Weil zwei Schulformen um ein Gebäude konkurrieren, ist zwischen besorgten Eltern eines Gymnasiums und dem Frankfurter Bildungsdezernat ein heftiger Streit entbrannt. Es geht um die Frage, ob eine sanierungsbedürftige Berufsschule vom Schuljahr 2026/2027 an vorübergehend, also für die Dauer der Instandsetzung, in ein ehemaliges Bürogebäude ausgelagert werden kann, das schon zwei neue Gymnasien beherbergt.

Die Rede ist von der Neuen Börse in Bockenheim, die von der Stadt für 30 Jahre gemietet wurde, um dort zwei Gymnasien zu gründen und mehr Schulplätze in diesem Bildungsgang anbieten zu können. Seit einem Jahr sind die beiden Gym­nasien – das Stadtgymnasium und das Neue Gymnasium – in Betrieb.

Zunächst nutzten sie eine Containeranlage neben der Neuen Börse, doch zu Beginn des nächsten Schuljahres sollen die ersten Räume in dem Bürohaus bezogen werden, die mittlerweile für die Zwecke der Schulen hergerichtet wurden. Auf Dauer sollen die beiden Gymnasien mit zusammen 3200 Schülern das gesamte Gebäude füllen. Doch bisher gibt es nur jeweils einen Jahrgang – nach den Sommerferien wird der zweite eingeschult – und das Gebäude steht überwiegend leer.

Eltern drohen mit rechtlichen Schritten

Der frühere Verwaltungssitz der Deutschen Börse besteht aus acht Gebäuderiegeln und umfasst insgesamt 46.000 Qua­dratmeter. Weil die beiden neuen Gymnasien noch im Aufbau sind, wird zunächst nur ein Bruchteil der Fläche benötigt. Die Stadt hat allerdings das gesamte Gebäude gemietet – und zahlt dafür jedes Jahr 13 Millionen Euro. Daniel Brenner (Die Grünen) nannte es im Bildungsausschuss „ein Gebot der Wirtschaftlichkeit“, das Gebäude so effizient wie möglich zu nutzen.

Das hat Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) nun auch vor. Sie will für die Dauer von drei Jahren dort zusätzlich die Julius-Leber-Schule unterbringen, eine Berufsschule, die für Gesundheits- und Verkehrsberufe ausbildet und deren Stammhaus in der Innenstadt dringend saniert werden muss. Die Schule wurde 1956 errichtet, die Jahrzehnte sind nicht spurlos an dem Nachkriegsbau vorübergegangen. Der Brandschutz genügt nicht mehr modernen Anforderungen. Hinzu kommen Schadstoffe wie Asbest, mit denen das Gebäude belastet ist.

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Das ist auch der Grund, warum der ursprüngliche Plan, die Berufsschule bei laufendem Betrieb zu sanieren, aufgegeben wurde. In letzter Minute stoppte Weber den Beginn der Arbeiten, denn der Protest der Schulgemeinde gegen Baulärm und Schadstoffe war groß. Deshalb soll die Schule nun für einen begrenzten Zeitraum komplett ausgelagert werden. Auf der Suche nach einem Interimsquartier fiel die Wahl auf die Neue Börse.

Doch dagegen wenden sich Eltern der beiden Gymnasien, die dort bereits ansässig sind, vor allem die des Stadtgymnasiums. Einige drohen der Stadt sogar mit rechtlichen Schritten. Die Eltern des Neuen Gymnasiums halten sich mit öffent­licher Kritik zurück. Der Elternbeirat des Stadtgymnasiums hat seine Bedenken aber schon im Bildungsausschuss und bei einer Demonstration vorgetragen.

