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Großbritanniens Sicherheitsexperten fordern einen Kurswechsel: Das Risiko eines Russland-Krieges wächst. Europa rüstet zur Abschreckung auf.
London – General Sir Patrick Sanders, bis 2024 Oberbefehlshaber des britischen Heeres, warnt eindringlich davor, dass Großbritannien spätestens bis zum Jahr 2030 auf einen möglichen Krieg mit Russland vorbereitet sein muss. In einem nun veröffentlichten Gespräch betont Sanders: „Ein Konflikt mit Russland ist eine realistische Möglichkeit.“
Bedrohung durch Putin: Britischer General warnt vor Russland-Krieg bis 2030
Um auf die Bedrohung durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu reagieren, brauche es endlich konkrete Vorsorgemaßnahmen wie Luftschutzbunker, eine modernisierte Luftverteidigung und eine aufgeklärte Bevölkerung. „Ich weiß nicht, was wir noch für Signale brauchen, damit die Regierung jetzt die nötigen Schritte einleitet, um unsere Resilienz zu steigern“, so Sanders gegenüber The Telegraph.
Besonders nach einem möglichen Ende der Kämpfe im Ukraine-Krieg könne Russland sehr schnell wieder Angriffsressourcen an der Nato-Grenze bündeln: „Wenn Russland aufhört, in der Ukraine zu kämpfen, wird es innerhalb von Monaten in der Lage sein, einen begrenzten Angriff auf ein Nato-Mitglied zu führen, das wir unterstützen müssten – und das kann bis 2030 passieren.“
Putins Parade in Moskau: Russland feiert „Tag des Sieges“ mit gigantischer MilitärparadeFotostrecke ansehenMangelnde Schutzmaßnahmen gegen Putins Russland – Sanders fordert britische Luftschutzbunker
Sanders, der kürzlich erst vor einem Nato-Zweifrontenkrieg gegen Russland und China gewarnt hatte, kritisiert, dass es in Großbritannien keine umfassenden Schutzbunker oder Notfallstrukturen gibt – ausgerechnet in einer Zeit, in der andere Länder wie Finnland Millionen Menschen solche Zufluchtsorte bieten. „Finnland hat Bombenschutzräume für 4,5 Millionen Menschen. Sie können als Gesellschaft unter Raketen- und Luftangriffen überleben. Wir haben das nicht“, so Sanders weiter.
In Gesprächen mit der Regierung sei der Ausbau des Zivilschutzes bisher immer an den Kosten und am fehlenden Bedrohungsbewusstsein gescheitert: „Es kam immer auf das Argument zurück, es sei zu teuer und keine dringende Priorität.“ Sanders mahnt, die britische Bevölkerung müsse, wie in Polen oder den baltischen Staaten, mit konkreten Notfallplänen und Anleitungen ausgestattet werden – etwa zum Vorrat von Lebensmitteln, zur Nutzung von Bunkern oder zum freiwilligen Zivilschutz.
General Sir Patrick Sanders (linkes Foto, rechte Person in der Mitte), hier bei der Sovereigns Parade in Sandhurst 2024, warnt eindringlich vor einer russischen Angriffsdrohung gegen Europa bis 2030. Russlands Präsident Wladimir Putin und seine aggressive Politik stehen im Zentrum der aktuellen Warnungen westlicher Militärs und Geheimdienste. © Foto links: IMAGO / News Licensing | Foto rechts: IMAGO / APAimagesEx-Oberbefehlshaber Sanders mahnt: Britische Armee „zu klein“ – Gefahr bei längerem Krieg gegen Putin
Neben fehlenden Schutzräumen sieht Sanders die massiv gesunkene Truppenstärke in seinem Heimatland als Problem: „Die britische Armee ist aktuell zu klein, um mehr als ein paar Monate eines intensiven Krieges mit Russland durchzuhalten. Auch die Reserve ist zu schwach.“ Er verweist auf einen historischen Tiefststand der Truppenstärke seit der Napoleonischen Zeit und sieht Kürzungen in jüngerer Vergangenheit als gefährlichen Fehler.
