Nach jahrelangem politischem und juristischem Streit ist in Berlin die bisherige Mohrenstraße umbenannt worden und trägt nun den Namen Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Bei einem Festakt auf dem Hausvogteiplatz in Mitte wurden am Sonnabend die Straßenschilder symbolisch enthüllt und die Umbenennung damit offiziell vollzogen. Zu der Feier eingeladen hatte der Verein Decolonize Berlin, der sich mit anderen Organisationen seit Langem für den Namenswechsel eingesetzt hatte.

Mittes Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Grüne) zeigte sich in ihrer Rede erfreut über die Umbenennung. „Ich möchte mich bedanken, gerade bei Decolonize Berlin und bei all den Initiativen, den Schwarzen Initiativen, die gekämpft haben – so lange kämpfen mussten, dass man sich fast dafür schämen muss.“ Am Ende aber: „Wir haben gewonnen“, sagte die Bürgermeisterin von Mitte unter großem Applaus.

Stefanie Remlinger (Mitte, Bündnis 90/Die Grünen), Bezirksbürgermeisterin von Mitte, enthüllt das neue Straßenschild auf der Feier zur Umbenennung der Berliner Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße.

© dpa/Fabian Sommer

„Ich glaube, dass wir als deutsche Gesellschaft insgesamt bei dem Thema Dekolonialisierung noch viel zu tun haben“, fügte Remlinger hinzu. „Wenn wir Anton Wilhelm Amo ehren mit dieser Benennung (…), dann steht dahinter für mich der ehrgeizigste Satz der deutschen Sprache: Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Politische Prominenz

Kurz nach Beginn der Veranstaltung hatten sich nach Schätzung einer Tagesspiegel-Reporterin rund 500 Teilnehmende versammelt. Eine offizielle Teilnehmerzahl der Polizei gab es nicht. Im Publikum fand sich auch politische Prominenz, darunter die ehemalige Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch und der Berliner Abgeordnete Tobias Schulze (beide Linke), die früheren Grünen-Senator:innen Bettina Jarasch und Daniel Wesener sowie der Vorsitzende der Berliner Grünen, Philmon Ghirmai, und die Berliner Abgeordnete Tuba Bozkurt (ebenfalls Grüne).

Die Umbenennung sei ein Ergebnis „beharrlicher demokratischer Arbeit“, hatte Bozkurt, die im Abgeordnetenhaus als Sprecherin für Antidiskriminierungspolitik ihrer Fraktion fungiert, bereits im Vorfeld der Umbenennung mitgeteilt. „Für viele Schwarze Menschen war dieser Straßenname eine tägliche Erinnerung an Ausgrenzung – jetzt setzen wir ein klares Signal für Respekt und Vielfalt.“

„Es ist ein Zeichen der Hoffnung, dass wir nach so langer Zeit die Umbenennung feiern können“, sagte Tobias Schulze. Die Umbenennung der Rudi-Dutschke-Straße habe seinerzeit nur zwei Jahre, diese hingegen 30 Jahre gedauert. „Danke, dass ihr alle so lange drangeblieben seid“, sagte der Linken-Abgeordnete – und ergänzte mit Blick auf das nahegelegene Humboldt-Forum: „Dekolonialisierung ist natürlich nicht vorbei.“

Dodua Otoo: „Es ist geschafft“

Redner verschiedener Initiativen betonten bei dem Fest, die Umbenennung stelle keine Formalie dar. Vielmehr sei sie Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels.

„Es ist geschafft: Seit heute haben wir in Berlin endlich eine Anton-Wilhelm-Amo-Straße“, rief die britisch-deutsche Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo bei ihrer Rede. Allerdings: „Eine Ehrung, die erst mit Gerichtsverfahren durchgesetzt werden muss, ist nicht gelungen“, fuhr sie fort.

„Eine Ehrung, die erst mit Gerichtsverfahren durchgesetzt werden muss, ist nicht gelungen“, sagt Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo in ihrer Rede.

