BREITENBACH/H.
Noch einmal auf das Herzberg-Festival
28.07.25 – „Ich habe Bedenken, dass es das letzte Mal sein wird.“ Das letzte Mal auf seinem geliebten Herzberg, wo er 45 Mal hingereist ist, um diese wunderbare Welt voller Leichtigkeit, Liebe und Freiheit zu genießen. Dort, bei den Hippies, wo sie alle so sind, wie sie im Kern ihres Inneren sein möchten.
Abseits vom Trubel, von der Hektik des Alltags. Das Zitat stammt von einem, der selbst über Jahrzehnte von Berufswegen im Rampenlicht stand, selbst das Blitzlichtgewitter mit ausgelöst hat, einer der die Stars seiner Zeit vor seine Kamera bekommen hat. Wolfgang Wortmann begrüßte ihn auf der Main-Stage mit den Worten: „Wenn ihr Günter die Hand gebt, gebt ihr jemanden die Hand, der den Beatles, Jimi Hendrix, den Doors und vielen mehr die Hand gegeben hat.“
Günter Zint liebt das Hippie-Festival und wollte unbedingt noch mal zum Herzberg. …
Einer, der die deutsche Zeitgeschichte etwa der 68er-Revolution wie kaum jemand anderes festgehalten hat. 1941 in Fulda geboren, zog es Günter Zint später in die Welt, bis er mitten in Hamburg, auf dem Kiez heimisch wurde. Er gründete die St. Pauli-Nachrichten, später sogar ein Museum und heutzutage ist sein Schatz aus zwei Millionen Bildern und vielem mehr in seiner Stiftung Günter Zint organisiert. Ein Besuch der Ausstellung dort ist ganz sicher lohnend. Diese Eckpunkte seines Wirkens sind lediglich ein paar Meilensteine. Sieben Jahre festangestellter Fotograf beim Spiegel, später beim Stern, selbst Aktiver der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1970-ziger- und 1980-ziger Jahren stehen ebenso in der eindrucksvollen Biografie von Günter Zint.
Seine Ausstellungen bewegen und dokumentieren die hohe Kunst der Fotografie, wie sie in der heutigen schnelllebigen Handy-Klick-Hysterie kaum mehr vorkommt. Am Freitag kehrte er zurück auf das Hippie-Festival unterhalb von Burg Herzberg. Die Umstände sind traurig und bewegend. Und doch lässt Günter Zint an diesem besonderen Abend keine Sekunde Selbstmitleid aufkommen. Trotz Handicap ist er bestens gelaunt, genießt die Zeit mit Teilen seiner Familie und Freunden.
„Schlaganfall ist Scheiße“
„Schlaganfall ist Scheiße“, sagt er mir in unserem Gespräch Backstage hinter der Main-Stage. Bis vor einem halben Jahr habe er nur noch im Rollstuhl sitzen können, mittlerweile könne er wenigstens ein paar Schritte laufen. Die rechte Seite ist teilweise gelähmt. Sein Optimismus, seine Art, mit seiner Situation umzugehen, imponieren alle Anwesenden. Sein Freund und Fotografen-Kollege Christof Krackhardt kümmerte sich liebevoll, hat alles in die Wege geleitet, um Günter diesen Herzberg-Besuch zu ermöglichen. So kam auch der Kontakt zur Möglichmacherin vom Palliativ-Team Frankfurt am Main, Elke Hohmann, zustande. Sie hat den Maltester Hilfsdienst in Fulda angeschrieben. Wegen der Entfernung übernahmen die Kollegen aus dem Norden den Transport.