Die britische Regierung, die kürzlich erst ein massives Investitionsprogramm für ihr Militär angekündigt hatte, müsse, so Sanders im The Telegraph, aber nicht nur die Zahl der Soldaten erhöhen. Zudem müsse sie gezielt in Luftabwehr investieren und neue Technologien zur Abwehr von Drohnen und Raketen aufbauen. Schutzsysteme nach israelischem Vorbild seien denkbar, müssten aber auf die britischen Bedürfnisse zugeschnitten sein
Europa und Nato alarmiert – wann ist Putins Russland zum Angriff bereit?
Auch in anderen europäischen Hauptstädten nehmen die Warnungen vor einer wachsenden Bedrohung durch Russland zu. Deutschlands Generalinspekteur Carsten Breuer erklärte, Russland könne ab 2029 bereit für einen Angriff auf die Nato sein. Die Bundeswehr, der dänische und der litauische Geheimdienst nennen Zeitfenster zwischen 2029 und 2032 für einen möglichen großangelegten russischen Angriff auf Europa, listet das Portal Russia Matters mit Bezug auf diverse Quellen auf.
Der dänische Militärgeheimdienst schätzt, schreibt Politico, dass Russland bereits innerhalb von fünf Jahren, besonders bei einem politischen oder militärischen Rückzug der USA aus Europa, zu einem Großangriff fähig wäre. Schon jetzt wird in Polen und im Baltikum vor gezielten russischen Operationen gegen vermeintlich schwach geschützte Regionen wie die Suwałki-Lücke zwischen Polen und Litauen gewarnt.
Prognosen westlicher Geheimdienste und Fachleute – wann könnte Putins Russland die Nato angreifen?
Quellen: The Telegraph, Russia Matters, BBC, Spiegel, Spotmedia, ISW, Novaya Gazeta, Newsweek.
Aufrüstung in Putins Russland, hybride Bedrohung und Sabotage
Russland investiert trotz enormer Verluste im Ukraine-Krieg massiv in die eigene Rüstung. Die Armee soll auf 1,5 Millionen Soldaten wachsen, der Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist laut internationalen Studien zuletzt auf über sechs Prozent gestiegen, schreibt die Newsweek. Zudem mehren sich Hinweise auf hybride Kriegsführung: Die Zahl russischer Sabotageakte, Cyberangriffe und subversiver Aktionen in Europa hat sich laut westlichen Geheimdiensten in den letzten zwei Jahren nahezu verdreifacht.
Nach Einschätzung von Militäranalysten, skizziert The Economist, könnte Russland nach einem Waffenstillstand in der Ukraine in zwei bis fünf Jahren Truppen und Ressourcen für gezielte Angriffe auf Nato-Gebiet bereitstellen – insbesondere, wenn die westliche Allianz politisch oder militärisch geschwächt wirkt.
Sanders und Fachleute mahnen aufgrund von Putin-Bedrohung: Zeit zu handeln. Politik müsse aufwachen
Die zentrale Mahnung von Sir Patrick Sanders bleibt: „Wenn wir jetzt nicht handeln, weiß ich nicht, was wir noch für Signale brauchen.“ Die britische Politik dürfe die Risiken nicht länger ignorieren, sondern müsse endlich Vorsorge treffen – auch wenn solche Maßnahmen teuer und unpopulär sind.
Ähnliche Forderungen kommen inzwischen auch aus anderen Nato-Staaten. So betonte Polens Sicherheitschef Jacek Siewiera gemäß The Kyiv Independent vor wenigen Monaten: „Wenn wir einen Krieg verhindern wollen, müssen sich die Nato-Staaten an der Ostflanke auf eine Konfrontation innerhalb von drei Jahren vorbereiten.“ Viele Experten sind sich einig: Die Zeitfenster für eine wirkungsvolle Vorbereitung werden kleiner.