annabelle: Jessica Jurassica, «Gaslicht» beginnt mit einer Süssigkeit: Die Protagonistin macht beim Kägifret-Gewinnspiel mit und gewinnt eine Weltreise. Warum gerade diese Süssigkeit?
Jessica Jurassica: Erstens, weil es das Gewinnspiel tatsächlich gibt. Zweitens: Ich mag Kägifret, es ist ein so typisch schweizerischer Snack aus dem Toggenburg und hat für mich den gleichen Vibe wie das Migros-Restaurant oder Rivella – Dinge, die mich an meine Grosseltern erinnern. Vor allem aber mochte ich die Parallele zu Niklaus Meienberg.
Sie meinen das Buch «Der andere Niklaus Meienberg» (1998, Weltwoche Verlag) von Aline Graf, das in «Gaslicht» immer wieder vorkommt. Darin schildert Graf ungeschönt die Affäre zwischen ihr, die zu Beginn der Beziehung 27 Jahre alt war, und dem 17 Jahre älteren, berühmten Journalisten Niklaus Meienberg, der verspricht, ihre Karriere als Autorin zu fördern. Er hält die Beziehung bis zu seinem Tod 1993 geheim und besucht sie fast ausschliesslich spontan in ihrer Wohnung. Eines ihrer wenigen Treffen in der Öffentlichkeit findet an einer Tankstelle statt: Er kauft sich ein Kägifret, fordert sie auf, es für ihn auszupacken, und «verschlingt es wie ein Bär», wie Sie zitieren.
Die Meienberg-Geschichte hängt eng mit den Themen meines Buchs zusammen: Es geht um Gewalt und Macht und Männer in den Medien. Journalisten, die zu Helden stilisiert werden und ihre Position gegenüber jungen Frauen ausnutzen, sind kein Phänomen der letzten paar Jahre, diese Art von Gewalt hat eine Geschichte. Ich mochte die überspitzte Timeline: Meienberg verschlang in den 90ern an einer Tankstelle ein Kägifret, und etwa dreissig Jahre später schreibe ich ausgehend von einem Kägifret-Gewinnspiel einen #MeToo-Roman.
Die Protagonistin in «Gaslicht» blickt an einer Stelle selbst zurück auf eine kurze Affäre mit einem deutlich älteren Journalisten. Schon als es passiert, fühlt sich für sie etwas daran seltsam an. Später, als ähnliche und schlimmere Verstrickungen des Journalisten bekannt werden, kann sie das Machtgefälle deutlich benennen, sie sagt: «Er hätte mich haben können und zerschlagen wie Porzellan.» Hat sich Ihr Blick auf solche Verhältnisse mit zunehmendem Alter stark verändert?
Machtverhältnisse haben mich schon immer interessiert. Im ersten bekannten Text von mir über Pietro Supino ging es darum, diese spielerisch umzudrehen. Weil in den letzten zehn Jahren durch #MeToo eine neue Feminismuswelle entstand, habe ich mehr Begriffe gefunden für Erfahrungen, die mir vorher ein diffus unangenehmes Gefühl gaben. Ich glaube, gerade unsere Generation, die Millennials, ist sehr unfeministisch sozialisiert worden, auch durch die Popkultur der 2000er. Es gab eine Art Loch in unserer Kindheit, in dem viel feministisches Wissen verloren ging, das lange zuvor erarbeitet wurde.