Es gibt auch Kritik an der Onlinepetition

Er befürchtet, dass sich die Unterbringung der Berufsschule negativ auf das pädagogische Konzept des Gymnasiums auswirkt. Auch der Altersunterschied wird kritisch gesehen: „Junge Erwachsene haben ganz andere Themen als Kinder, die elf oder zwölf Jahre alt sind“, sagte der Vorsitzende des Elternbeirats, Taskin Tasan. Er bezweifelt auch, dass die Neue Börse groß genug sei für drei Schulen. Der Schulleiter des Stadtgymnasiums will sich auf Anfrage nicht äußern.

Eine Mutter am Stadtgymnasium hat nun eine Onlinepetition eröffnet, die innerhalb eines Monats 500 Unterstützer gefunden hat. Die Unterzeichner führen verschiedene Einwände ins Feld: Die Schulformen passten nicht zueinander, der Altersunterschied sei zu groß. Die pädagogische Arbeit könne leiden.

Die Eltern schreiben, dass eine Schule ein „Schutzraum“ für die Kinder sein sollte. Erwachsene Berufsschüler könnten einen schlechten Einfluss auf die viel jüngeren Kinder im Gymnasium haben. Ein Unterstützer wird deutlicher: Er befürchtet, „dass die Gymnasiasten mit Alkohol, Drogen, Rauchen, Sex und anderen ,erwachsenen‘ Verhaltensweisen viel zu früh in Kontakt kommen“. Jemand schreibt: „Hier wird die Sicherheit und Entwicklung unserer Kinder riskiert!“

Aber es gibt auch kritische Kommentare zu der Petition: „Auf die Berufsschülerinnen und Berufsschüler, die hier so pauschal verurteilt werden, treffen die Kinder dann am Nachmittag in den verschiedenen Arztpraxen wieder. (…) Andere erklären ihnen die nächste Bahnreise oder bringen ihnen das Paket bis vor die Wohnungstür.“

Schulleiter wirbt um Verständnis

Besorgte Eltern argumentieren jedoch, sie hätten gezielt eines der neuen Gymnasium ausgewählt, weil es noch im Aufbau und somit „übersichtlich für sensible Kinder“ sei. Die Berufsschüler stellten eine Überforderung dar. Eine Mutter schreibt, sie habe die Petition unterschrieben, „weil unsere Kinder geschützt werden müssen. Es muss eine klare Trennung von Kindern und Erwachsenen geben. Ein Unterbringen einer Berufsschule in einem Gymnasium ist grob fahrlässig!“

Wieder andere befürchten, dass der Ruf der neuen Gymnasien leiden könnte: „Wer wird noch freiwillig sein Kind auf solch eine Schule schicken wollen?“ Viele befürchten auch, dass die Stadt ihren Zeitplan nicht einhalten könne und dann eine Überbelegung des Gebäudes drohe: „Ein Blick in die Tagespresse zeigt allgegenwärtig verzögerte Schulsanierungen in FFM. Die sich hier abzeichnende Problematik ist offensichtlich.“

Solche Ängste und Vorbehalte kennt Nils Franke. Der Schulleiter des Neuen Gymnasiums hat Verständnis für die Sorgen der Eltern: „Es ist nicht ohne, wenn drei Systeme auf engem Raum ineinandergreifen. Man muss Vereinbarungen treffen, damit das gut läuft“, sagt er auf Anfrage. Franke sieht allerdings auch die Bedürfnisse der Julius-Leber-Schule: „Ich wä­re in dieser Situation selbst froh, wenn ich ein Ausweichquartier hätte.“

Er wirbt deshalb bei den Eltern um Verständnis. „Vermutlich gibt es auch den einen oder anderen Berufsschüler, der raucht. Aber die Schüler gehen in Berufsfelder, in denen sie große Verantwortung tragen, im Gesundheitswesen und Verkehr.“ Franke ist überzeugt, dass es mit einer guten Organisation und versetzten Pausenzeiten gelingen kann, das Gebäude gemeinsam zu bespielen und eine Vermischung der Schülerschaft zu vermeiden. Auch eine separate Nutzung der Toiletten und der Mensa lasse sich organisieren.

