Im Februar, als einige österreichische Journalisten nach Berlin geladen wurden, um einen Ausblick auf die heurige Sommerausstellung im BA Kunstforum zu bekommen, schien das letzte Wort noch nicht gesprochen. Da schien es zumindest in der Öffentlichkeit noch möglich, dass diese traditionsreiche Kunsthalle in Wiens Herzen weiterbestehen könnte. Man sagte, man verhandle mit dem neuen Besitzer der ehemaligen Signa-Immobilie, man sagte, man suche eine finanzielle Lösung für das bisherige Flaggschiff der so speziellen wie auch fruchtbringenden Partnerschaft zwischen Bankenwesen und Kunstsponsoring, und zwar im deutschsprachigen Raum.
Es hatte etwas nicht voraussehbar Zynisches, dass ausgerechnet ein anderes Bankunternehmen, die Berliner Volksbank, sich ausgerechnet an diesem versinkenden Wiener Ort in diesem Sommer einmietete – um das 40-Jahr-Jubiläum ihrer Sammlung zu feiern. „Mensch Berlin“ heißt die Ausstellung, mit der das BA Kunstforum auf der Freyung 8 am Donnerstag, 18 Uhr, für immer schließen wird. Eine Ausstellung, die zeigt, welche gesellschaftliche Funktion eine Firmensammlung erfüllen kann. Hat die Berliner Volksbank doch schon vier Jahre vor dem Mauerfall begonnen, gegenständliche (was sonst) Malerei aus der DDR zu sammeln. Wolfgang Mattheuers „Albtraum“ findet sich hier genauso wie Werner Tübkes altmeisterliches „Ende der Narrengerichtsbarkeit“.
Später ergänzte die Volksbank diese damals aus westlicher Sicht äußerst ungewöhnliche Sammlung noch mit ebenso gegenständlichen Positionen aus Westdeutschland, von Markus Lüpertz bis zu den Neuen Wilden. So kann mittlerweile die Geschichte von der Trennung und Wiedervereinigung Deutschlands anhand von 1500 Gemälden, Skulpturen und Grafiken erzählt werden.
Bis heute sind durch diese spezielle Ausrichtung der Sammlung die Ausstellungseröffnungen in der Stiftung Kunstforum der Berliner Volksbank am Kaiserdamm ein Treffpunkt für viele hier vertretenen Künstler, vor allem aus dem ehemaligen Osten. Zum Sponsoringgedanken der Volksbank meinte ihr Chef, Carsten Jung, bei der Eröffnung der später nach Wien gehenden Ausstellung nur: „Sport war gestern, Kultur ist heute.“
Mensch Wien!“, möchte man daraufhin ausrufen. Auch wenn die Unicredit Bank Austria beteuert, durch die Schließung ihres Kunstforums nichts vom Kultursponsoringbudget einzusparen, es nur anders zu verwenden, ist die Schließung einer international derart renommierten, von Ingried Brugger über Jahrzehnte aufgebauten Institution ein heftiges Signal für den Kulturstandort Wien und ein absehbar zunehmendes Desinteresse der kriselnden Wirtschaft an dessen Erhalt und dessen Befeuerung. Aus tiefstem Herzen: Sehr schade. Mehr kann man zum Ende des BA-Kunstforums nicht sagen.
Heinz Conrads hat das BA Kunstforum angeregt
Wissen Sie noch, wie es begonnen hat? Und wer für die legendäre Fernsehbegrüßung „Guten Abend, die Madeln, servus, die Buabn“ berühmt war? Ausgerechnet Volksschauspieler Heinz Conrads hat 1980 angeregt, im Kassensaal der Österreichischen Creditanstalt auf der Freyung Ausstellungen zu zeigen. Was erstaunlich erfolgreich funktionierte. Der damalige Bankenchef und spätere Bundeskanzler Franz Vranitzky beschloss daraufhin, hier eine ständige Ausstellungshalle einzurichten. Gustav Peichl wurde mit dem Umbau beauftragt, worauf dieser dem Eingang seine charakteristische goldene Kugel verpasste. 1989 wurde der Standort mit Egon Schiele eröffnet, sozusagen das Coming-out der Sammlung Rudolf Leopolds.
Der Direktor? War ein ehrgeiziger junger Kunsthistoriker aus Linz, Klaus Albrecht Schröder. Er erfand hier für Wien das, was heute normal ist: die populäre Sonderausstellung. Titel wurden im Vorfeld beim Publikum abgetestet, das Marketing wurde hochgefahren. Von vielen scheel beäugt, sorgte es am Ende für niederschwelligen Zugang.
Was für tolle Ausstellungen haben wir hier gesehen
In den vergangenen Jahren legte Schröders Nachfolgerin, Ingried Brugger, den Fokus auf Künstlerinnen (als das international noch nicht derart in Mode war). Mit einer wundervollen Ausstellung über Tamara de Lempicka begann es 2004, es folgten Frida Kahlo, Meret Oppenheim, Georgia O’Keeffe, Kiki Kogelnik, Rebecca Horn. Die Ausstellung der serbischen Performance-Pionierin Marina Abramović, geplant für Herbst, wird schon als Gastausstellung in der Albertina modern stattfinden.
Die goldene Kugel auf der Freyung 8 aber wird bleiben. Unabhängig davon, was in Zukunft unter ihr einmal verscherbelt werden wird, wird sie als Denkmal dafür stehen, was hier einmal Besonderes war.
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