Die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine sind auch in der Stadt Kamianets-Podilskyi zu spüren. Esslingen hilft mit einer Solidaritätspartnerschaft.
Der Krieg verlangt den Menschen in der Ukraine alles ab – viele haben den russischen Angriff vor dreieinhalb Jahren seither mit dem Leben bezahlt. Die Hilfsbereitschaft war von Anfang an groß – auch in Esslingen. Oberbürgermeister Matthias Klopfer hat im April 2023 die westukrainische Stadt Kamianets-Podilskyi besucht, um Weichen für eine Solidaritätspartnerschaft zu stellen. Inzwischen sind daraus florierende Kontakte geworden, die Katrin Radtke, die Esslinger Beauftragte für Städtepartnerschaften, auch ein persönliches Anliegen sind. Esslingen und Kamianets-Podilskyi verbindet viel – nicht nur die Tatsache, dass beide Städte rund 100 000 Einwohner zählen und eine historische Festungsanlage besitzen. Im Gespräch mit unserer Zeitung gibt Mykhailo Positko, der Oberbürgermeister der ukrainischen Stadt, Einblick in das Leben der Menschen vor Ort, und er skizziert Perspektiven für weitere Kontakte.
Wir hören und sehen viel über die Ukraine. Wie erleben Sie diese schlimme Zeit?
Die Menschen in der Ukraine erleben diese Zeit sehr unterschiedlich – je nachdem, in welchem Teil unseres Landes sie leben. Zum Glück ist unsere Stadt noch nicht unmittelbar angegriffen worden, aber der Krieg ist trotzdem sehr präsent für uns. Jeden Tag gibt es Alarm, jeden Tag fliegen Raketen über uns hinweg. Russland verfolgt eine neue Strategie gegen die Ukraine. Tagtäglich senden sie Drohnen, um unsere Luftverteidigung zu schwächen. Dann folgen die eigentlichen Angriffe – nicht nur auf militärische Ziele, sondern auch auf Schulen, soziale Einrichtungen oder Krankenhäuser.
Mykhailo Positko, der Oberbürgermeister der ukrainischen Stadt Kamianets-Podilskyi. Foto: privat
Dieser Krieg dauert schon so quälend lange. Macht das die Menschen nicht mürbe?
Nach drei Jahren ist dieser Krieg unsere Realität geworden. Abends hoffen die Menschen, dass sie die Nacht überleben. Tagsüber versuchen sie, so viel Normalität wie möglich zu leben. Manche weigern sich sogar, bei Alarm in den Bunker zu gehen, auch wenn das gefährlich ist. Schlimm ist, wenn Menschen vor Sorge nicht mehr schlafen können und doch funktionieren müssen.
Auch wenn Kamianets-Podilskyi noch von keinem direkten militärischen Angriff getroffen wurde, ist der Krieg in vielen Familien sehr präsent, weil Angehörige verletzt, getötet oder an der Front im Einsatz sind …
Es gibt viele Opfer, aber wir haben keine andere Wahl, als weiterzukämpfen. Wir kämpfen für unsere Unabhängigkeit, für die Demokratie nicht nur in unserem Land, und wir kämpfen vor allem für alle Menschen, die in Frieden und Freiheit leben wollen. Russland tut alles, um uns zu schwächen – nicht nur mit militärischen Mitteln, sondern auch inmitten unserer Gesellschaft. Sie bezahlen Menschen, die Terrorakte im Landesinneren verüben. Und sie versuchen, Streit zu säen. Aber sie machen zum Glück Fehler. Russland dachte, wir würden ihren Angriff mit Blumen beantworten und sie könnten Kiew in drei Tagen einnehmen. Aber wir werden nie aufhören, uns zu wehren. Jede Unterstützung, die wir bekommen, hilft uns. Alleine können wir die russischen Angreifer nicht stoppen. Alle müssen alles dafür tun, dass anderen Ländern in Europa nicht das passiert, was uns passiert ist.
Welche Hilfen wären im Moment am wichtigsten?
Wir müssen unterscheiden zwischen staatlichen Hilfen und der Unterstützung auf kommunaler Ebene. Auf staatlicher Ebene brauchen wir mehr Waffen – vor allem Hilfe bei der Luftverteidigung. Wenn das jetzt nicht geschieht, wird es später viel teurer für ganz Europa. Dann geht es nicht mehr allein um Geld. Zwischen einzelnen Städten passiert inzwischen viel – auch zwischen Esslingen und uns. Das hilft uns sehr.
