Leipzig. Etliche der Männer und Frauen, die sich an diesem Samstagnachmittag auf dem Hof der Laurentiuskirche in Reudnitz tummeln, tragen ein Vyshyvanka. An einem kleinen Verkaufsstand werden die traditionellen weißen Leinenhemden mit den kunstvollen, farbigen Stickereien auch gleich angeboten.

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Nur ein paar Schritte weiter offerieren Frauen leckeres Gebäck. Auf ihrem Tisch duften auch zwei schöne Karawai. Eines dieser üppig mit Ähren und Blättern dekorierten süßen Hochzeitsbrote aus Mehl, Wasser und Salz ziert der Schriftzug „Ukrajina“.

Gemeindepfarrer Bohdan Luka spricht zum Beginn der Unabhängigkeitstagsfeier ein Gebet.

Gemeindepfarrer Bohdan Luka spricht zum Beginn der Unabhängigkeitstagsfeier ein Gebet.

Hinter der Bühne, auf der Pfarrer Bohdan Luka ein Gebet spricht, bevor ein buntes Kulturprogramm mit Liedern aus der Heimat beginnt, erstreckt sich ein mehrere Meter langes Banner in den blau-gelben Nationalfarben der Ukraine.

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Seit dreieinhalb Jahren kämpft die Ukraine ums Überleben

Es ist ein besonderer Tag für die Besucherinnen und Besucher. Die meisten sind Ukrainer, aber auch einige Deutsche sind gekommen, zum Fest am Vortag des 34. Jahrestages der Unabhängigkeit der Ukraine. Des Landes, das sich seit nunmehr dreieinhalb Jahren gegen die militärische Großinvasion Russlands verteidigt. Eingeladen haben die ukrainische Griechisch-Katholische Gemeinde, die ukrainische Gemeinschaft Leipzig Oberih („Amulett“) und die ukrainische Samstagschule Namysto („Halskette“).

Ukrainischen Besucher des Festes in Reudnitz singen die Nationalhymne ihres Landes.

Ukrainischen Besucher des Festes in Reudnitz singen die Nationalhymne ihres Landes.

„Der 24. August ist die Verkörperung des jahrhundertelangen Strebens und Kampfes der Ukrainer für die Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung als eigenständiger Staat”, sagt Severyn Flyunt vom Freundeskreis der Ukrainer in Leipzig. „Dieser Kampf dauert bis heute an. Wir glauben an den Sieg.“ Sein Land wolle Frieden, aber nicht um den Preis, dass die Ukraine als Staat von der Weltkarte verschwinde. „Dafür wurde im Laufe der Jahrhunderte und insbesondere in der heutigen Zeit ein zu hoher Preis bezahlt“, mahnt Flyunt.

Wie die 19-jährige Tanja nach Leipzig kam und was sie hier vorhat

Worte, die auch Tanja ans Herz gehen. Die 19-jährige Kiewerin lebt erst seit fünf Monaten in Leipzig. Sie ist eine von über 10.000 Ukrainern, die in Leipzig Zuflucht suchen. Ihre Eltern hatten sie dazu gedrängt, das Land zu verlassen, als die Angriffe auch auf die Hauptstadt zunahmen. Weil eine Tante von ihr schon seit drei Jahren in Leipzig ist, kam auch sie hierher.

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In der Wahlheimat gefalle es ihr sehr, erzählt sie. „Aber ich habe oft Heimweh.“ Sie hat mittlerweile ein Angebot für ein Praktikum in einer Klinik, will sich danach überlegen, ob sie eine Ausbildung oder ein Studium aufnimmt.

Die 19-jährige Tanja lebt seit fünf Monaten in Leipzig. Ihr traditionelles, reich besticktes Hemd und die ukrainischen Hochzeitsbrote ("Karawai") symbolisieren eine tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat.

Die 19-jährige Tanja lebt seit fünf Monaten in Leipzig. Ihr traditionelles, reich besticktes Hemd und die ukrainischen Hochzeitsbrote („Karawai“) symbolisieren eine tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat.

Die junge Frau steht für eine Entwicklung, die auch Leipzigs Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning zufrieden stimmt. Die Integration der Menschen aus der Ukraine in den Arbeitsmarkt komme mittlerweile gut voran, sagt der SPD-Politiker, der dem Fest ebenfalls einen Besuch abstattet und sich dazu auch ein traditionelles besticktes weißes Hemd angezogen hat.

Tanja hat indes wenig Hoffnung, dass es mit Donald Trump zu einem gerechten Frieden für ihr Land kommen werde. Der US-Präsident will, dass die Ukraine die von den Russen eroberten Gebieten im Osten abtritt. Was sie davon hält? „Das ist eine schwierige Frage“, gesteht Tanja. „Es ist unsere Heimat, wie müssen sie schützen.“ Aber andererseits weiß sie: „Die Männer sind sehr müde.“ Auch ihr Bruder kämpft für das Überleben der Ukraine an der Front.

Leipziger Delegation am Unabhängigkeitstag in Kiew

Für die Ukrainer, die an diesem Nachmittag die Unabhängigkeit ihres Heimatlandes feiern, ist es wichtig zu spüren, dass sie nicht allein sind, dass sie in Europa, in Deutschland und auch in Leipzig Solidarität erleben.

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Auch aus diesem Grund befindet sich noch bis 26. August auf Initiative der Stiftung Friedliche Revolution eine sechsköpfige Gruppe aus Vertretern der Leipziger Zivilgesellschaft in der ukrainischen Partnerstadt Kiew. Dort treffen sie unter anderem mit Vertretern kommunaler Verwaltungen zusammen und nehmen am Unabhängigkeitstag am Sonntag an einer Gedenkveranstaltung teil.

LVZ