Wabernde Tiefen durchdringen die laue Sommernacht. Dann wieder quietschende Höhen. Humoristische Passagen wechseln sich mit melancholischen, fast schwermütigen Melodien ab. Eine Posaune ist zu hören. Untermalt von Vogelstimmen, Kinderlachen und Wasser. Der Wind weht Kirchenglocken herüber. Genau diese Atmosphäre hat Albert Mangelsdorff (1928 bis 2005) bis zu seinem Tod an seinen Geburtsort Praunheim, einem Stadtteil von Frankfurt, gebunden. Folgerichtig hat nun das erste Konzert der Reihe „playing_albert“, welche die Stadt mit Partnern im Gedenken an Mangelsdorffs 20. Todestag veranstaltet, dort stattgefunden.

„Schon im vergangenen Jahr war uns klar, dass wir eine Veranstaltungsreihe diesen Sommer zu Mangelsdorff machen wollen. Unser Fokus lag dabei auf seinen Anfängen hier in Praunheim,“ sagt Gabriele Bloem, Vorsitzende und Gründungsmitglied des Vereins Kunstwerk Praunheim. „Im Geist Mangelsdorff wollten wir junge Leute einladen, die Musik auch als Aufbruch verstehen.“

Da kam die Initiative der Stadt gut dazu: Umso glücklicher sei der Verein über die Unterstützung der Stadt mit 9000 Euro, Geld, das zu 100 Prozent in die Gagen der Künstler gehe, so Bloem. Zusammen mit Jonathan Strieder, Musiker und Leiter der ZDF-Bigband, entwickelten die Vereinsmitglieder ein hochkarätiges Programm. Schnell war klar, wer das Eröffnungskonzert spielen soll: „Nils Wogram ist derjenige, der das Niveau, das Albert Mangelsdorff auf der Posaune gespielt hat, abbildet“, schwärmt Bloem.

Kunst und Stadtteilleben eng miteinander verbunden

Organisiert hat der Verein Kunstwerk Praunheim nun gleich eine vierteilige Konzertreihe, die im Rahmen des städtischen Festivals an den Praunheimer erinnern soll. Schon zum Auftakt treffen so ein besonderer Ort und besondere Musik aufeinander. Der Garten der Wohnanlage der Praunheimer Werkstätten ist eine kleine Insel, inmitten eines Seitenarms der Nidda. Über eine schmale Brücke erreichen die Zuhörer eine große Wiese, zur Hälfte gemäht und von Bäumen umgeben. Die Bänke reichen bei Weitem nicht für den Besucherandrang an diesem Abend.

Gerechnet hatte der Verein mit rund 100 Gästen – am Ende sind es rund dreimal so viele. Stühle werden geholt, Picknickdecken ausgepackt und einige Zuhörer begnügen sich mit Stehplätzen. Unter den Gästen auch ehemalige Nachbarn, Freunde und Weggefährten wie Oliver Bergner, Tonmeister, der mit Mangelsdorff noch an seinem letzten Album gearbeitet hat. Alle sind gekommen, um Nils Wogram zu lauschen. Der Posaunist nennt Mangelsdorff eines seiner wichtigen musikalischen Vorbilder und ist deshalb gerne der Einladung gefolgt.

Und so spielt Wogram, einer der führenden europäischen Jazzposaunisten, Stücke wie „Blues of a cellar lark“, vom 1977 veröffentlichen Album „Drumbirds“. Doch nicht nur musikalisch war Mangelsdorff ein Vorbild für Wogram. „Albert“ habe ihn auch als Person, als Wesen, seine Art zu spielen und durch seine Geschichte beeinflusst. Daher spielt er auch das Mangelsdorff gewidmete Stück „A humble man“. Obwohl er als Blechbläser mit dem rasch davongetragenen Ton kämpfen muss, ist Wogram beeindruckt: „Es ist ein bezaubernder Ort.“

Für den Erhalt der denkmalgeschützten Praunheimer Werkstätten setzt sich der Verein Kunstwerk Praunheim, gegründet 2011, ein. Die Zukunft des Backsteinbaus war nach dem Wegzug der Behindertenwerkstätten zunächst ungewiss. Der Verein rund um Vorsitzende und Gründungsmitglied Bloem möchte die Nutzung als Ateliergebäude für Künstler sichern und Kunst fördern. Bestehend aus 20 aktiven Mitgliedern, organisiert der Verein Veranstaltungen, nicht nur in dem denkmalgeschützten Gebäude.

Neben den Arbeitsräumen dient der Gebäudekomplex seit 2015 auch als Flüchtlingsunterkunft. Bloem sagt: „Uns ist es auch gerade wichtig, mit den Geflüchteten gemeinsam Kunst zu erleben.“ Deshalb wird das letzte Konzert der Reihe dort stattfinden – in dem Gebäude, das den Anstoß zur Vereinsgründung gab. Dort ist mittlerweile auch ein Jugendzentrum entstanden. „Die Idee leben wir weiter, dass Kunst und Stadtteilleben ganz eng miteinander verbunden ist“, so Bloem. „Weil wir glauben, dass ein Mehrwert entsteht.“

Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit den Bewohnern der Wohnanlage Praunheimer Werkstätten, die an dem Abend auch gespannt der Musik folgen. In fünf Wohngruppen leben 46 Menschen mit Behinderung, die sich durch künstlerisches Schaffen ausdrücken. So kombiniert der Verein Kunstwerk oft Musik mit bildender Kunst. Während des ersten Konzerts konnten die Gäste Kunstwerke der Bewohner erwerben. Manche waren schon zur Pause vergeben.

Nächstes Konzert am 30. August in der Brotfabrik, am 7. September im Skulpturengarten von Marita Kraus, der Eintritt ist frei. Informationen unter kunstwerkpraunheim.de