Es gibt viele Bücher über die Hitlerjahre. Das Besondere am Roman von Anja Kampmann ist die Erzählperspektive, der äußerst subjektive, auf Details gerichtete Blickwinkel ihrer ungewöhnlichen Heldin. Hedda ist im Schausteller- und Rotlichtmilieu des Hamburger Hafenviertels zu Hause. Die Außenseiterin, die sich aus großer Armut herausgekämpft hat und die sich nicht zurechtstutzen und in vorgegebene Rollenmuster zwängen lassen will, bekommt deutlicher als viele andere den zunehmenden Druck des Naziregimes zu spüren.
Ich wollte eine Stimme, die eine große Lebendigkeit hat.
Anja Kampmann
Autorin von „Die Wut ist ein heller Stern“
Hamburg sei nach der Weltwirtschaftskrise sehr arm gewesen und es habe viele Frauen gegeben, die einfach hungern mussten, berichtet die Autorin Kampmann, „Und viele von denen haben dann eben das Einzige verkauft, was sie noch hatten, ihren Körper“. Ab 1933 seien diese dann kriminalisiert worden, wurden in Heime gesperrt, zur Arbeit gezwungen und auch zwangssterilisiert, so Kampmann. „Ich wollte eine Stimme finden, die davon erzählt, aber die vor allem eine starke Lebendigkeit hat.“
Wut und Wehrlosigkeit im Hamburg der 30er-Jahre
Die Autorin ist sehr nah bei ihrer Hauptfigur. Sie erklärt und umschreibt nicht, wie sich Heddas Leben in den Jahren bis 1937 verändert, welche Alltagssorgen ihr zusetzen. Sie schafft vielmehr einen Raum für die ungemein präzisen Wahrnehmungen der jungen Frau.
Es ist Zeit, dass man diese Frauen mal hört.
Anja Kampmann
Hedda überblickt und ahnt nicht, was auf sie zukommt. Sie lebt von Tag zu Tag, angetrieben von Unruhe, Hoffnung und Widerstandsgeist. Naiv ist sie keineswegs. „Jetzt kommen sie mit ihrem Rasselineal, das sie an alle anlegen“, sinniert sie. „Wer jetzt noch bleiben will, muss ein bisschen deutschen Acker in sich tragen. Dumpfes Blut. Die gähnende Leere der Marsch.“
Hedda empfindet Wut, Bitternis und Wehrlosigkeit – erst recht als ihr Geliebter, ein Kommunist, von den Nazis ermordet wird. Aber sie ist auch voller Zuneigung, Zärtlichkeit und Fürsorge – vor allem für Pauli, ihren behinderten kleinen Bruder, den sie retten will.
Bewusster Einsatz von Sprache
Kampmann hat als Lyrikerin debütiert. Ihre Prosa prägt ein hochbewusster Umgang mit Sprache. Der Roman wird nicht durch den Plot bestimmt. Kampmann geht es darum, den Moment einzufangen und zum Leuchten zu bringen. Das gelingt durch knappe und präzise Sätze, eine oft vieldeutige und emotionale Sprache.
Beim Schreiben geht es ihr um eine bestimmte Intensität, sagt Kampmann. Sie will nicht detailliert die Inneneinrichtung oder die Verbindungen der Menschen beschreiben, „dieser erklärende Ton fällt weg zugunsten von Bildern, die sehr stark aus der Innensicht dieser Figur kommen, von Hedda kommen“, schildert sie.
Vergessene Opfer der NS-Zeit
Zu diesen inneren Bildern gehört ein Keiler. Er ist eine Fantasie- und Schreckensgestalt, die überall lauert. Das Wildschwein ist die Inkarnation eines Systems, das immer bedrohlicher und raumgreifender wird, das Hedda und ihre Welt immer weiter ins Abseits drängt und – so die Angst der Ich-Erzählerin – schließlich in die Vergessenheit.
Eine nur allzu begründete Befürchtung. „Jetzt, im Jahr 2025, im Februar, wurde das erste Mal ein Antrag im Bundestag gestellt, dass man diese Frauen überhaupt als Opfer anerkennt“, sagt Kampmann. Es macht sie wütend: „Sie haben das ihr ganzes Leben lang nicht mehr erlebt. Es ist Zeit, dass man sie mal hört.“