„Wir werden falsch dargestellt“

Bis zum abermaligen Auszug der Julius-Leber-Schule benötigen die beiden Gymnasien voraussichtlich nur fünf der acht Gebäuderiegel. Drei Riegel, also etwas mehr als ein Drittel des Gebäudes, blieben frei für die Berufsschule. „Ich glaube, es ist machbar. Für drei bis dreieinhalb Jahre geht das auf“, sagt Franke. Allerdings müsse die Stadt auch den Zeitplan einhalten: „Die Stadt muss ihre baulichen Versprechen einlösen, Termine einhalten und darf kein Vertrauen zerstören.“ Dass sich der Bau der Turnhalle verzögere, sei kein gutes Zeichen – „aber es gibt ja noch Hoffnung“.

Oliver Schulz leitet die Julius-Leber-Schule. Er respektiere die Sorgen von Eltern, die sich mit dem Berufsschulwesen nicht auskennten. „Aber ich habe kein Verständnis für eine Ver­unglimpfung und Diffamierung meiner Schülerinnen und Schüler“, sagt er auf Anfrage. Auch im Kollegium stoße eine derartige Vorverurteilung auf Unverständnis. „Wir werden falsch dargestellt. Mit Ausnahme des Neuen Gymnasiums hat uns niemand gefragt, wer wir überhaupt sind und was wir machen.“

Der Schulleiter hebt die Bedeutung der beruflichen Bildung für die gesamte Wirtschaft und das Gesundheitswesen hervor, auch angesichts des Fachkräftemangels. 72 Prozent seiner Schüler seien im Gesundheitswesen im Rhein-Main-Gebiet beschäftigt, zum Beispiel als medizinische Fachangestellte in Krankenhäusern und Arztpraxen. Die anderen Schüler arbeiteten in Verkehrsberufen, etwa bei der Deutschen Bahn und in großen Speditionen und Logistikunternehmen wie Schenker oder Lufthansa.

Täglich nur ein Bruchteil der Schüler vor Ort

„Ich möchte, dass unsere Berufsschüler als gleichwertiger, essenzieller Teil der Gesellschaft anerkannt werden, und nicht als Menschen zweiter Klasse. Wir sind ein ganz normaler Teil der Gesellschaft und stärken die Wirtschaft“, sagt Schulz.

Er hofft, dass die Schule zügig in die Neue Börse ausgelagert werden kann, und freut sich während dieser Übergangszeit auf ein gutes und konstruktives Miteinander mit den beiden Gymnasien. Die Sanierung der Julius-Leber-Schule sei längst überfällig. „Wir sitzen seit zwei Jahren auf gepackten Koffern.“

Die Julius-Leber-Schule hat 2700 Schüler. Der Großteil besucht die Schule wegen der dualen Ausbildung nur an zwei Tagen in der Woche. Schulz rechnet damit, dass täglich nur 900 bis 1100 Schüler in der Neuen Börse unterrichtet werden. Zumal die ehemalige Friedrich-Stoltze-Schule an der Seilerstraße bereits saniert werde und als neue Außenstelle früher fertiggestellt werden solle als das Haupthaus.

Schon zum Schuljahr 2027/2028 würden 500 Schüler die Neue Börse wieder verlassen und somit entlasten. „Eine Berufsschule wird im Wesentlichen nur in Teilzeit besucht. Wir sind täglich nur mit ei­nem Bruchteil der Schülerinnen und Schüler dort“, sagt Schulz.

Das Bildungsdezernat will nach den Ferien verkünden, wie es an der Neuen Börse weitergeht. Bildungsdezernentin Weber ist überzeugt, dass das Bild, das einige besorgte Eltern von den Berufsschülern zeichneten, „fehl am Platz“ sei. „Es gibt keine Übergriffe und keinen Vandalismus an dieser Schule“, sagt sie. Eine vernünftige räumliche Lösung sei möglich.