Axel Görlachs neue Gedichte – immer ohne Titel, immer klein geschrieben – sind eingebettet in Naturerlebnisse. Wasser spielt darin für ihn eine zentrale Rolle. Vordergründig zum Schwimmen und Surfen. Vor allem aber, um als genauer Beobachter der Umgebung mit dem nassen Element zu verschmelzen. Im ersten Gedicht spricht er von schwimmenden Augen, die „friedlich algengefunkel abweiden“, im vorletzten tastet die „schuppenlichthaut“ so lange eine Steilküste ab, bis die Sonne am Horizont verschwindet. Das typographisch sehr ansprechend gesetzte Bändchen endet mit den Worten: „vertraue sand/fürchte nicht mich.“
Die Natur, das Wasser, schließlich die Mutmacherzeile am Schluss von Görlachs mittlerweile viertem Lyrikband mit dem hübsch geheimnisvollen Titel „halsermohnz“ geben der Person, die hier in rund zwei Dutzend Gedichten ihren Alltag bestreitet und sich dabei von Medien umstellt und von staatlichen Vorgaben gegängelt sieht, Halt. Der ist dringend geboten, denn das vorherrschende Gefühl in ihrem Leben ist Angst: Vor dem Chef, der Armut, dem Krebs. Und dem „vaterurteil“.
Das Wort ist eine Anspielung auf Kafkas Novelle „Das Urteil“, die mit dem Sturz der Hauptfigur Georg Bendemann in den Fluss endet. Das lyrische Ich, dem man bei Görlach begegnet, fällt zwar nicht ins Wasser, aber aufs Trottoir. Möglicherweise niedergestreckt von Schwindel oder einer Panikattacke: „mich dreht was, welle jagt heran, steht – steht/bricht zehn meter über mir.“ In einem vorangegangen Gedicht saß man bereits mit ihm im Wartezimmer eines Arztes, später werden dann „pfleger“ erwähnt.
Axel Görlach, 1966 in Kaufbeuren geboren, lebt heute als Fotograf und Lyriker in Nürnberg. Zuvor studierte er Pädagogik, Literaturwissenschaft und Philosophie, später noch Deutsch als Zweitsprache. Die Interessengebiete fließen in seine schon mehrfach preisgekrönten Gedichte ein, die nicht selten auch die Gegenwart durchleuchten, Gesellschaftskritik üben. Zum Beispiel wenn die Rede davon ist, dass „bildungsministeriales grinsen von greisen“ über Wohl und Wehe des Nachwuchses entscheidet, der in „klassenzellen“ zu „empfängern“ geformt wird. Weniger plakativ die Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut. Mit dem Sprachspiel „pommes rotweiß statt schwarze flagge weißrot“ gibt er es kurz und bündig der Lächerlichkeit preis. Nichts fürchten die Rechten schließlich mehr als Humor!
Im Mittelpunkt von „halserzmohnz“ steht aber das schwer angezählte Ich auf der Suche nach sich selbst. Die gestaltet sich im Zeitalter von Digitalisierung und Deepfakes immer schwieriger: „winke einem leben, hey bist meins du?“ Höchstens gelingt eine Annäherung, die aber auch nur stammelnd, wie man an Görlachs Sprache sieht. Aufmüpfig verzichtet er auf Artikel, scheut den Kalauer nicht, und korrekten Satzbau hebelt er durch Wortumstellungen aus. So wird Sinn multipliziert oder geht gleich flöten: „alles liegt am wort traue mich und ihm und nie.“
Seinen philosophischen Hintergrund verschweigt Görlach nicht. En passant nennt er Adorno, spielt mit dem Begriff vom „rasenden stillstand“ auf einen Essay des Franzosen Paul Virilio an und betrachtet eingehend eine Schwarzweiß-Fotografie des starken Rauchers und Existenzialisten Camus. Dieser taucht mit seiner berühmten Interpretation des Sisyphos-Mythos gegen Ende noch einmal auf. Danach müssen wir uns den schlauen Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen und damit allen Krisenbeschreibungen zum Trotz auch: Axel Görlach.
Axel Görlach, halsermohnz. Gedichte. Vogel & Fitzpatrick Verlag GbR Black Ink, Scheuring 2025. 36 Seiten geheftet, 8 Euro.