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Große Freude auf der einen, Ratlosigkeit auf der anderen Seite: Ein Bild des Fotografen Henk Kosche zeigt die Besetzung der Berliner Mauer im November 1989. © Henk Kosche/Thomas Krumm
In der städtischen Galerie in Lüdenscheid sind neue Fotoausstellungen eröffnet worden. Eine von ihnen zeigt Bilder einer bekannten Dortmunder Künstlerin.
Lüdenscheid – Zahlreiche Besucher haben der Fotoausstellung mit Bildern der Dortmunder Künstlerin Annelise Kretschmer (1903 bis 1987) einen guten Start verschafft. Auf großes Interesse stießen bei der Ausstellungseröffnung in der städtischen Galerie auch die Fotos des Lüdenscheider Designers und Fotografen Henk Kosche. Seine Schwarzweißbilder entstanden in der Spätphase der DDR in Halle an der Saale und während der Eroberung der Mauer in Berlin durch glückliche Menschenmassen.
Zeitreisen in Schwarzweiß: Fotoausstellung mit Bildern von bekannter Künstlerin eröffnet
In ihrer Einführung machte Galerieleiterin Dr. Susanne Conzen deutlich, dass die Wanderausstellung des Museumsamtes des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) mit 60 Fotografien von Annelise Kretschmer keine Unbekannte präsentiert. Schon 1982, also noch zu Lebzeiten der Fotografin, stellte die damalige Kuratorin Ute Eskildsen für das Folkwang-Museum in Essen eine Ausstellung ihrer Bilder zusammen. Seitdem gehört Essen zu jenen drei Orten, an denen der Nachlass der Fotografin gehütet wird. Dazu gehören auch das Centre Pompidou in Paris und das Museum für Kunst und Kultur des LWL in Münster. 2019 erwarb das Museum 2600 Fotografien und etwa 13 000 Negative aus dem Nachlass von Annelise Kretschmer. Dieser Schatz war die Grundlage für eine große Retrospektive in Münster.
LWL-Referent Dr. Hauke-Hendrik Kutscher führte in die Ausstellungseröffnung ein. © Jakob Salzmann
Die von Ute Christina Koch kuratierte Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes machte die Fotografin anschließend in acht westfälischen Städten bekannt. Aufgrund der vorhandenen Räumlichkeiten ist es in Lüdenscheid, der neunten Station, nun erstmals möglich, alle 60 Fotos zu zeigen. „Die Kuratorin hatte die Qual der Wahl“, blickte Dr. Hauke-Hendrik Kutscher, wissenschaftlicher Referent für das östliche Westfalen beim LWL, zurück auf die Zeit, als aus vielen Bildern eine Ausstellung werden sollte. Nun stehen die Fotos in vier Kapiteln für biographische Stationen von Annelise Kretschmer. Weitergehende Informationen können die Besucher über ihr Handy und einen QR-Code abrufen.
Zur Eröffnung der Ausstellung waren zahlreiche Besucher erschienen. © Jakob Salzmann
Die spätere Fotografin wurde 1903 als Annelise Silberbach in Dortmund geboren. Ihr Vater Julius war ein jüdischer Deutscher, der zum Protestantismus konvertierte. Gemeinsam mit seiner Frau Laura betrieb er ein Modegeschäft in Dortmund. Dort eröffnete Annelise Kretschmer 1929 ihr Fotoatelier. „Die Porträtfotografie wurde ihr Metier“, richtete Susanne Conzen den Blick auf den Schwerpunkt der Ausstellung. Dr. Hauke-Hendrik Kutscher wies auf einen anderen Aspekt hin: „Prägend“ sei für sie eine Reise nach Paris im Jahr 1928 gewesen. Dort fotografierte sie Wasseroberflächen der Kanäle, verregnete Fenster, Gardinen. Dokumentarische Bilder, die der Historiker in den Zusammenhang der „Neuen Sachlichkeit“ stellte. Annelise Kretschmer habe dabei „das Besondere im Alltäglichen“ entdeckt und in ihren Fotos einen poetischen Zugang zur Welt gefunden.
Bedrohung durch den Nationalsozialismus und Gedanken über Flucht aus Deutschland
Nur sehr knapp geht der Flyer für die Ausstellung „Kosmos des Lebens“ auf die Bedrohung der Dortmunder Fotografin durch den nationalsozialistischen Rassenwahn ein. Dr. Hauke-Hendrik Kutscher rückte dieses Bild eines „Rückzugs aus der Öffentlichkeit“ zurecht: Nach einer Denunziation wurde Annelise Kretschmer durch die Gestapo verhört. Ihr war nachgesagt worden, keine Hitler-Reden im Radio zu dulden. Dieses Verhör hatte glücklicherweise keine weiteren Konsequenzen. Doch mehrfach überlegte sie, Deutschland zu verlassen. Letztlich verwarfen sie und ihr Mann Sigmund diesen Gedanken wegen der vier kleinen Kinder. Diese Lebensphase des unfreiwilligen Teilrückzugs in Worpswede und im Breisgau dokumentieren viele Kinderfotos.
Bröckelnde bis zerfallende Altbausubstanz und Menschen in heiteren bis merkwürdigen Lebenslagen zeigen die Fotos von Henk Kosche. Historische Dokumente sind die Bilder vom Tag nach der Maueröffnung, als viele Menschen in Berlin auf dem Bauwerk tanzten und ihnen die Sicherheitskräfte der sich auflösenden DDR etwas ratlos gegenüberstanden. Die Ausstellung bleibt bis zum 26. Oktober in der Städtischen Galerie.
Erst vor wenigen Monaten hatte die Messe „Art meets Antique“ ihre Premiere in der Bergstadt gefeiert. Dabei wartete sie auch mit einem anspruchsvollen und interessanten Rahmenprogramm auf.