Das System der ambulanten medizinischen Versorgung in Berlin fährt vor die Wand. Davor hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) jetzt gewarnt. Das System habe 30 Jahre lang funktioniert, sagte Vorstandsvorsitzender Burkhard Ruppert am Mittwoch. Doch: „Wir beobachten inzwischen die Entwicklung mit großer Sorge.“

Es gibt tiefgreifende Probleme, mit denen niedergelassene Ärzte in der Hauptstadt konfrontiert sind. Zu spüren bekommen das ihre Patienten, die Berliner. Etwa wenn sie einen Termin bei einem Facharzt benötigen oder auf der Suche nach einer Hausarztpraxis sind, die sie aufnimmt. Dabei besteht den Daten der KV zufolge keine Unterversorgung. „Die Zahlen bewegen sich noch in einem sehr komfortablen Bereich“, sagt Ruppert.

Die erlebte Wirklichkeit sieht vor allem in den Außenbezirken anders aus. In Marzahn-Hellersdorf etwa beträgt der Versorgungsgrad bei Hausärzten gerade einmal knapp 80 Prozent. Treptow-Köpenick erreicht bei den Hals-Nasen-Ohren-Ärzten gerade einmal 77,7 Prozent. 74,4 Prozent sind es bei den Hautärzten in Lichtenberg. Andere Bezirke sind dagegen reich mit Fachärzten gesegnet, insbesondere in der Innenstadt.

Ärzte, erklärt Christiane Wessel, stellvertretende KV-Vorsitzende, „möchten möglichst da arbeiten, wo sie wohnen“. Eine wichtige Rolle spiele daher, wie gut Stadtviertel zu erreichen seien. In manchen Bezirken gebe es zudem sprachliche und kulturelle Barrieren, erläutert die Fachärztin für Frauenheilkunde, die in Mitte und Kreuzberg jeweils eine Praxis betreibt.

Wessel beschäftigt angestellte Ärzte. Eine Form von Arbeitsverhältnis, die sich vor allem unter jungen Medizinern im ambulanten Bereich immer größerer Beliebtheit erfreut. Waren 2018 lediglich 18 Prozent angestellt, macht diese Gruppe inzwischen 29 Prozent aus. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben gewinnt zunehmend an Bedeutung. Das schlägt sich auch in der Teilzeitquote nieder. Während 54 Prozent in Vollzeit arbeiten, haben 34 Prozent ihr Arbeitspensum auf die Hälfte reduziert.

Zwar sind in Berlin nach Aussage des KV-Vorstands so viele niedergelassene Mediziner tätig wie noch nie, nämlich insgesamt 10.747 Ärzte und Psychotherapeuten. Doch gleichzeitig wächst die Stadt, insbesondere an ihren Rändern. Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg haben in den vergangenen fünf Jahren die meisten Bewohner hinzugewonnen, zwischen gut sieben und knapp neun Prozent. Für Pankow sagen Prognosen bis 2040 ein Wachstum von elf Prozent voraus.

Doch wie verhält es sich nun mit der Terminknappheit? Für die KV Berlin ergibt sich ein paradoxes Bild. Denn: „Wir haben nicht zu wenige Termine“, sagt Vorstand Ruppert. Seine Vereinigung vermittelt über die Telefonnummer 116 117 Arzt-Patienten-Kontakte. Von ungefähr 20.000 monatlich gemeldeten Hausarztterminen zum Beispiel würden weniger als die Hälfte nachgefragt, sagt Ruppert. In anderen Fachrichtungen verhalte es sich ähnlich. Engpässe gibt es in Berlin allerdings nach Erkenntnissen der KV bei Hautärzten, Augenärzten, spezialisierten Internisten sowie Psychotherapeuten.

HNO-Ärztin in Charlottenburg: Viele Patienten sagen Termine nicht ab

Zum Arbeitsalltag vieler Ärzte scheinen diese Zahlen nicht zu passen. Kerstin Zeise hat eine HNO-Praxis in Charlottenburg. Zu den Akutsprechstunden, sagt sie, kämen so viele Patienten, dass sich im Treppenhaus eine Warteschlange bilde.

Zeise fürchtet, dass sich die Lage weiter zuspitzt, denn in absehbarer Zeit gehen Hunderte niedergelassene Ärzte in den Ruhestand. Allein 30 Prozent der Hausärzte fehlen dann für die Versorgung. Und das bei einer überbordenden Bürokratie, die Mediziner von ihren Patienten fernhält. „Jede Regierung spricht von Entbürokratisierung, aber jedes Mal kommt mehr Bürokratie hinzu“, sagt Zeise. Ihre Kollegin Wessel würde sich Entlastung durch Digitalisierung wünschen. Eine Digitalisierung, die funktioniert. „Die ePA könnte uns zum Beispiel sehr helfen, aber sie ist technisch nicht ausgereift.“

Wessel, Zeise und Ruppert macht noch ein weiteres Problem zu schaffen. Es hat mit der Mentalität der Patienten zu tun, wie sie sagen. Viele würden parallel Termine bei verschiedenen Praxen buchen, den ersten freien nehmen, die anderen jedoch nicht absagen. „Wir können die freien Termine dann kurzfristig nicht mehr besetzen“, sagt Kerstin Zeise.

Fast noch schlimmer findet die HNO-Ärztin, dass viele Berliner in Fragen der Gesundheit schlecht informiert seien. Beschwerden, die sie als behandlungswürdig ansehen, sind es am Ende gar nicht. Dennoch bevölkern die Menschen die Wartezimmer der Hauptstadt. Zu Zeise kommen immer wieder Patienten, die zuvor bereits drei andere HNO-Praxen aufgesucht haben und nun von ihr eine Diagnose haben wollen.

Vielleicht ist es der Andrang, vielleicht ein gewisses Anspruchsdenken der Krankenversicherten – Frauenärztin Wessel jedenfalls beobachtet eine zunehmende Aggression unter den Patientinnen. Das belaste das Personal der Berliner Praxen, vor allem die Medizinischen Fachangestellten (MFA). Das führe zu einer Flucht aus dem Beruf, der ohnehin mit chronischem Mangel an Fachkräften zu kämpfen hat.

Berlins KV-Chef Ruppert beklagt einen Kardinalfehler: „Das Gesundheitssystem läuft komplett ungesteuert.“ Das müsse dringend geändert werden. Eine zentrale Steuerung sei nötig, so wie es die KV für ihren Bereich über die Telefonnummer 116 117 anstrebt. Die Bundesregierung will den Besuch beim Primärarzt verpflichtend einführen, der den Behandlungsweg festlegt. Wie das jedoch mit der momentanen Vergütung gehen soll, kann sich Ruppert nicht vorstellen.

Es gibt Budgetgrenzen für Praxen, eingeführt, als die Zahl der Ärzte den Bedarf übertraf, vor 30 Jahren. Für Hausärzte sollen sie abgeschafft werden. Ob es wirklich so weit kommt, ist offen. Für Fachärzte bleiben die Grenzen ohnehin bestehen. Durchschnittlich bekommen sie nur 85 Prozent ihrer Leistungen bezahlt, sagt Ruppert. „Die Budgetierung muss abgeschafft werden.“ Was wäre der nächste Schritt? „Wir brauchen eine völlig neue Bedarfsplanung.“ Ruppert fordert: „Wir brauchen politische Ehrlichkeit.“