Stand: 12.04.2025 14:13 Uhr

Geflüchtete aufnehmen oder das Dorf verriegeln? Ein Thema, das der tschechische Komponist Bohuslav Martinů 1957 zu einer Oper machte. Am Freitag ist sie auf die Bühne der Staatsoper Hannover gekommen – geradlinig inszeniert und mit beeindruckenden Stimmen.   

von Agnes Bührig

Munteres Treiben am Ostersonntag im griechischen Dorf Lykovrisi. Nach dem Festgottesdienst verteilt Priester Grigoris die Rollen fürs Passionsspiel im kommenden Jahr. Doch plötzlich wird die Idylle der Gläubigen und Dorfbewohner von einer Gruppe Fremder gestört. Es sind Geflüchtete, deren eigenes Dorf niedergebrannt wurde. Freud und Leid stehen plötzlich nebeneinander, auch in der Musik sind sie zu vernehmen.

Generalmusikdirektor Stephan Zilias: „Musik entspringt dem vollen Leben“

„Die Musik entspringt dem vollen Leben – aus allem, was in diesem Dorf die Leute bewegt“, erklärt Dirigent und Generalmusikdirektor Stephan Zilias. „Das, was die Menschen dort seit jeher geprägt hat, findet dort seinen Niederschlag: in den liturgischen Gesängen, der Volksmusik mit dem Akkordeon oder der Bühnenmusik. Alles wechselt wahnsinnig schnell, als ob man sich permanent in so einer Art Mosaik oder einem Panoptikum befindet.“ 

Auch der Bühnenraum öffnet sich facettenreich: weiße, mobile Wände bilden ein Labyrinth aus Gängen. Auf Leinwände links und rechts neben der Bühne wird das Geschehen, zuweilen auch gefilmt von oben, projiziert. Manchmal wirkt das verwirrend, etwa, wenn die reale Szene von Jesusbildern überlagert wird. Dann wieder ist es nah am Geschehen, wenn der leidende Jesusdarsteller Manolios direkt in die Kamera blickt. 

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Plakatmotiv der Staatsoper Hannover für "The Greek Passion". Das Bild zeigt eine Frau mit langen Haaren, die eine schwarze Lederjacke trägt und den Jackenrevers in beiden Händen hält. Der Hintergrund ist dunkel, und es gibt einen blauen und roten Lichteffekt auf der Person, der eine Art 3D-Effekt erzeugt. © Staatsoper Hannover Foto: Clemens Heidrich

Humanität und Nächstenliebe sind zentrale Themen in der Oper „The Greek Passion“ von Bohuslav Martinů.
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Tenor Christopher Sokolowski: „Publikum will die Rohheit sehen“

Dargestellt wird Manolios vom amerikanischen Tenor Christopher Sokolowski. Er findet: „Wir haben heutzutage ein Publikum, das durch Dinge wie Netflix sehr daran gewöhnt ist, Emotionen in den Gesichtern zu begegnen. Ich denke, dass es für die Oper sehr wichtig ist, sich auf diese Verwandlungen einzulassen und nicht zu zaghaft damit umzugehen, wie wir die Charaktere auf der Bühne fürs Publikum öffnen. Das Publikum will heute mehr denn je diese Rohheit sehen.“

Rohheit, Verzweiflung, Ausweglosigkeit – am Ende erleidet Jesus-Darsteller Manolios, der den Geflüchteten trotz allen Widerstands im Dorf hilft, selbst den Tod. Christopher Sokolowski singt ihn mit seinem kraftvollen Tenor und beeindruckt mit seiner christlichen Entrücktheit. Katerina, die beim Passionsspiel als Maria Magdalena auftreten soll, verkörpert die neuseeländische Sopranistin Eliza Boom mit ihrem klaren Sopran als starke Gegenkraft der Liebe. Doch am Ende kann auch sie Manolios nicht retten.

Drei Chöre auf der Bühne: Feine Nuancen trotz Größe 

Ein Mann lehnt sich an eine Wand, in der ein waagerechtes Leuchtelement eingelassen ist. Daneben steht eine Frau und streckt eine Hand nach ihm aus. © Sandra Then


Verzweiflung und Ausweglosigkeit: Jesus-Darsteller Manolios (Christopher Sokolowski) mit Maria Magdalena (Eliza Boom) in „The Greek Passion“

„Am Ende dieser Inszenierung wird er ziemlich radikal, bis zu dem Punkt, dass er die Gesellschaft zerstören will“, so Tenor Sokolowski. „Natürlich sind es gute Absichten – die hier aber schief gelaufen sind, mit denen es zu weit gegangen ist.“ Der Sinn des Stücks sei, das Taumeln zwischen zwei Extremen zu zeigen. „Dem Publikum stellt sich die Frage: Was ist hier die richtige Entscheidung?“ 

Geradlinig, fast dokumentarisch inszeniert die tschechische Regisseurin Barbora Horáková „The Greek Passion“ ihres Landsmannes Bohuslav Martinů. Chor, Extrachor und Kinderchor der Staatsoper Hannover entlockt Chordirektor Lorenzo Da Rio trotz ihrer Größe auch die feinen Nuancen. Am Ende belohnt das Publikum die Aufführung mit langanhaltendem Applaus und begeisterten Bravorufen.

Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ lobt die musikalische Umsetzung der Produktion, stört sich aber an einem Übermaß von christlicher Symbolik in der Inszenierung. Die Regisseurin „flute die Bühne mit Zeichen und Wundern“, heißt es in der Kritik zur Aufführung. Das Stück werde so auf eine „musikdramatische Herrgottsschnitzerei“ reduziert. Die ganze Rezension lesen Sie hier.

Oper „The Greek Passion“ in Hannover: Geflüchtete als Prüfstein 

Am Freitag ist das Werk des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů auf die Bühne der Staatsoper Hannover gekommen. 

Art:
Bühne
Datum:
22.04.2025, 19:30 Uhr
Ort:

Staatsoper Hannover
Opernpl. 1
30159  Hannover

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur |
Der Sonnabend |
12.04.2025 | 06:20 Uhr

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Oper

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