Nachdem ein Besucher in den Uffizien in Florenz ein Gemälde beschädigt hat, diskutieren Italiens Museen über ein Fotografierverbot. Auch andere Museen müssen Sicherheitsvorkehrungen verstärken.

Die Wand kam etwas früher als gedacht: Ein Museumsbesucher stolpert in ein Gemälde von Anton Domenico Gabbiani in den Uffizien in Florenz.

Viral Press via Reuters

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Diesen Schnappschuss wird der junge Mann wohl so schnell nicht wieder vergessen. In Florenz hat ein Besucher in den weltberühmten Uffizien im Juni ein dreihundert Jahre altes Gemälde beschädigt, als er für ein Foto posierte.

Videoaufnahmen zeigen den jungen Mann, der versucht, die Pose des abgebildeten toskanischen Prinzen Ferdinando de’ Medici nachzustellen. Dabei lehnt er sich rücklings fürs Foto ans Gemälde, bis es unter dem Druck nachgibt und die Leinwand einreisst. Das Porträt, 1712 von Anton Domenico Gabbiani gemalt, muss restauriert und die Ausstellung teilweise geschlossen werden. Das Museum hat den Mann angezeigt.

Es ist der zweite Vorfall dieser Art innert kurzer Zeit: Ebenfalls im Juni hatte ein Tourist im Palazzo Maffei in Verona ein Kunstwerk beschädigt. Für ein Foto wollte sich der ältere Herr auf den Van-Gogh-Stuhl des Künstlers Nicola Bolla setzen. Doch der Stuhl aus Swarovski-Kristallen brach unter seinem Gewicht zusammen. Seine Partnerin und er verliessen daraufhin fluchtartig das Museum.

Der Stuhl konnte mittlerweile restauriert, die Identität der Vandalen aber noch nicht ermittelt werden. Das Museum hat Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht.

«Kunst muss vor allem respektiert werden»

Das Museum in Verona hat den Vorfall gefilmt und veröffentlicht. Man will so auf die Notwendigkeit von mehr Respekt gegenüber Kunstwerken hinweisen. Die Leitung schreibt: «Kunst muss bewundert und erlebt, vor allem aber respektiert werden.»

In Italien sind selbst antike Relikte nicht vor Vandalen sicher: 2023 ritzte ein britischer Tourist seinen Namen und den seiner Freundin in die Mauern des Kolosseums – und entschuldigte sich später dafür. Er habe nicht gewusst, wie alt das Kolosseum tatsächlich sei. Im selben Jahr brachten deutsche Touristen in Norditalien eine 150 Jahre alte Statue zu Fall. Sie hatten versucht, sie zu umarmen.

Auch in anderen Ländern verursachen unachtsame Besucher teure Schäden: Diesen Frühling zerkratzte ein Kind im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam ein Rothko-Gemälde im Wert von 50 Millionen Euro. Die Eltern hatten es für einen Moment nicht beaufsichtigt. Wer für den Schaden aufkommt, ist nicht bekannt.

Fotografieren soll streng limitiert werden

Seit den beiden folgenschweren Vorfällen im Juni diskutiert Italien über ein Selfie-Verbot für Touristen. Simone Verde, Direktor der Uffizien, klagte, Museen würden zu «Kulissen für Social-Media-Inhalte» degradiert. Das Museum hat angekündigt, das Fotografieren in den Galerien künftig streng zu limitieren. In Verona will das Museum nach dem jüngsten Vorfall mehr Werke hinter Plexiglas stellen.

Damit sind die italienischen Museen nicht alleine. Museen haben in den vergangenen Jahren generell sicherheitstechnisch aufgerüstet. Hochauflösende Kameras zeichnen verdächtige Aktivitäten auf. Künstliche Intelligenz erkennt ungewöhnliche Bewegungen oder Muster. In Gemälde eingebettete Chips schlagen Alarm, sobald ein Kunstwerk bewegt wird.

National Gallery verschärft Sicherheitsvorkehrungen

Die National Gallery in London sah sich jüngst gezwungen, Massnahmen zu ergreifen, um ihre Gemälde besser zu schützen. Jedoch nicht wegen rücksichtsloser Touristen, sondern weil sich politisch motivierte Vandalenakte häuften.

Ab 2022 verübten Klimaaktivisten mehrere Attacken: Sie bewarfen van Goghs «Sonnenblumen» mit Tomatensuppe, klebten sich an John Constables «Heuwagen» und attackierten Diego Velázquez’ «Venus vor dem Spiegel» mit Hämmern.

In der National Gallery in London gelten nach mehreren Vandalenakten strengere Sicherheitsvorkehrungen. In der National Gallery in London gelten nach mehreren Vandalenakten strengere Sicherheitsvorkehrungen.

Imago

Nun dürfen mit wenigen Ausnahmen keine Flüssigkeiten mehr in die National Gallery mitgenommen werden. An allen Eingängen wurden Metalldetektoren installiert. Gepäckstücke werden kontrolliert, und bei hohem Andrang sind Einlassbegrenzungen vorgesehen.

Mit Schlüssel zerkratzt oder mit Hammer attackiert

Kunstwerke werden von jeher gestohlen, mutwillig beschädigt oder als politisches Statement missbraucht: 2008 beispielsweise zerkratzte ein Wachmann im Carnegie Museum of Art in Pittsburgh mit einem Schlüssel absichtlich eine Zeichnung im Wert von einer Million Dollar. 1991 attackierten Vandalen Michelangelos «David» mit dem Hammer, ebenso die Marmorstatue «La Pietà» im Vatikan.

Und manchmal werden Kunstwerke auch mit besten Absichten zerstört. Zum Beispiel 2017 an der Architekturbiennale in Lyon, als die Polizei eine rund 4000 Quadratmeter grosse Kunstinstallation demolierte – weil sie sie für eine Cannabis-Farm hielt.

Am weltberühmten Gemälde «Mona Lisa» wurde gleich eine ganze Reihe von Vandalenakten verübt: In den fünfziger Jahren schüttete ein Unbekannter Säure auf das Gemälde, ein Obdachloser bewarf es mit Steinen, 2009 warf eine Besucherin eine Teetasse darauf. 2022 beschmierte ein als alte Frau getarnter Aktivist die «Mona Lisa» mit Kuchen, 2024 bewarf man sie mit Suppe. Seit Jahrzehnten ist das Gemälde darum hinter Panzerglas geschützt.

Nicht zuletzt verdankt die «Mona Lisa» ihre Berühmtheit einem Vandalenakt sondergleichen: Das Gemälde wurde 1911 von einem italienischen Handwerker aus dem Louvre gestohlen, der es unter seinem Kittel aus dem Museum schmuggelte. Lange Zeit versteckte der Dieb es in seiner Wohnung, nur wenige Meter vom Louvre entfernt. Erst zwei Jahre später fand man es in Florenz wieder und präsentierte es fortan mit grossem Aufwand.