Ein Schiff der Hilfsorganisation SOS Méditerranée sucht nach einem in Seenot geratenen Migrantenboot. Dann eröffnet die libysche Küstenwache das Feuer. Die Organisation spricht von einem „vorsätzlichen und gezielten Angriff“.

Ein Schiff der Hilfsorganisation SOS Méditerranée ist nach Angaben der Gruppe von der libyschen Küstenwache beschossen worden. Das Schiff war auf der Suche nach einem Migrantenboot gewesen, das in Seenot geraten war.

20 Minuten lang habe die Küstenwache am Sonntag auf die „Ocean Viking“ gefeuert, hieß es in einer Mitteilung von SOS Méditerranée vom Montag. Das Schiff befand sich in internationalen Gewässern rund 40 Seemeilen nördlich der Küste des nordafrikanischen Landes. Verletzt wurde niemand, doch meldete die Organisation erhebliche Schäden an dem Schiff.

Die „Ocean Viking“ habe demnach von den italienischen Behörden zuvor die Erlaubnis erhalten, an besagter Stelle ein Flüchtlingsboot zu retten, erklärte die Hilfsorganisation. Eine Patrouille der libyschen Küstenwache habe dem Schiff aber „illegal befohlen, das Gebiet zu verlassen und Kurs auf Norden zu nehmen“. Die Besatzung habe zugestimmt.

„Trotzdem haben zwei Männer an Bord der Patrouille ohne jede Warnung oder Ultimatum das Feuer eröffnet“, erklärte SOS Méditerranée. Die Männer der Küstenwache hätten „mindestens zwanzig Minuten lang unaufhörlich geschossen“. Die Schüsse hätten Einschusslöcher „auf Kopfhöhe“ verursacht, mehrere Antennen zerstört, Fenster zerbrochen und Rettungsmaterial beschädigt.

Besatzung soll an italienische Marine verwiesen worden sein

Die Besatzung setzte nach Angaben der Hilfsorganisation einen Notruf ab und alarmierte die Nato. Die „Ocean Viking“ sei an ein Schiff der italienischen Marine verwiesen worden, „das am Telefon nie geantwortet hat“.

SOS Méditerranée sprach von einem „vorsätzlichen und gezielten Angriff“ auf die Besatzung und das Rettungsmaterial. „Dies ist kein Einzelfall: Die libysche Küstenwache hat eine lange Vorgeschichte unverantwortlichen Verhaltens, das Menschenleben auf See gefährdet, Menschenrechte grob verletzt und von einer völligen Missachtung des internationalen Seerechts zeugt“, teilte die Organisation weiter mit.

Sie rief die europäischen Staaten auf, in der Migrationspolitik jegliche Zusammenarbeit mit Libyen zu beenden. Die EU-Kommission strebt nach Angaben von Migrationskommissar Magnus Brunner ein Abkommen mit Libyen an. Bereits jetzt fangen die libyschen Behörden zahlreiche Menschen auf der Flucht in Richtung Europa ab, von denen viele unter gewaltsamen Bedingungen inhaftiert werden.

Die „Ocean Viking“ war am Montag mit 87 Migranten, die die Crew noch vor dem Angriff aus anderen Booten gerettet hatte, zurück auf dem Weg nach Italien. Die Einsatzleiterin von SOS Méditerranée, Soazic Dupuy, erklärte, ihre Organisation verlange lückenlose Ermittlungen zu den Vorgängen. Die Urheber der lebensgefährdenden Angriffe müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Die libysche Küstenwache äußerte sich zunächst nicht. Beobachter sprachen von einem der wohl bisher gewalttätigsten Zwischenfälle zwischen einem europäischen Rettungsschiff und der Küstenwache, die von der Europäischen Union ausgebildet, ausgerüstet und finanziert wird.

AP/AFP/ly