Günter Zint mit Freund und Fotografen-Kollege Christof Krackhardt
„Ich möchte mich super herzlich bei Euch bedanken. Eure Arbeit ist so wertvoll“, sagte sie später zu den beiden Lübecker Maltesern Sven Pantel und Niklas Wagner. Die beiden ausgebildeten Rettungsdienstler engagieren sich ehrenamtlich beim Malteser Hilfsdienst in Norddeutschland. An diesem Wochenende sind sie früh mit ihrem Herzenswunschwagen gestartet, haben Günter Zint im Hamburger Stadtteil St. Pauli abgeholt. „Für mich ist das eine sinnvolle Tätigkeit, um mich zu engagieren“, sagte Pantel, sein Kollege untermauert: „Es ist interessant zu hören, was sich die Gäste wünschen und wie es sich in der Praxis gestaltet.“ Die Ostsee sei bei ihnen zu Hause nah und viele Leute wünschten sich, nochmal das Meer zu sehen.
Dieses Mal ging es für die beiden einfühlsamen und sympathischen jungen Männer auf die weite Reise ins hessische Mittelgebirge. Morgens um 10:30 Uhr in Hamburg gestartet, erreichten sich am späten Nachmittag das Herzberg-Festival. „Das ist auch für uns schon etwas ganz Besonderes“, sagen sie im OSTHESSEN-NEWS-Gespräch. Hier waren sie noch nie. Im Gegensatz zu ihrem Gast. „Günter macht einen sehr guten Eindruck. Dass er sogar auf der Bühne ist und ein paar Worte sagt, Wahnsinn.“
Günter Zint mit seinem Sohn Jonny und Krankenpflegerin Mariam aus Fulda …
Christof Krackhardt hat den Besuch organisiert
Mit dem Herzenswagen der Malteser aus Lübeck kommt Günter zint am Herzberg Festival …
Die Kult-Band Orange hatte gerade ihren Soundcheck abgeschlossen, als die Malteser Günter mit seinem Rollstuhl in Begleitung seines Sohnes und einiger Kinder mit riesigen Sonnenblumen auf die Mainstage begleiten. Herzberg-Chef Wolfgang Wortmann begrüßte den legendären Fotografen und Herzberg-Liebhaber unter dem ergreifenden Jubel der tausenden Hippies. Die Sonne scheint, alles ist so traumhaft schön. Dann ergreift Günter das Mikrofon, ein Moment für die Geschichtsbücher des Festivals: „Guten Tag, das ist ein toller Empfang. Ich habe gestern nachgedacht, womit habe ich das alles verdient? Ich hab’s nicht. Ich habe einfach gemacht. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, sagte Günter. Er habe Hoffnung, dass es nicht das letzte Mal sei, dass er auf den Herzberg komme, nach seinem Schlaganfall mache er Fortschritte und er zeigt dann auf sein orangefarbenes T-Shirt, das Herzberg-Emblemen fest drückend. „Orange ist die Farbe der Liebe und des Friedens.“
Mit alten Weggefährten und Flammkuchen in die Nacht
Bei Flammkuchen, kühlen Getränken und vielen Gesprächen mit alten Weggefährten genießen Günter Zint und seine Crew diesen wunderbaren Abend inmitten der Festivalbesucher. Fast so, wie es immer schon war. „Wir waren bis halb zwei in der Nacht oben. Es war einfach nur herrlich. Wir haben dann noch ein Gute-Nacht-Lied gesungen“, sagte sein Freund Christof Krackhardt am nächsten Morgen. Übernachtet haben sie in Niederjossa bei einer befreundeten Familie. Am Nachmittag ging es wieder nach St. Pauli.
Zurück bleiben unvergessliche Augenblicke und die Erkenntnis: Was ist wichtig im Leben? Nein, nicht die Hektik, der Druck und das Streben nach Macht und Geld. Es sind Leute wie Niklas und Sven aus Lübeck, wie Elke und Christof hier aus unserer Region oder die Herzberg-Macher um Katja, Wolfgang und Ernst. Und es ist der positive Lebensmut, den Günter Zint trotz seines Handicaps zeigt. Danke, für diesen Abend. Und komm bitte wieder, im nächsten Jahr zu Deinem Herzberg-Festival. (Hans-Hubertus Braune) +++