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Ein gequält dreinschauender russischer Fahrer eines T-72-PanzersHauptdarsteller eines „Horrorfilms“? Russische Panzerbesatzungen quälen sich durch einen Krieg, der ihnen entweder ständig den Tod vor Augen führt oder sie in aberwitzige Gefährte pfercht und immer aufs Neue an die Front scheucht. © IMAGO/Alexander Galperin



Jetzt muss Russland auch noch Truppentransporter improvisieren – ein fürchterlicher Zustand; und dem Sieg kommen die Soldaten dadurch auch kaum näher.

Moskau – „In der Not frisst der Teufel auch Fliegen“, hat Rybar geschrieben. Den russischen Blogger zitiert aktuell ntv. Der Sender berichtet über eine alte Geschichte des Ukraine-Krieges: die der Schildkrötenpanzer, in die Wladimir Putin bisher seine Kampfpanzer verwandelt und zu schützen versucht hat. Meist vergeblich. Dennoch scheint Russland nicht nur an seiner Taktik festzuhalten, sondern die auch noch auszubauen und einen neuen Frankenstein-Koloss an die Front rasseln zu lassen: „Solche Modelle sind das Ergebnis eines seit Langem bekannten Problems“, seufzt Rybar weiter.

Der russische Blogger beklagt den Mangel an Transportmitteln für Infanterie-Vorstöße. Russlands neuem Schildkrötenpanzer fehlt deshalb auch das Geschützrohr. Thomas Newdick erkennt in der kürzlich in einem Video auf TV Zvezda, des offiziellen Fernsehsenders des russischen Verteidigungsministeriums, gezeigten Karosse einen unbrauchbaren T-62-Kampfpanzer, der umgebaut worden sein soll zu einem Schützenpanzer. Zusätzliche soll das Gefährt eine Stahlummantelung zum Schutz vor Drohnen bekommen haben, wie der Autor des Magazins The War Zone (TWZ) erläutert. „Der Propaganda-Blog RVvoenkor sprach etwa von einem Panzer ,wie aus einem Horrorfilm‘“, schreibt ntv-Autor Janis Peitsch.

Putins letztes Aufgebot: Ein „Stück Schuppen“ zum Transport für Truppen

Bereits im April hatte das britische Boulevard-Blatt Sun von einem „Stück Schuppen“ geschrieben, also einem Panzer, der tatsächlich quaderförmig gebaut war und so etwas wie einen Schornstein auf dem mit Stahlplatten belegten Dach hatte. Auch der war erst bekannt geworden durch ein Drohnenvideo, das zeigte, wie Granaten auf dem Dach explodierten – bis das Gefährt in vollem Umfang in Flammen aufgegangen war – Russlands „bisher seltsamster Kampfpanzer“, wie Sun-Autor Sayan Bose, geschrieben hat.

„Die Russen müssten schon ziemlich verzweifelt sein, um in dem 46 Tonnen schweren Rosthaufen, der einst ein funktionsfähiger T-72 Ural war, etwas zu sehen, wofür es sich lohnt, Zeit und Geld auszugeben“

„Der Erzähler erklärt, dass die ursprüngliche 115-mm-Hauptkanone des T-62 ,nicht mehr zu reparieren war, das Fahrgestell jedoch in gutem Zustand war. Der Turm wurde abgetrennt und Stahlbleche angeschweißt. Jetzt kann dieses Kampffahrzeug zum Transport von Infanterie eingesetzt werden‘.“ , wie Thomas Newdick in TWZ schreibt. Aufgrund von Angaben des Generalstabs der Ukraine wollen die Verteidiger im Jahr 2024 mehr als 3.000 russische Panzer und nahezu 9.000 gepanzerte Fahrzeuge zerstört haben. Über die Fähigkeiten Russlands, diese Verluste zu kompensieren, liegen keine Informationen vor: „Die aktuellen Produktionsraten Russlands bei Panzern und Fahrzeugen deuten darauf hin, dass solche Verluste auf lange Sicht wahrscheinlich unerschwinglich sein werden, insbesondere da das Land weiterhin auf seine Bestände aus der Sowjetzeit zurückgreift“, schreiben die Analysten des Thinktanks Institute for the Study of War (ISW).

Der aus der Not geborene Schützenpanzer wirke tatsächlich wie mit heißer Nadel gestrickt, legt TWZ-Autor Newdick nahe. Was unter der quaderförmigen Abdeckung des Panzers verborgen bleibt, ist der fehlende Platz für Infanteristen – wodurch sich eben ein Schützen- von einem Kampfpanzer unterscheidet. Newdick vermutet, dass aufgrund dessen zum Transport vorgesehene Schützen auf dem Rumpf, beziehungsweise Dach mitfahren müssten – in der Tat ist das durchaus russische Vorgehensweise, wie beispielsweise auch aus alten Kriegsfilmen über den Zweiten Weltkrieg bekannt ist. Das ermöglicht den Infanteristen sowohl schnelles Vorankommen als auch ebenso schnelles Auf- und Absitzen. Und schützt vor Feuer von unten: durch Minen.

Ukraine-Soldaten schockiert: Von einem erbeuteten Schildkrötenpanzer als von einem „Viehstall“ gesprochen

Aber inzwischen kommt das Feuer eher von oben: durch Drohnen. Und denen wären die Infanteristen gnadenlos ausgeliefert. Wie Howard Altman schreibt, werden die „Cope Cages“, also die Schutzgitter gegen Drohnen aus dem Stadium der Improvisation heraustreten und zumindest für die US-Armee eine Lösung für die nähere Zukunft darstellen. „Derzeit gibt es weltweit keinen Panzer, einschließlich des M1 Abrams, der über den effektiven passiven Panzerschutz verfügt, der erforderlich ist, um moderne Angriffsbedrohungen von oben abzuwehren“, zitiert The War Zone den pensionierten Major Michael Liscano Jr..