Wo sehen Sie in Ihrer Stadt konkret den größten Handlungsbedarf?
Wir tun alles, um den Menschen zu zeigen, dass das Leben trotz des Krieges weitergeht. Wir würden gerne mehr tun für die Entwicklung unserer Stadt, aber im Augenblick steht die Verteidigung an erster Stelle. Ein großes Problem ist, dass so viele Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren an der Front gebraucht werden. Die Arbeiten, die sie bisher in ihren Zivilberufen gemacht haben, müssen aber weiterhin gemacht werden. Deshalb müssen wir versuchen, so viel wie möglich in allen Bereichen von Wirtschaft und Verwaltung zu automatisieren. Dabei brauchen wir Unterstützung durch Technik und durch Know-how.
Der Ukrainekrieg hat auch in Kamianets-Podilskyi viele Opfer gefordert. Foto: privat
Was hat die Solidaritätspartnerschaft mit Esslingen bislang für die Menschen in Ihrer Stadt gebracht?
Das Wichtigste ist für uns, zu spüren, dass es in Esslingen Menschen gibt, die uns helfen wollen. Die Esslinger Stadtverwaltung hat schon viel für uns getan. Ich denke da nicht nur an humanitäre Hilfen, die natürlich sehr wichtig sind. Es geht auch um längerfristige Perspektiven: Wie kann man zerstörte Städte rekonstruieren? Wie kann man mehr Grün in die Stadt bringen? Aber auch bei Themen wie dem Klinikum oder dem Nahverkehr kann ein fachlicher Austausch sehr hilfreich sein. Das gilt für viele Bereiche – zum Beispiel auch für den Jugendaustausch, der so wichtig ist. Irgendwann wird dieser schlimme Krieg vorüber sein, und dann wollen wir eine gute Zukunft für unsere Stadt gestalten. Dabei ist unsere Partnerschaft mit Esslingen von großer Bedeutung. Das ist nicht nur eine Zusammenarbeit – daraus ist eine Freundschaft geworden.
Gibt es bei Ihnen schon Pläne, welche Projekte Sie dann gerne zusammen mit Esslingen angehen würden?
Es gibt viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit – politisch, kulturell, administrativ, sozial und wirtschaftlich. Wir haben viele Firmen, da könnten wir uns durch Kooperationen gegenseitig stärken. Vor allem aber freuen wir uns darauf, wenn nach diesem Krieg Menschen aus Esslingen zu uns kommen und uns in unserem Heimatland so erleben, wie wir wirklich sind: offen, freundlich und zugewandt. Wir wollen nicht nur als Geflüchtete wahrgenommen werden.
Was können wir von Ihnen lernen?
Wir sind in diesen drei Jahren stärker geworden und können gerne zeigen, wie man in schwierigen Situationen ein bisschen widerstandsfähiger wird. Der Krieg zwingt uns, uns in vielen Bereichen sehr schnell weiterzuentwickeln. Da könnten unsere Erfahrungen hilfreich sein. Wir mussten leidvoll erleben, was ein Krieg in diesen Zeiten bedeutet. Da hat sich viel verändert. Wir mussten lernen, wie man sich gegen solche Bedrohungen besser schützen kann. Unsere beiden Städte können viel voneinander profitieren.
Die Stadt im Kurzporträt
Geschichte
Kamianets-Podilskyi ist eine der ältesten Städte der Ukraine und wurde 1106 erstmals urkundlich erwähnt. Unter polnischer Herrschaft erhielt die Stadt im 14. Jahrhundert eine mächtige Festung. Zeitweise gab es mehr als 30 Kirchen und Klöster. 1941 ermordeten SS-Einsatzgruppen in Kamianets-Podilskyi 23 000 Juden .
Gegenwart
Kamianets-Podilskyi liegt in der Westukraine und zählt etwa 100 000 Einwohner. Mit ihrer historischen Kulisse gilt die Stadt als beliebtes Touristenziel. Seit Kriegsbeginn suchen dort viele Menschen aus umkämpften Regionen Zuflucht, was die Stadt vor Herausforderungen stellt. Esslingen pflegt seit April 2023 eine Solidaritätspartnerschaft mit Kamianets-Podilskyi.
Zukunft
Für die Zeit nach dem Ukrainekrieg hat Kamianets-Podilskyi bereits eine Zukunftsstrategie: Verstärkt sollen neben Touristen auch neue Investoren kommen und gute Voraussetzungen für innovative Entwicklungen finden.