S. Navy Commander Duenow geschrieben hat.
Ukraine-Krieg schwappt über: Wiedergeburt der Minenkriegsführung in der Ostsee
Mit Russland wird auf und unter dem Wasser zu rechnen sein: „Der Einsatz von Minen als Form der Grauzonenkriegsführung steht im Einklang mit anderen russischen Initiativen. Indem Russland den Mineneinsatz hinter einer Desinformationskampagne und der Notwendigkeit, die baltische Energieversorgung zu schützen, verschleiert, könnte es eine rechtliche Rechtfertigung für den Mineneinsatz liefern, was zu einer begrenzten oder vernachlässigbaren Reaktion der Nato führen würde“, schreibt er. Insofern rechnet die Nato bereits mit einer Verminung von Wasserstraßen, beispielsweise in der Ostsee.
Von einer Wiedergeburt der Minenkriegsführung in der Ostsee hat bereits Anfang 2024 Ott Laanemets im Organ des U.S. Naval Institutes gewarnt. Da war gerade Schweden als jüngstes Mitglieder der Nato beigetreten und hatte die Ostsee damit vollends zum Nato-Meer gemacht; prinzipiell die zweite harte Gerade auf die Nase von Wladimir Putin, der bereits die Finnen aus ihrer mehr als 80 Jahre währenden militärischen Neutralität getrieben und damit die Landesgrenze Russlands zur Nato um fast 1.500 Kilometer verlängert hatte. „Seeminen sind noch immer die zentrale Waffe in der Ostsee, doch ein Großteil des institutionellen Wissens der Nato ist verloren gegangen“, schrieb der estnische Marinekommandant Laanemets.
Ihm zufolge sei Minenlegen sowie Räumen im Kalten Krieg eine der Königsdisziplinen der Nato gewesen und im Rahmen der Friedensdividende als erste Kompetenz über Bord gegangen – was die Nato-Streitkräfte jetzt wieder einholt: „Der Charakter des Minenkriegs in der Ostsee hat sich nicht geändert, ist aber in Vergessenheit geraten. Seeminen sind nach wie vor die zentrale Waffe, und der Minenkrieg muss Teil der maritimen und gemeinsamen Kriegsführung sein“; schreibt Laanemets.
Putin will übers Wasser: Skandinaviern wachsen die Ihnen zugedachten Aufgaben gerade über den Kopf
André Uzulis urteilt, Moskau versuche seine verschlechterte strategische Position durch zunehmende Aggressivität auszugleichen, wie er im Bundeswehr-Reservistenmagazin loyal ausbreitet. Die Ostsee bildet inzwischen die Nahtstelle zwischen einer deutlich verstärkten Nato sowie eines Russlands unter Putins Herrschaft, der durch die Verstärkung der Verteidigungs-Allianz durch Schweden und Finnland die erste krachende strategische Niederlage im Zuge des Ukraine-Krieges hat erleiden müssen. „Die Ostsee wirkt bereits seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2014 wie ein Brennglas der angespannten Beziehungen zwischen der Nato und der Russischen Föderation“, zitiert loyal den Politikwissenschaftler Julian Pawlak vom Bundeswehr-Thinktank GIDS in Hamburg. Ähnlich gefährlich ist das Aufeinandertreffen im Ärmelkanal.
Großbritannien schickt sich also an, im Ärmelkanal wieder eine ernstzunehmende Seeminen-Macht zu werden. In der Ostsee ruhen die Hoffnung der Nato auf die Kapazitäten der Schweden. Allerdings wachsen den Skandinaviern den Ihnen zugedachten Aufgaben auch gerade über den Kopf, wie der in den USA ansässige Thinktank Center for Maritime Strategy klar stellt – viele Bereiche der schwedischen Marine benötigten zusätzliche Streitkräfte: „Die derzeit vier U-Boote, zehn Korvetten/größere Patrouillenschiffe und weitere kleinere Schiffe sowie die derzeit zwei Marineregimenter reichen nicht aus, um den neuen, geplanten Nato-Bedarf zu decken“, schreibt der Analyst Steven Wills.
Putins nächste Provokation: Jetzt auch noch eine kommende Bedrohung durch Unterwasser-Sprengkörper
Laut Victor Duenow hat ein künftiger Minenkrieg eine geringe Priorität für die Nato. Der FPRI-Autor geht aber davon aus, dass Russland zu diesem Thema anders denkt. Ihm zufolge horte Russland mit geschätzten 250.000 Seeminen den größten Bestand aller Länder und würde kaum zögern, den auch einzusetzen, wenn dessen Interessen in der Ostsee als gefährdet gelten würden: Schattenflotte, Sabotage an Untersee-Infrastruktur und jetzt auch noch eine kommende Bedrohung durch Unterwasser-Sprengkörper. Die Nato bekommt die nächste Hausaufgabe auf ihre ohnehin schon lange To-Do-Liste.
Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des BündnissesFotostrecke ansehen
Allerdings gilt Russlands Marine insgesamt als waidwund und wird um so verbissener mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln kämpfen; möglicherweise vor allem „unter der Gürtellinie“ – wie Newsweek-Autorin Ellie Cook aus der verkümmerten Überwasser-Marine ableitet:
„Nach spektakulären Unfällen, darunter der Verlust des Schwarzmeer-Flaggschiffs Mosvka im April 2022 und der Tatsache, dass Russlands einziger Flugzeugträger regelmäßig Feuer fängt, gelten viele der russischen Überwasserschiffe – mit Ausnahme einiger neuerer, kleinerer Schiffe – weitgehend als nicht mehr auf der Höhe der Zeit.“