Wie das Magazin verdeutlicht, sollen die neuen Drohnenabwehr-Käfige kaum mit den in der Ukraine verwendeten Behelfs-Lösungen vergleichbar sein, aber das Prinzip ist das gleiche. Russlands aktuelle Überbauten lassen die darunter liegenden Fahrzeuge enorm aufgebläht erscheinen. Der österreichische Standard hat im vergangenen Jahr berichtet, dass die Fahrzeuge auch unter der stählernen Haut furchteinflößend sein sollen. Laut dem Standard hätte die Ukraine von einem erbeuteten Schildkrötenpanzer als von einem „Viehstall“ gesprochen: Eine russische Einheit, die sich der Ukraine ergeben hatte, ließ darauf schließen, dass die russischen Soldaten nicht nur aufgesessen auf dem Fahrzeug transportiert worden seien, sondern dass die Infanteristen dort auch eine gewisse Zeit gewohnt hatten.

„Jedenfalls fanden sich auf dem Panzer improvisierte Schlafstellen, Proviant, Wasser und persönliche Gegenstände der russischen Soldaten. Die Bedingungen dürften erschreckend gewesen sein“, so Standard-Autor Peter Zellinger. Der Schildkrötenpanzer beziehungsweise Schildkröten-Schützenpanzer bleibt damit eine Notlösung in einem Krieg, der feststeckt in einem gegenseitigen Neutralisieren der jeweils neuen Technik. Wurde der Panzer durch Drohnen zunächst außer Gefecht gesetzt, kämpft er sich aktuell wieder an seine einstige Paraderolle heran. „Obwohl der Schildkrötenpanzer eine nützliche Demonstration verschiedener Fähigkeiten zur Unterstützung offensiver Operationen darstellt, stellt er selbst wahrscheinlich eine evolutionäre Sackgasse dar“, schreibt Mick Ryan.

Ukraine-Krieg: „Temporäre Gefechtsfeldfähigkeit“der Impro-Panzer in einem „Anpassungskampf“

Auf seinem Militärtechnik-Blog Futura Doctrina entwickelt der pensionierte Generalmajor der australischen Armee die These von einer „temporären Gefechtsfeldfähigkeit“, wie er die Waffe nennt. Im Prinzip ist sie nicht zu gebrauchen, was auch beide Seiten wissen; den Russen fehlt zwar die richtige Lösung, aber sie kämpfen mit der Herausforderung, ihre Truppen inzwischen kaum noch nahe genug an den Feind heranzukommen. Deshalb versuchen sie mittels der Schildkrötenpanzer eine Lösung zu erzwingen und nutzen, was zur Verfügung steht.

Ihm zufolge würde also der von ihm so genannte „Anpassungskampf“ so lange weiter gehen, wie der Ukraine-Krieg dauere. Allerdings läutet der Schildkrötenpanzer vermutlich auch das Ende des klassischen Panzers an, wenn schon Durchbrüche mit „klassisch“ geschützten Panzern der Vergangenheit angehörten. Mick Ryan geht davon aus, dass einerseits neue elektronische Stör- und Abwehrmaßnahmen gegen Drohnen auch von Panzern aus entwickelt würden – quasi elektronische Schutzschilde. Andererseits rechnet er damit, dass Durchbrüche durch Minenfelder oder sonstige Panzersperren zunehmend durch „Unmanned Ground Vehicles“ übernommen würden, also durch Bodenroboter. Möglicherweise würden sich dann auch vorrückende Infanteristen zusehends hinter Roboter-Kampfwagen verschanzen.

Putins Truppen stolz auf ihren Schrott: „Wir haben schon viel geschafft, danke euch“ 

Der Trend zur Nutzung ungewöhnlicher, weil vermeintlich „unmilitärischer“ Transportmittel besteht im Ukraine-Krieg schon länger. Vielleicht aus Überzeugung, sicher aber aufgrund der Notwendigkeit. Wie der Sender RBC Ukraine aktuell berichtet, habe Russland seit Kriegsbeginn vor fast drei Jahren mindestens 20.000 gepanzerte oder leicht gepanzerte Fahrzeuge verloren. Je älter der Krieg, desto innovativer würden also auch die Fahrzeuge und Taktiken werden; verschiedene Modelle werden dafür herangezogen, T-62 genauso wie T-72 oder sogar T-80. „Die Russen müssten schon ziemlich verzweifelt sein, um in dem 46 Tonnen schweren Rosthaufen, der einst ein funktionsfähiger T-72 Ural war, etwas zu sehen, wofür es sich lohnt, Zeit und Geld auszugeben“, hatte David Axe im Magazin Forbes über Umbauten geschrieben.

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Offenbar sind die Schildkrötenpanzer auch abseits der militärischen Budgets durch gespendetes Geld finanziert, wie der österreichische Standard berichtet hat. Russen sollen sich über Kanäle der Sozialen Medien schon für die Spenden bedankt haben und froh sein, dass sie überhaupt mit einem einigermaßen brauchbaren Schutz ins Feld ziehen können. „Eine der Spendenaktionen war erfolgreich, und dank Spenden von russischen Bürgerinnen und Bürgern konnten zusätzliche Ketten gekauft werden, die von der Decke der Konstruktion hängend ukrainische Drohnen abwehren sollen“, zitiert Standard-Autor Peter Zellinger einen Soldaten, der sich an die Spender wendet: „Wir haben schon viel geschafft, danke euch.“