© Teresa Roelcke

Dodua Otoo erzählte von ihrem Sohn, der als Kind in der Mohrenstraße eine Kita besucht habe. Jeden Morgen sei sie mit ihm an der U-Bahn-Haltestelle Stadtmitte ausgestiegen, um den U-Bahnhof mit dem alten Namen zu vermeiden. Hätte sie heute ein kleines Kind, fuhr Dodua Otoo fort, würde sie künftig mit Stolz an der umbenannten U-Bahn-Haltestelle aussteigen und ihm alles über Anton Wilhelm Amo erzählen.

Die Umbenennung fand am Internationalen Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung statt. Neben der symbolischen Enthüllung der neuen Straßenschilder gab es Redebeiträge, Performances und Musik.

Anton Wilhelm Amo: Philosoph und Jurist afrikanischer Herkunft

Anton Wilhelm Amo, geboren um 1703 im heutigen Ghana, war der erste bekannte Philosoph und Jurist afrikanischer Herkunft an deutschen Universitäten. Er lehrte in Wittenberg, Halle und Jena. Die Umbenennung erfolgt damit in direkter Abgrenzung von der jahrhundertealten Bezeichnung Mohrenstraße, die heute von vielen als rassistisch wahrgenommen wird. Gegner der Umbenennung argumentierten allerdings, die Namensgebung für die Mohrenstraße vor 300 Jahren sei nicht rassistisch, sondern wertschätzend gemeint.

Bezirke-Newsletter: Mitte

Mehr Neuigkeiten zum Bezirk gibt es in unserem Newsletter — jede Woche per E-Mail.

Noch bis Freitagabend hatte der Namenswechsel auf der Kippe gestanden, nachdem das Berliner Verwaltungsgericht dem Eilantrag eines Anwohners überraschend stattgegeben und die neue Namensgebung gestoppt hatte. Der Bezirk legte dagegen Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) ein, das erst wenige Stunden vor der Feier den Weg für den Namenswechsel frei machte.

Initiative Schwarzer Menschen: „Wir brauchen eine Umkehr“

Der Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, Tahir Della, zeigte sich erleichtert, dass die Umbenennung wie geplant erfolgen konnte. Schwarze Menschen hätten immer deutlich gemacht, dass dieser Begriff bei ihnen rassistisch ankomme.

Würden solche Begriffe im öffentlichen Raum beibehalten, werde eine rassistische Perspektive reproduziert, sagte Della dem RBB-Inforadio. „Das heißt, wir brauchen tatsächlich eine Umkehr, einen Perspektivwechsel, der auch deutlich macht oder ermöglicht, dass wir uns auch wirklich mal diesen Perspektiven nähern, die Schwarze Menschen einnehmen.“

Kritik von Geschäftsleuten, es entstünden zum Beispiel Kosten wegen der Umbenennung, entgegnete Della: Die müssten in Kauf genommen werden, um einen antirassistischen öffentlichen Raum zu kreieren.

Hilton-Hotel: „Starkes Signal für Vielfalt und Weltoffenheit“

Betroffen von der Umbenennung ist unter anderem das Hotel „Hilton“. Von dort hieß es: „Die Anpassung der Adresse in allen Bereichen nehmen wir im gesamten Team mit Freude vor.“ Die Umbenennung sei ein „starkes Signal für Vielfalt und Weltoffenheit“.

Mehr zum Streit um den Straßennamen: Umbenennung der Berliner Mohrenstraße Hier spiegeln sich Jahrhunderte deutscher Geschichte – von Marx bis Merkel Symbolpolitik im besten Sinne Die M-Straße in Berlin wird umbenannt – und das ist auch gut so Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Berliner Mohrenstraße kann am Sonnabend umbenannt werden

Der seit Jahren andauernde Streit um die Umbenennung geht allerdings vor Gericht weiter. Noch immer sind Verfahren gegen die behördliche Anordnung offen. Allerdings hatte schon das Verwaltungsgericht in seinem Beschluss deutlich gemacht, dass die Anwohnerklagen gegen die Umbenennung wenig Erfolg haben dürften. (mit dpa)